Von neuen Aufbrüchen

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

der 31.0ktober 1517: in einer kleinen eher unscheinbaren Universitätsstadt mir Namen Wittenberg schlägt ein Mönch und Inhaber einer biblischen Professur an der Wittenberger Schlosskirche seine 95 Thesen zur Diskussion des Ablasshandels und der Bußfrage an und möchte damit eine innerkirchliche, innertheologische Diskussion führen, die ihn ganz persönlich auf der Suche nach einem gnädigen Gott, der ihn bestehen lässt als sündigen und umkehrwilligen Menschen umtreibt. So war das womöglich damals in der Zeit vor den schwarzen Brettern und er hat wohl nicht geahnt , welche Lawine er damit lostritt. Das war mit Sicherheit auch nicht seine Absicht.

30.Oktober 2003: schon seit einigen Tagen und Wochen läuft durch die Medien ein Kinotrailer, der eine deutsch-amerikanische Koproduktion ankündigt: Luther – die Geschichte des Mannes , der die Welt verändert. Mit eindrucksvollen, spannungsgeladenen und energischen Bildern sollen wir eine starke, Geschichte schreibende Persönlichkeit kennenlernen, deren Bild sich auch bei jungen Leuten tief einprägt. Actionkino von selten gesehener Oberflächlichkeit kritisieren die einen, Luther als Kassenschlager einer Popgeneration – und Wiederentdeckung grundlegender religiöser Themen und Auseinandersetzung mit der Kirche der Reformation für eine ganze Generation kirchenfremder, säkularisierter Zeitgenossen jubeln die anderen. Man wird sehen.

31.Oktober 2003: für die meisten jungen Leute aber ein Datum mit ganz anderer Bedeutung: Halloween. Süßes oder Saures rufen die Kinder, wenn sie verkleidet vor den Türen stehen und im Dunkel umherziehen. Wie vorgezogener Karneval und das Spielen mit dem Gruseln und Nervenkitzeln ist dieses Fest, das von irischen Einwandern in den USA stammt und Deutschland in den letzten Jahren fest in den Griff bekommen hat.

Wir feiern Reformationstag und wissen womöglich gar nicht so genau , wie uns geschieht. Wie hören die Worte aus der Bergpredigt von der Seligkeit, von der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit und versuchen irgendwie den Bogen zu schlagen von diesem geschichtlichen Ereignis vor fast 500 Jahren, den bohrenden und drängenden Fragen eines einzelnen Mönches, aber auch einer ganzen Generation von Menschen, die um ihr Seelenheil bangen, die Angst um ihre Existenz haben, weil sie von Armut, Krankheit , Tod, Unterdrückung, Weltuntergangsstimmung umgeben sind. Gerechtigkeit war ein mit Angst besetztes Thema, den gerechten Fürsten erlebten sie selten, den gerechten Gott hat man sie fürchten gelernt.

Reformen einer mächtigen, starken und korrumpierbaren Kirche waren im Sande verlaufen und auf dem Scheiterhaufen geendet. Die Seligpreisung der Verfolgten, der Armen, der Leidenden, der Hungernden und Dürstenden war nur ein schwacher Trost auf bessere , auf andere, aber nicht diesseitige Tage.

Es gibt nur wenige Anlässe wo Nähe und Distanz, Vertrautheit und Fremdheit so dicht beieinander liegen.

Die Themen sind uns ja nicht fremd.

Existentielle Sorgen wandeln sich, bleiben aber Lebensbegleiter egal zu welcher Zeit. Es mag heute nicht mehr die Frage nach dem Seelenheil sein, aber die Fragen nach der eigenen Zukunft, nach der beruflichen Perspektive sind genauso drängend. Woran soll ein Jugendlicher noch glauben, wenn auch die zwanzigste oder dreißigste Bewerbung um eine Lehrstelle erfolglos bleibt oder aber die Arbeitslosigkeit nach der überbetrieblichen Ausbildung unvermeidlich erscheint. Es ist doch nicht nur die fehlenden Bereitschaft und die fehlende Qualifikation einer ganzen Generation von Schulabgängern, sie sind doch in einem prägenden und begleitenden Milieu groß geworden. Was haben sie denn da gelernt , beobachtet bei den Menschen, mit denen sie gelebt haben?

Menschen, die um ihre Betriebe bangen, die Angst vor dem erneuten Besuch auf dem Arbeitsamt haben, die glauben mit 50 am Ende zu sein, die wissen, wie bohrend , schmerzend und zerstörerisch solche Ängste um die nackte Existenz sein können.

Kann man da von Gerechtigkeit reden ? Luther fragte nach Gottes Gerechtigkeit, aber kann man sie lösen von der Gerechtigkeit, die wir im Leben und im Alltag erfahren. Luther hatte Angst vor der strafenden Gerechtigkeit Gottes, wir fragen nach der Rechtfertigung des Gottes, von dem wir gehört haben, dass er barmherzig und gnädig sei, und das angesichts der Fülle von sozialen, wirtschaftliche, politischen und schicksalhaften Ungerechtigkeiten.

Generationsgerechtigkeit in der Rentenfrage, soziale Gerechtigkeit bei allen Sparprogrammen, Gerechtigkeit für die Völker im Konflikt zwischen Nord und Süd, Ost und West. Oder gibt es Lebensgerechtigkeit bei dem, was uns an Freude und Leid im Laufe der Lebenszeit zugemutet wird.

Ja, Themen wie existentielle Ängste und Gerechtigkeit sind uns nicht fremd, aber sie stellen sich heute unter ganz anderen Vorzeichen, aber genauso drängend dar.

Mit der Reformation Martin Luthers wurde eine Bewegung losgetreten, die das Geicht der Welt und der Gesellschaft veränderte und die treibende Kraft, die Quelle für alle Neuansätze, die Richtschnur für alles Denken und Handeln war die Heilige Schrift.

Ich denke, dass die Erinnerung an die Reformation vor 500 Jahren unter uns in der Kirche (Wachsen gegen den Trend; missionarischer Auftrag) und in der Gesellschaft viel an Aufbrüchen bewirken kann.

Sie kann Angst vor Veränderungen nehmen. Wenn sie unvermeidlich sind, wenn sie in der Luft liegen, dann kommen sie und wenn sie sich leiten lassen vom Geist der Heiligen Schrift, dann werden sie Zukunft eröffnen.

Wir müssen uns lösen von dieser Verunstaltung des Begriffes Reform als Ausdruck eines unbequemen und womöglich ungerechten Verteilungskampf hin zu der Verheißung und Chance, dass Veränderung um der Zukunft willen möglich ist.

Genau das, liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, ist die Botschaft der Seligpreisungen: Veränderung ist möglich und sie beginnt schon heute. Die Seligpreisungen fragen , wie es denn um die Hungernden, Trauernden, Verfolgten, nach Frieden und Gerechtigkeit lechzenden steht und sie bekommen verheißen, dass das künftige Heil schon heute beginnt. Das ist Maßstab für alle Reformationsbemühungen, für Erneuerung und Annäherung an die Wurzeln.

Seligkeit darf dabei ein Thema sein, nicht nur Gerechtigkeit und Frieden.

Lange Zeit sind die Seligpreisungen gerade in der Folge der reformatorischen Frage nach einem gnädigen Gott sehr innerlich gelesen und gehört worden: wie kann ich meine Seele retten, ihr Ruhe und Heil verschaffen.

Aber Luthers Ringen war nicht nur ein individualistisch, innerliches Ringen um seinen Gott, das in die Herzenskammer gehört, sondern es war immer auch auf die Öffentlichkeit, auf die Universität, auf die Gesellschaft bezogen. So war sein Wirken in Wittenberg und sein Thesenanschlag auch zu verstehen.

Gerade wenn ich Jesu Rufe: „Selig seid ihr“ höre, dann spüre ich, dass es heute mit der Botschaft der Reformation im Rücken stärker als zuvor um das Bewährungsfeld geht, in dem wir als Christen und als Kirche stehen: zwischen Innerlichkeit, zwischen dem Glauben in meinem alltäglichen Leben und der Veränderung dieser Welt, die das zwangsläufig mit sich bringen muss, wenn Christen sich einmischen und mitmachen.

Das künftige Heil – es verändert heute schon.

Und die Aufgabenfelder, oder unser Platz in dieser Welt, in dieser Gesellschaft und bei der ganzen gegenwärtigen Diskussion um Reformen und Gerechtigkeit sind klar benannt.

Bei den Armen, die Matthäus arm im Geist nennt und damit Menschen meint, die das Leben niedergedrückt hat, die der Verzweiflung erlegen sind, deren Geist gebeugt ist, weil er resigniert hat, Menschen, die innerlich verhungern. Ebenso wie Menschen, die sich die Armut im Geiste bewahrt haben, weil sie die materielle Verlockungen, die Oberflächlichkeit und Blindheit einer reinen Spaß- und Konsumgesellschaft durchschaut haben.

Armut ist keine Schande, Armut ist keine Strafe, Armut soll und darf kein Schicksal sein. Selig sind sie und wir mit ihnen, denn ihnen gehört das Himmelreich und sie schmecken es schon.

Bei den Leidtragenden, denn sie suchen Trost und Begleitung und sie haben einen Gott an ihrer Seite, der mit Jesus Christus alle Tiefen menschlichen Leides durchwandert hat, von der Ausgrenzung und Verspottung bis hin zu körperlichen Qualen. Trost und Begleitung ist ebenso ein Stück Himmel, wie das Engagement dafür, dass aufhört, was Menschen verletzt.

Bei den Sanftmütigen, die die Gewaltsspiralen durchbrechen wollen und nicht auf die Argumente der Stärke vertrauen ebenso wie bei denen, die noch nicht satt von Wohlstand und Sicherheit für Viele , aber nicht Alle, sind , sondern weiter hungern danach, dass alle die gleiche Lebenschance haben.

Bei denen, die nicht nur im Klientel denken, sondern versuchen das ganze im Blick zu haben, freien und reinen Herzens, und deshalb einen unendlichen Horizont entdecken und nicht am Tellerrand kleben bleiben: Gott.
Friedenstifter dürfen Kinder Gottes sein und man mag sie belächeln, ignorieren, für tot und altmodisch erklären, man mag sie verfolgen oder links liegen lassen. Ihnen gehört das Reich Gottes, sie bauen am Reich Gottes, sie schmecken Reich Gottes.

Zu dieser Gestalt miteinander neu aufbrechen, innerliche Seligkeit geschmeckt und zu äußerer Seligkeit geschickt, dass wäre, das ist Reformation, Erneuerung , Wiederentdeckung der Mitte und Anfangs, geleitet von der Heiligen Schrift und Hineingestellt in diese Welt und in diese Zeit.

Selig seid ihr, das möge Jesus auch von seiner Kirche sagen können.

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