Von Jesu Liebe umgeben (Joh 16,21)

Joh 16,21
[21] Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.

Liebe Eltern, liebe Paten!

Heute sind Ihre Gedanken bei Ihrem Kind – noch mehr und noch stärker als an den vorigen Tagen. Sie denken an alle die kleinen und großen Veränderungen, die sich seit der Geburt dieses kleinen Menschen in Ihrem Leben vollzogen haben. Aber Ihre guten Wünsche, Ihre Vorstellungen und Ihre Hoffnungen eilen der Zeit, eilen Ihrem Kind auch voraus. Ob Ihr Kind dort einmal ankommen wird, wo Ihre Gedanken heute möglicherweise schon sind?

Im 16. Kapitel des Johannesevangeliums lautet der 21. Vers: Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.

Ein Mensch ist geboren. Wir freuen uns. Trotz der Belastungen während der Schwangerschaft und der Geburt. Trotz der Veränderungen im bisherigen Tagesablauf, die auch Väter zu spüren bekommen. Trotz alledem: Die Freude erweist sich als stärker. Warum ist das so? Ein neuer Mensch ist da. Er erweckt durch seine rührende Hilflosigkeit unsere Liebe. Immer wieder erfahren wir es. Da ist jemand, der auf mich, der auf uns wartet, der auf Hilfe und Fürsorge angewiesen ist. Wir erleben Stunden eines erfüllten Lebens. Wir erfahren die Liebe, die bereit ist zu verzichten, aufzugeben: die Ruhe der Nacht und manches andere. Wir erfahren die Liebe, die hingibt und die trotzdem nicht ärmer wird, sondern reicher: Wir freuen uns.

Heute taufen wir Ihr Kind. Wir folgen der alten Überlieferung, die besagt, dass wir durch die Taufe unsere Kinder Gott übergeben. Ihm sollen sie gehören, nicht uns. Auch die Taufe ist also ein Akt der Hingabe: Wir verzichten auf unsere Besitzansprüche dem Kind gegenüber. Wir lassen unsere elterliche Autorität, unser Macht begrenzen, die kleine Kinder meistens als eine Art Allmacht erleben. Aber wir sparen gerade diese Stelle aus, besetzen sie nicht durch uns selber. Wir lassen sie frei für Gott: Die einseitige Abhängigkeit des Kindes von den Eltern wird in eine gemeinsame Abhängigkeit von beiden Gott gegenüber verwandelt. Wir lernen, unser hilfsbedürftiges Kind mit neuen Augen zu sehen. Es ist, was wir sind: ein Mensch, Gottes Geschöpf, unser kleinster Partner und Lebensgefährte. Wir taufen Ihr Kind heute. Wir übergeben es Gott. Und wir erhalten es zurück als Geschenk, für das wir Gott verantwortlich bleiben: Wir nennen den Namen Jesu Christi über Ihrem Kind. – Jenen Namen, der für die Liebe steht, die nicht besitzen will, sondern die sich hingibt und verschenkt bis zur Selbstaufopferung am Kreuz. Können wir diese Liebe weitergeben an unsere Kinder?

Kleine Kinder machen uns unsere Liebe normalerweise leicht. Denn sie können noch nicht reden, uns noch nicht widersprechen. Aber später? Nicht ohne Grund sagt man: „ Kleine Kinder, kleine Sorgen; große Kinder, große Sorgen.“ Der eigene Wille des Kindes meldet sich. Es kommt zum Konflikt. Die Grundsätze unserer Erziehung zerbrechen an der Eigenart unseres Kindes. Wir stehen hilflos da und wissen nicht, was wir tun sollen.

Können wir auch dann noch gute, d.h. liebende Eltern bleiben? Eltern, die um der Kinder willen ihre Erziehungsgrundsätze auch aufzugeben bereit sind, weil dieses Kind anders erzogen werden muss als wir erzogen worden sind, als wir uns die Erziehung eines Kindes vorgestellt haben?

Die Taufe meint nun: Angst und Sorge werden von der Freude vertrieben. Denn: Die Liebe Jesu, die nichts festhält, um es zu besitzen, die sich nicht behaupten will, diese Liebe lässt uns nicht los. Wir können auf diese Liebe hören, wir können unser Tun an dieser Liebe prüfen – gerade auch in der Erziehung. Dann werden wir den Kindern die Freiheit der Liebe lassen: Wir werden unsere Vorstellungen und Wünsche nicht. Wir werden von ihnen lernen, uns verändern lassen. Wir werden es ihnen gestatten, anders zu sein, andere Wege zu gehen – selbst solche, die unseren Erwartungen nicht immer entsprechen. Wir sollen unsere Kinder nicht laufen lassen, wohl aber können wir sie freigeben, auch wenn es uns schwer fällt.

Schwierigkeiten, Sorgen, Hilflosigkeit – all das wird bestimmt auf uns warten in den Tagen, die auf diesen Tauftag folgen. Die Freude kann trotzdem das letzte Wort behalten. Ein neuer Mensch ist in unsere Welt hineingeboren, voller heimlicher und noch unentwickelter Möglichkeiten. Wir können ihm helfen, ein erfülltes Leben zu lernen: durch Liebe, die nicht besitzen, die sich nicht selbst durchsetzen will, sondern die hingibt und schenkt. Von dieser Liebe Jesu sind wir umgeben. Sie will uns nicht ärmer machen, sondern reicher. Wir wollen sie weitergeben an unsere Kinder. Denn sie sind Gottes Eigentum. Sie tragen wie wir den Namen Jesu Christi. Darum wird die Freude das letzte Wort behalten und alle Angst überwinden.

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