Von engen Beziehungen …

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

das ist nach meinem Geschmack so richtig ein seelsorgerlicher Sonntag, Balsam für unsre gequälten und verängstigten
Gemüter. Für einen Augenblick werden alle Bilder in mir , die Angst einflößen oder die mich ratlos machen, weil sie die
Unbarmherzigkeit der Welt und des Lebens zeigen, weggeschoben. Keine Kriegsbilder, kein soziale Existenzangst, keine unvorhersehbaren Naturkatastrophen, die meine Ohnmacht bedienen, sondern meine Sehnsucht und mein Wunsch nach Geborgenheit werden heute morgen ausgesprochen, suchen und finden Worte und Bilder.

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ oder „Christus spricht: ich bin der gute Hirte“. Das tut gut, ohne dass ich es groß erklären muss. So kann ich nämlich am Krankenbett ebenso wie am Sterbebett oder am Geburtstagskaffeetisch beten und ich muss nicht viel erklären, weil jeder versteht, dass Schutz, Fürsorge und Geborgenheit Ursehnsüchte sind, gerade, wenn ich der Illusion beraubt bin, doch Schmied meines eigenen Glückes sein zu können. Manchmal haben wir eben keine Gelegenheit mehr unser Leben selber zu planen und zu gestalten, dann sind wir ausgeliefert und hoffen, dass es ein guter Hirte ist, dem
wir in die Hände fallen, einer, der es mit uns gut meint.

Aber spätestens hier muss dann Schluss sein mit aller Wald-, Wiesen- und Feldromantik, die uns so schnell und so wohlig einlullt. Eigentlich ist es nämlich zumindest eine doppeldeutige Symbolik, die Jesus benutzt, mit der er überkommene
Vorstellungen nicht nur bedient, sondern auch durchkreuzt oder in Frage stellt.
Ja, er ist er Gute Hirte.

Und er will durchaus, dass in uns der 23.Psalm zu klingen beginnt: und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte
ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Bei ihm ist solches Vertrauen und solche Geborgenheit auch möglich.
Das hat etwas mit Größe, mit Bedeutung und mit Anerkennung zu tun, dass sich in Jesus all diese Erfahrungen, die das Volk Israel in seiner Glaubensgeschichte gemacht hat, hier noch einmal verdichten und treffen. Jesus ist der tiefste Ausdruck dafür, wie fürsorglich Gott ist. Er ist die Einladung, zu glauben und zu vertrauen, sich bei Gott aufgehoben zu fühlen.

Aber der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

Hier kommt eine Dimension mit ins Bild, die überhaupt nicht mehr idyllisch und romantisch, sondern knallharte Realität
ist.

Menschen lassen ihr Leben. Jesus lässt sein Leben.

Daran ändert aller Glaube vorerst nichts , dass der Tod real und mächtig ist und jeden einmal trifft, jeden zu seiner
Zeit. Jesus lässt sein Leben wie es Menschen eben tun – bis heute.

Aber er tut es im Bild gesprochen, in dem er die Rollen vertauscht. Der Hirte wird zum Opferlamm, das zur Schlachtbank
geführt wird. Der Hirte denkt an sich zuletzt und gibt alles, auch das Leben, um die, die ihm anvertraut sind, die zu ihm gehören, zu schützen. Und sage da noch einer, das wäre Idylle oder Romantik.

Wer könnte von sich schon solche Konsequenz, die bis in den Tod reicht, behaupten. Ich würde für mich nicht die Hand ins Feuer legen und weiß, dass ich allein mit meiner eigenen Kraft dafür nicht garantieren will. Am Ende ist doch eigentlich jeder sich selbst der Nächste.

Jesus nicht. Und auch das ist wohl Teil des Geheimnisses von Karfreitag und Ostern, dieses „für uns“. Wir erahnen noch gar nicht genau, was das bedeutet, dass Jesus für uns, für unsere Gottesferne, für unsere Gedankenlosigkeit, für unsere Todverfallenheit sein Leben gelassen hat, damit am Ende sein Leben und seine Auferstehung auch „für uns“ gelte.

Diese Konsequenz, diese Radikalität seiner Fürsorge und seiner Liebe ist das eine. Das andere nicht minder wichtige und womöglich überraschende ist für mich die Intensität der Beziehung, die aus diesen
Worten und dieser Konsequenz spricht.
Für wen würden wir unser Leben aufs Spiel setzen? Von wem könnten wir wahrhaftig sagen, ihn zu kennen?

Da kommt nur jemand in Frage, mit dem uns etwas untrennbar verbindet, mit dem wir in enger Gemeinschaft leben, den wir
lieben. Da braucht es eine Überzeugung, eine Gewissheit, die stärker ist, als alle Angst und alle Selbstverliebtheit. Es gibt solche Menschen, aber sie sind rar gesät und das sage ich ohne Vorwurf.
Und was kann eigentlich die einzig angemessene Antwort auf solche konsequente Liebe sein?

In der Sprache der Bibel. Der Glaube
Mit meinen Worten: das ich mich auf eine Beziehung, auf Gemeinschaft mit dem einlasse, dem ich so wichtig bin und auch die Gemeinschaft mit den anderen, um mich herum zulasse.

Viele sagen, die Krise der Kirche hat ihre Wurzeln auch in der zunehmenden Bindungsunfähigkeit oder
Bindungsunwilligkeit vieler Zeitgenossen. Aber der Glaube und die Gemeinschaft, die er hervorbringt, leben von Beziehung.
Von der Beziehung zu dem, den wir guter Hirte nennen und von der Beziehung untereinander, vom gemeinsamen Singen, Feiern, Beten, Erzählen, Essen und Trinken, wie wir es heute und hier im Gottesdienst tun.
Beziehungslosigkeit beschreibt sicherlich ganz gut die Situation und die Problematik am Beginn des 21.Jahrhunderts. Aber damit müssen und dürfen wir uns nicht einfach abfinden.
„Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall. auch sie muss ich herführen.“

Schöner kann man es doch eigentlich gar nicht sagen, dass wir uns als versammelte Gemeinde nicht einfach genug sein können; dass Jesus nicht einfach nur Hirte, Freund, Bezugsperson weniger sein will.
Beziehung ja, Exclusivität nein. So stelle ich mir die Herde Jesu vor, zu der ich dann gerne gehören will, nicht als „dummes“ Schaf, wohl aber von Gott
geliebtes und gefordertes Gegenüber, Teil einer lebendigen und nötigen Gemeinschaft, die offen, neugierig und
verbindlich ist, weil sie mit dem einen, Jesus Christus verbunden ist.

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