Von der „Judensau“ zum „Saujuden“

Predigt zum 79. Jahrestag der Pogromnacht von 1938 zum Antisemitismus Martin Luthers und dem mittelalterlichen Motiv der „Judensau“ im Rahmen des ökumenischen Friedensgebets am 7. November 2017 in der evangelischen Kirche Kaldenkirchen:

Liebe ökumenische Andachtsgemeinde!

Wir begehen dieses Gedenken an die Pogrome vom 9./10. November 1938 in unserem Ort nicht, um mit dem Finger auf unsere Vorfahren zu zeigen – selbst nicht auf die unmittelbaren Täter, die zweifellos schwere Schuld auf sich luden, als sie in der Pogromnacht Synagogen schändeten, jüdische Menschen verletzten, zu Tode brachten oder inhaftierten, jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüsteten und Menschen ins Exil trieben.

Aber es ist zu einfach, auf die Nazis von damals mit dem Finger zu zeigen. Denn diese Menschen sind mittlerweile ja alle tot, und man könnte nun leicht auf den Gedanken kommen, die Schuld von damals habe sich mit dem Wegsterben der Tätergeneration endgültig erledigt. Das hat sie aber nicht.

Wir begehen dieses jährliche Gedenken an die Pogromnacht gerade in unseren Kirchen, um uns bohrenden Fragen zu stellen:

Wie konnte es damals dazu kommen, dass mitten im christlichen Abendland, im Herkunftsland von Goethe und Schiller, Judenhass salonfähig wurde, jüdische Bürgerinnen und Bürger ausgegrenzt und schließlich aus der Mitte unserer Gesellschaft deportiert und in Vernichtungslagern ermordet wurden, nur weil sie Jüdinnen und Juden waren?

Wie war es möglich, dass die Kirchen nicht einhellig aufschrien, als Juden aller Bürgerrechte beraubt und als Menschen ohne Lebensrecht abgestempelt wurden?

Die Antworten auf diese bohrenden Fragen haben mit unserer christlichen Tradition der Judenfeindschaft zu tun. Wir müssen uns als Christinnen und Christen – gerade im Gedenken an die sogenannte „Kristallnacht“ – immer wieder dem Judenhass in unserer eigenen Tradition stellen – angefangen bei den Kirchenvätern der frühen christlichen Kirche wie Tertullian, Johannes Chrysostomus, und Aurelius Augustinus über die Kreuzzüge und die spanische Inquisition, über Martin Luther bis hin zu den „Deutschen Christen“ in der Nazizeit.

Welche Ressentiments und welche schlechte Theologie haben uns in unserer christlichen Tradition dazu gebracht, Juden zu hassen und ihnen letztlich sogar das Lebensrecht in unserer Mitte abzusprechen?

Haben die christlichen Missionare noch zu den Juden gesagt: „Ihr könnt unter uns nicht als Juden leben!“, so entschieden die Herrscher des Spätmittelalters: „Ihr Juden dürft nicht unter uns leben.“ Und die Nazis beschlossen: „Ihr dürft nicht leben.“

Die Verfolgung und Ermordung von Juden im Europa der Nazi-Herrschaft war deshalb möglich, weil christliche Judenfeindschaft die Gewissen der Menschen über Jahrhunderte korrumpiert und narkotisiert hatte.

Die Nazis mit ihrem rassischen Antisemitismus hatten deshalb leichtes Spiel darin, Jüdinnen und Juden aus der Gesellschaft auszugrenzen und den größten Völkermord der Geschichte in die Wege zu leiten.

„Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen!“, sagte Dietrich Bonhoeffer in dieser dunklen Zeit. Allein, er blieb einer der wenigen einsamen Rufer.

Es ist so wichtig, dass wir die Vorurteile, die Ressentiments und vor allem auch die schlechte Theologie, die zum Judenhass in unseren Kirchen geführt hat, erkennen, benennen und aus unserem Glauben radikal – das heißt mit der Wurzel ! – ausreißen und aus unserer Tradition entfernen.

 

Erlauben Sie mir, im Jahr des 500jährigen Reformationsjubiläums etwas zu Martin Luthers Judenhass zu sagen und zu einem vulgären Motiv des Judenhasses, das zwar vorreformatorisch ist und aus der spätmittelalterlichen Kirche stammt, aber von Martin Luther auf eine für uns heute unfassbare Weise aufgenommen und gepredigt wurde. Ich meine das Motiv der sogenannten „Judensau“, das im Spätmittelalter eine besonders perfide Art der Dämonisierung von Juden war.

Ich hatte in den Sommerferien Gelegenheit, Wittenberg zu besuchen. An der Südostecke der Stadtkirche St. Marien befindet sich seit etwa 1290 ein Hohn- und Spottbild auf das Judentum. Schmähplastiken dieser Art waren in Deutschland im Spätmittelalter weit verbreitet; sie sollten Juden davon abhalten, sich in der Stadt niederzulassen. Bis heute gibt es in Deutschland noch ca. 25 „Judensau“-Motive vor allem an und in Kirchen.

Die Plastik „Judensau“ ist überschrieben: „Rabini Schem haMphoras“.

„Schem haMphoras“ bedeutet – aus dem Hebräischen übersetzt: „der ausdrücklich festgelegte“, aber eben unaussprechliche „Name“. Das nimmt Bezug darauf, dass Juden der Gottesname, der im Hebräischen mit den vier Konsonanten „J“, „H“, „W“ und „H“ angedeutet ist, so heilig ist, dass sie ihn nicht wirklich aussprechen, sondern an seine Statt Platzhalter wie „Adonai, HERR“, „der Heilige“, „der Ewige“, „Der Name“ usw. setzen. Die Schmähplastik der Judensau will also polemisch darstellen, was der christliche Betrachter des Mittelalters von dem „unaussprechlichen Gottesnamen der Rabbiner“ zu halten habe.

Man sieht – ein Schwein. Eine Sau. Für Juden ein unreines Tier. Doch hinter ihm beugt sich ein Rabbiner herab, hebt den Schwanz der Sau hoch und blickt prüfend in den After. Unter dem Schwein sieht man Juden, erkennbar an ihrem spitzen Judenhut, die genüsslich an den Zitzen der Bache saugen. Ein kleines Ferkel, das ebenfalls säugen will, schieben sie beiseite.

Das Judensau-Relief an der Wittenberger Stadtkirche stellt ein betont perverses, verhöhnendes Bild dar, das Abscheu und Ekel erregen sollte.

„Der Jude“ erscheint nun als solcher als eine widerwärtige Kreatur. Zudem trägt das Motiv den Titel „Schem haMphoras“, bringt also den biblischen Gottesnamen mit einem für gläubige Juden unreinen Tier in Verbindung. Es bedeutet damit für sie eine ungeheure Blasphemie.

Die Stadtkirche „St. Marien“ war Martin Luthers Predigtkirche in Wittenberg und somit der Ausgangspunkt der Reformation. Täglich kam Luther auf seinem Weg von seinem Haus, dem „schwarzen Kloster“, zur Stadtkirche an diesem Motiv der „Judensau“ vorbei, und er hat es auch in seine Predigten und Schriften einbezogen.

So hat er seine judenfeindliche Schmähschrift von 1543 mit dem Titel Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“ versehen. Darin deutetet er das Motiv der Judensau wie folgt:

„Es ist hier zu Wittenberg an unserer Pfarrkirche eine Sau in Stein gehauen, da liegen junge Ferkel und Juden drunter, die saugen. Hinter der Sau steht ein Rabbiner, der hebt der Sau das rechte Bein empor, und mit seiner linken Hand zieht er den Bürzel über sich, bückt und guckt mit großem Fleiß der Sau unter dem Bürzel in den Talmud hinein, als wollte er etwas Scharfes und Sonderliches lesen und ersehen; daselbst her haben sie gewisslich ihren Schem haMphoras.“

Damit bezog Luther die Judensau auf den Talmud, die schriftlich fixierte jüdische Auslegungstradition der Bibel, und verhöhnte damit die biblische Exegese der Rabbiner und den jüdischen Glauben insgesamt als eine schmutzige Lächerlichkeit: „Ihr treibt es in Wirklichkeit mit Schweinen! Und Euer Glaube an den Schem haMphoras, den unaussprechlichen Gottesnamen, ist eine Sauerei!“

So schloss er jeden denkbaren theologischen Dialog mit Juden und die Anerkennung ihres eigenständigen Glaubens aus.

Die Darstellung von Juden in körperlicher Gemeinschaft mit einer Sau ist aber noch weit mehr als religiöse Feindseligkeit. Sie denunziert Juden als abartig, spricht ihnen menschliche Würde und Rechte ab und setzt sie Schweinen gleich, die einerseits den Juden als „unrein“ gelten und die andererseits in der christlichen Mehrheitsgesellschaft geschlachtet werden.

 

Was macht man mit solch einem schrecklichen Erbe?

Nun – die „Judensau“ hängt auch heute – 730 Jahre später – immer noch an der Fassade der Stadtkirche.

Allerdings wurde 1988 eine in Bronze gegossene Bodenplatte des Bildhauers Wieland Schmiedel direkt unter der Judensau enthüllt. Sie zeigt vier gegenseitig verkippte Trittplatten, die in ihren Fugen Quetschungen zeigen und zugleich ein Kreuzzeichen ergeben. Der umlaufende Text des Schriftstellers Jürgen Rennert nimmt Bezug auf die Inschrift an der Schmähplastik der Judensau. Sie sagt:

„Gottes eigener Name, der geschmähte Schem Hamphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in 6 Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen.“

Ja, es war nur ein winziger Schritt von der „Judensau“ zum „Saujuden“!

Wie schmerzlich nicht nur für evangelische Christen sind die Worte Martin Luthers gegen die Juden in seinen letzten Lebensjahren. Und es ist gerade jetzt, zum Abschluss des 500jährigen Reformationsjubiläums, wichtig, dass wir es nicht unter den Tisch kehren. In seinen Schriften „Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“ und „Von den Jüden und ihren Lügen“ – beide von 1543 – brachte Martin Luther übelste Worte voller Obszönitäten und Judenhass zu Papier:

Juden seien „blutdürstig“, „rachsüchtig“, „das geldgierigste Volk auf der Welt“, „leibhaftige Teufel“, „verstockt“, der „Abschaum der Menschheit“, und sie „lästern den Herrn Jesus Christus“. Ihre „verdammten Rabbiner“ verführten die christliche Jugend wider besseres Wissen, sich vom wahren Glauben abzuwenden. Mehrmals unterstellte Luther den Juden auch die Bereitschaft, die Brunnen zu vergiften und christliche Kinder zu rauben und zu ermorden. Juden seien eine „Grundsuppe aller losen, bösen Buben“ aus aller Welt und hätten sich „wie die Tataren und Zigeuner“ zusammengerottet, um die christlichen Länder auszukundschaften und hinterhältig allerlei Schaden anzurichten.

Daraus folgen für Luther folgende Maßnahmen, die er der weltlichen Obrigkeit gegenüber den Juden durchzusetzen empfiehlt:

„Erstlich, dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke sehe ewiglich…

Zum zweiten: dass man ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre, denn sie treiben eben dasselbe darin, das sie in ihren Schulen treiben. …

Zum dritten: dass man ihnen alle Betbüchlein und Talmudisten nehme, worin solche Abgötterei, Lügen, Fluch und Lästerung gelehrt wird

Zum vierten: dass man ihren Rabbinen bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren….

Zum fünften: dass man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe, denn sie haben nichts auf dem Lande zu schaffen, weil sie nicht Herren noch Amtsleute noch Händler noch dergleichen sind; sie sollen daheim bleiben.

Zum sechsten: dass man ihnen den Wucher verbiete und ihnen alle Barschaft und Kleinod an Silber und Gold nehme und zur Verwahrung beiseitelege.

Zum siebenten: dass man den jungen starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiße der Nasen.“

Ich hatte in den Sommerferien die Gelegenheit, in Berlin eine Ausstellung mit dem Titel „Überall Luthers Worte… Martin Luther im Nationalsozialismus“ zu besuchen.

Es schaudert einen, wenn man sieht, wie sehr die Nazis und ihre Parteigänger in der evangelischen Kirche, die „Glaubensbewegung Deutsche Christen“, Martin Luthers als Gewährsmann für ihren Judenhass vereinnahmen konnten. Und tatsächlich hat Luther ja alle staatlichen Verfolgungsmaßnahmen gegen Juden – ausgenommen nur die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ in den Gaskammern von Auschwitz – bereits in seinen Schriften gutgeheißen, ja sogar gefordert.

Und Julius Streicher, der oberste Ideologe des Antisemitismus in Nazi-Deutschland und Herausgeber der des judenfeindlichen Hetzblatts „Der Stürmer“, konnte noch im April 1946 während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse sagen: „Bei mir wurde ein Buch beschlagnahmt von Dr. Martin Luther, „Von den Jüden und ihren Lügen“. Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank, wenn dieses Buch von der Anklagevertretung in Betracht gezogen würde.“

Der thüringische evangelische Landesbischof Martin Sasse beklagte denn auch nicht etwa die Pogrome der „Kristallnacht“, sondern forderte:

„Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen… In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der der größte Antisemit seiner Zeit gewesen ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“  Er meinte das mit dem „größten Antisemiten“ tatsächlich als ein Kompliment an Martin Luther!

Martin Luther hatte zu Anfang seines Wirkens die Hoffnung, durch die Reformation die Juden zur Aufgabe ihres Glaubens und zur Hinwendung zum Christentum bringen zu können. Im Laufe der Jahre erkannte er aber die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens, und sein missionarisch-werbender Tonfall gegenüber dem Judentum schlug in Ablehnung, ja in Hass um.

 

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,

manche von Ihnen werden die mittelalterlichen Darstellungen von „Synagoga“ und „Ecclesia“, „Synagoge und Kirche“, an Kirchenportalen kennen, z.B. an den Kathedralen von Straßburg oder Bamberg. Die Synagoge trägt eine Augenbinde.

Richtiger wäre diese Augenbinde für die Ecclesia, die Kirche, die viele Jahrhunderte lang verblendet und blind gegenüber unseren jüdischen Schwestern und Brüdern gewesen ist.

Wir müssen heute neu lernen, dass wir als Kirche die Wahrheit des Glaubens nicht für uns gepachtet haben. Der Versuch, vermeintlich erkannte Wahrheit mit Gewalt durchsetzen zu wollen, ist erst recht ein Irrweg gewesen. Gott sei Dank sitzen wir als Kirchen heute immer weniger an den Schalthebeln der Macht. Kirche und Macht, das war immer eine unheilige Allianz.

Wir müssen lernen, das Nein Israels zum Glauben an einen Messias Jesus als einen Ausdruck der Treue zur überlieferten Torah und zum Glauben der Väter zu verstehen und zu akzeptieren. Israel wird als unsere ältere Schwester im Glauben an Gott immer neben uns als Kirche stehen. Weder Judenmission noch Vernichtungsphantasien haben daran etwas geändert. Die Juden sind die Geschwister Jesu und durch Jesus Christus sind sie unsere Schwestern und Brüder. Es geht jetzt darum, partnerschaftlich voneinander zu lernen, Trennendes auszuhalten, und den Rest getrost Gott zu überlassen.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat das einmal sehr schön so ausgedrückt: „Ihr Christen glaubt, dass der Messias schon gekommen ist und einmal wiederkommen wird. Wir Juden glauben, dass er noch kommen wird. Warten wir also, bis er kommt, dann können wir ihn ja fragen, ob er schon einmal hier gewesen ist. Und ich werde ihn dann beiseite nehmen und ihm zuflüstern: Sag’s nicht!“

Amen.                                                                       

Pfarrer Andreas Grefen/26/08/17

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