Vom Reiz des Verbotenen… (Genesis 3, 1-19)

Kinder sind von Natur aus Entdecker. Nichts ist vor ihnen sicher. Alles muss genau angeschaut, untersucht, gegebenenfalls auseinander genommen und, wenn es geht, auch wieder zusammengebaut werden. Die Welt will eben begriffen werden: wer, wie, was, warum….wer nicht fragt, bleibt dumm! So ist es !
Die Mutter aber trieb die Neugier und der Forscherdrang ihres Sohnes oft an den Rande des Wahnsinns. Am schlimmsten war es, wenn sie ihn extra warnte: Hände weg…das mir da nicht rangehst, das geht dich nichts an, ich warne dich…Dann war die Neugierde erst recht geweckt.
Verbote machen ja auch Dinge erst richtig interessant. Und Strafen schrecken nicht ab. Ihr Sohn jedenfalls verstand überhaupt nicht, was seine Mutter eigentlich hatte, warum sie so reagierte und dabei manchmal so völlig aus dem Häuschen war.
Wäre es besser, Neugierde gar nicht erst mit Verboten auf bestimmte Ziele auszurichten?
Und wer will eigentlich mit welchem Recht verbieten, Dinge zu ergründen, zu erforschen und zu erproben?
Ohne Entdeckergeist gäbe es doch auch keinen zivilisatorischen Fortschritt, wäre die Welt den Menschen immer noch verschlossen.
Neugierde und Forscherdrang haben Welten entdecken lassen, technischen und medizinischen Fortschritt ermöglicht, lassen uns weit in die Geschichte des Lebens zurück und tief in die Weiten des Universum hinein blicken.
Ob wir ohne diese Neugierde noch im Paradies wären oder doch eher immer noch auf den Bäumen hocken würden, sei einmal dahingestellt.
Zeitlos war und ist aber auch die Grenzenlosigkeit, mit der der Mensch seiner Neugierde nachgibt. Grenzen, von denen ich eigentlich weiß, dass sie zu überschreiten gefährlich sein kann, halten nicht wirklich auf…
Was dem Menschen nützt, kann ihm eben auch schaden und wer will verhindern, dass Dinge und Einsichten, die nützen, nicht auch missbraucht werden.
Die Spaltung des Atoms hat ungeahnte Energien freigesetzt, aber damit kann ich auch Waffen mit unglaublicher Vernichtungskraft bauen.
Die Fähigkeit, den Bauplan des Lebens zu entziffern, hilft Krankheiten zu heilen oder zu verhindern. Aber wer will ausschließen, dass Menschen nun anfangen ihr Idealbild vom Menschen und seinem Leben zu designen, den Menschen also nach eigenem eigenem Bild zu formen?
Die pränatale Diagnostik hilft Eltern bei der Entscheidung, ob sie trotz genetischen Risikos Kinder bekommen oder nicht, eröffnet aber auch die Möglichkeit zu entscheiden, welches Leben als lebenswert gilt und das Licht der Welt erblicken darf und welches nicht.
Die Palliativmedizin, an der Grenze zwischen Leben und Tod, kann beim Sterben als Teil des Lebens helfen, wird sie aber zur missverstandenen Sterbehilfe, kann sie auch dazu führen, dass Menschen ihrem Leben zur falschen Zeit ein Ende setzen in der Annahme, damit anderen nicht länger zur Last zu fallen.
Der technische Fortschritt hat das Leben einfacher und komfortabler gemacht, unsre Welt, unseren Planeten Erde aber auch in Atemnot bis an den Rand des Kollaps gebracht. Der Klimawandel ist hausgemacht, seine Folgen erreichen uns, die Einsicht ist weltweit vorhanden, die Fähigkeit, die notwenigen Schlüsse daraus zu ziehen, ist aber nur mäßig ausgeprägt.
Die Erfahrung lehrt: nichts hält Menschen davon ab, Grenzen um der Neugierde willen zu überschreiten: keine Warnung, keine Gefahr, keine moralische Barriere, keine Angst, erst recht kein Verbot: ist das Interesse erst einmal geweckt, hat erst einmal einer gefragt oder gleich gesagt: was soll schon passieren; nur einmal einen Versuch, damit wir wissen, wovon wir reden; wir haben doch alles im Griff; was stecken für Möglichkeiten in diesen Entdeckungen…
Die alte Behauptung: warum sollte der Tod drohen, warten nicht viel mehr ungeahnte Möglichkeiten des Lebens auf uns?
Wir sind längst Herren dieser Welt geworden, wir sind längst Designer des Lebens, wir entscheiden längst über Leben und Tod, wir wissen um gut und böse, ja definieren erst, was gut und böse, was richtig und falsch, was erlaubt und verboten ist, halten Gericht und haben Gott als Instanz, als Weltenlenker und Richtschnur, überflüssig gemacht.
Es hat sich längst bewahrheitet, was die Schlange symbolisch als Frage lediglich in den Raum gestellt hat: ihr werdet sein wie Gott !
Wir werden diesen Zwiespalt nicht auflösen können. Gut und Böse, Segen und Fluch, der Auftrag Gottes, die Schöpfung zu verwalten und die Gefahr, sie dabei nicht nur zu beherrschen, sondern auch zu zerstören, liegen oft ganz nah beieinander und keiner kann genau sagen, wie die Grenze verläuft.
Ich kann darüber resignieren und so in Tatenlosigkeit verfallen, ich kann zwangsoptimistisch weiter so leben, als ob immer alles weitergehen wird, weil es bisher ja mehr oder weniger (wobei eigentlich zunehmend eher weniger) gut ausgegangen ist oder ich kann mich der Verantwortung stellen, immer wieder entscheiden zu müssen, auch in der Gefahr, schuldig zu werden.
Sich der Gefährdungen bewusst zu werden und die eigenen Grenzen zu akzeptieren ist dabei ein erster Schritt:
Davon erzählt sowohl die Geschichte vom sogenannten Sündenfall als auch die Versuchungsgeschichte Jesu in der Wüste.
Es fällt es uns so schwer zu akzeptieren, dass Gott wahrhaft Gott und wir Menschen wirklich Geschöpfe sind.
Wir verdanken uns einem anderen. Leben ist kein Anrecht, sondern ein Geschenk. Leben ist begrenzt und endlich, der Tod ist Teil unseres Lebens und unsere Einsicht und Erkenntnis ist auch immer nur ein Ausschnitt einer größeren und umfassenderen Wirklichkeit. Aber mit dieser Beschränkung zu leben, macht uns Menschen in Wahrheit nicht kleiner, wie wir meinen, sondern größer und würdiger in unserer Rolle als Geschöpfe, die nicht immer Herren sein müssen.
Wer lernt seine eigene Grenzen zu akzeptieren, kann seinen Mitmenschen auf Augenhöhe mit viel größerem Respekt und größerer Anerkennung begegnen, weil unterschiedliche Begabungen, Abstimmungen und Herkünfte gegenseitig bereichern und keinem etwas wegnehmen.
Wer die Grenzen seines Lebens annimmt, entdeckt den Reichtum seiner anvertrauten und geschenkten, und deswegen nicht unendlich verfügbaren, aber damit auch belanglosen Zeit.
Wer begreift, nicht alles in der Hand zu haben, wird fähig anderen, vor allem aber Gott zu vertrauen, der alles in allem ist.
Wer begreift, dass es Dinge gibt, die unsere Vernunft übersteigen, muss nicht alles wagen und erproben, sondern lernt die eigene Scheu, die eigenen Skrupel, auch die eigenen Bedenken ernst zu nehmen und zu schätzen.
Wer allerdings dem bohrenden Zweifel und dem Misstrauen in seinem Leben und herzen Raum gibt, der verliert alle Hemmungen, der definiert nach eigenem Gutdünken, was gut oder böse, was lebens- und liebenswert ist und was nicht, der tut, was er tun kann und nicht nur was ihm und anderen gut tut.
Wer meint, sein Leben völlig ohne Gott und damit ohne Maßstab und ohne Grenzen in der Hand zu haben, der wird es früher oder später verlieren und mit ihm viele andere dazu.
Warum das so ist, haben sich die Menschen immer wieder gefragt. Hat Gott, die Fähigkeit unser Ziel zu verfehlen in uns angelegt, ist der Sündenfall, der Aufstand oder die Befreiung des Menschen von Gottes Herrschaft in uns schon immer angelegt?
Die alten Geschichten haben auf die Frage nach dem „warum und woher?“ keine Antwort gegeben, aber an der Freiheit und der Verantwortung des Menschen immer festgehalten.
Eine Mensch ohne Entscheidungsspielraum, ohne Wahlmöglichkeiten, wäre nicht mehr Mensch, nach Gottes Bild geschaffen, um ihm auf Augenhöhe Gegenüber, Geschöpf zu sein.
Wei Gott ist und andere ernst nimmt, gibt er Raum zur Freiheit und zur Entscheidung.
Wer zweifelt statt zu vertrauen, hat ihn gründlich missverstanden. Gott will nicht durch Verbote einengen, sondern mit Angeboten zu verantwortlichem und reichem Leben in Freiheit einladen. Von daher sind natürlich die Abgründe rechts und links vom Weg immer eine Gefahr abzustürzen, aber zugleich auch Hilfe, den Weg dazwischen, den Weg zum Leben in Vertrauen und Gemeinschaft mit Gott zu finden, auch wenn es buchstäblich eine Gratwanderung ist, die mich aber davor bewahrt, mich in der unendlichen Weite des Lebensraumes zu verlieren.
Das Paradies hinter uns scheint verloren und verschlossen. Aber das Paradies in den Händen und im Herzen Gottes vor uns ist immer möglich, auch wenn der Weg dorthin schmal und gefährlich ist. Eingeladen dazu sind wir. Unsere Grenzen zu entdecken und anzunehmen sind wir in diesen Wochen der Passionszeit aufgefordert. Und Gott will sich dabei als guter Gott finden lassen, wenn wir seinem Wort vertrauen und nicht den Einflüsterungen des Zweifels und des Misstrauens erliegen. Dazu helfe er uns Tag für Tag neu. Amen

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