Vom guten Sinn der Regeln und Ordnungen (zu 5.Mose 30, 11-14)

Nachgeschlagen auf der Kinderseite „Wissen macht ah“ zum Thema „wer hat das Recht erfunden“?

„Seit Menschen in größeren Gruppen zusammenleben war es nötig, sich mit dem Thema zu beschäftigen und Regeln für das Verhalten des Einzelnen zu überlegen. Die älteste Gesetzessammlung, die im Wortlaut bekannt ist, ist der „Codex Hammurabi“ von König Hammurabi, der im 18. Jahrhundert vor Christus lebte. Das Ziel dieser Gesetze war Gerechtigkeit für alle.“

Hätten sie es gewusst?

Es ist spannend zu lesen, dass es im Kulturraum , in dem die Bibel und das von uns so genannte Alte Testament zu Hause ist, ganz ähnliche Bestimmungen und Regeln in schriftlichen Zeugnissen gab, wie in den mosaischen Gesetzen. Das macht sie ja nicht beliebiger, wenn sie ihre Exclusivität verlieren, sondern allgemeingültiger, wenn man begreift, dass sie altes Menschheitswissen sind: denn Leben und Zusammenleben braucht Regeln und Regeln müssen, damit sie von allen respektiert werden, verbindlich und durchsetzbar sein, sie müssen auch verhältnismäßig und vernünftig sein und sie müssen nach unsern heutigen Vorstellungen übergeordneten Grundentscheidungen und Grundwerten entsprechen, zu denen die Unversehrtheit der Menschenwürde und die Freiheit des Einzelnen gehört.

Ich muss nicht an Gott glauben, um die Sinnhaftigkeit bestimmter Regeln einzusehen und es ist erstaunlich wie alt dieses Wissen schon ist.

Die zehn Gebote kann ich ja getrost auch inhaltlich in zwei Tafeln einteilen (wie wir es wahrscheinlich aus Darstellungen und Verfilmungen auch kennen).

Da gibt es religiöse Bestimmungen, die das Verhältnis zu Gott, dem Gott und Befreier Israels, regeln – und es gibt Bestimmungen, die das Verhältnis der Menschen untereinander in Familie und Gesellschaft definieren. Deren Sinnhaftigkeit wird keiner anzweiflen und die gesellschaftlichen Verabredungen dieser Regeln finden sich in fast allen Kulturen. Wir haben sie im Evangelium zitiert gehört: Schutz des menschlichen Lebens, der Ehe, des Eigentums, Schutz vor Lüge und Respekt vor der älteren Generation der Eltern und Großeltern, eine Art biblischer Generationenvertrag, besonders wichtig in den Zeiten als es eine keine Sozialversicherungen gab und die Familie der soziale Schutzraum war.

Manchmal muss man allerdings den Sinn von Regeln lernen, vielleicht sogar schmerzhaft lernen.

Dass die Herdplatte heiß ist, begreifen von Natur aus neugierige Kinder, die Grenzen austesten müssen, um mit ihnen umgehen zu lernen, manchmal erst, wenn sie es wirklich ausprobiert haben: eine schmerzhafte, aber nachhaltige Erfahrungen. Denn jetzt haben es nicht nur die Eltern gesagt (die können ja viel erzählen), das Kind hat es ausprobiert…. Und wahrscheinlich fallen uns allen ganz ähnliche Beispiele ein.

Eine regellose Gesellschaft, die wird wohl nicht funktionieren. Anarchie ist keine Alternative, selbst wenn uns manche Ideen sympathisch erscheinen mögen: keine Hierarchie, also kein oben und kein unten, kein Privatbesitz, sondern: allen gehört alles, keine Trennung und künstliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern, weil alle gleichberechtigt sind…

Aber gerade solche Lebensformen, die auf die Gleichwertigkeit, Gleichrangigkeit und Gleichgültigkeit aller pochen, haben entweder besonders großen Kommunikations- , also Rede- bzw. Klärungsbedarf oder aber  sie brauchen besonders differenzierte Regeln. Mir fallen die basisdemokratischen Gehversuche der Grünen in ihren Anfangsjahren und das Kopfschütteln der beobachtenden Gesellschaft ein, aber auch unsere Versuche in einer Gemeinde, einer Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, Dinge einmütig zu klären, nicht durch Mehrheitsbeschluss, um nach Möglichkeit alle „mitzunehmen“. Das dauert manchmal alles seine Zeit und braucht Geduld.

Aber: so heißt es schließlich in der Konsequenz dieses Gedankens in der Barmer Theologischen Erklärung, dem Gründungsdokument der Bekennenden Kirche in Abgrenzung zu den totalitären Strukturen der NS-Diktatur: „Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern (begründen) die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes. 

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst besondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer geben und geben lassen.“

Ein Ideal, dem wir mehr oder weniger unbewusst verpflichtet sind, und doch merken, dass die Wirklichkeit anders aussieht und eben nicht alle und alles einfach gleich sind. Es gibt Unterschiede zwischen Menschen, es gibt Unterschiede in den Begabungen, auch in den Verantwortlichkeiten einschließlich aller Folgen des eigenen Handelns für andere. Gleichmacherei wird dem nicht allumfassend gerecht. Aber alle müssen das gleiche Recht haben, in ihren Bedürfnissen und mit ihrer Würde wahrgenommen zu werden.

Eltern aber z.B. müssen an bestimmten Punkten entscheiden und nicht mit den Kindern diskutieren, und dennoch  jeder Willkür wehren.

Kinder übernehmen stellvertretend für Ihre Eltern Verantwortung, wenn diese nicht mehr eigenbestimmt leben und handeln können. Sie werden es aber aus Liebe in Übereinstimmung mit dem Willen und dem Wunsch der Eltern tun.

In Zeiten von Pandemien müssen Entscheidungen getroffen werden, auch wenn sie Einschnitte in das Leben von Menschen bedeuten, und Freiheitsrechte einzelner zugunsten der Allgemeinheit vorübergehend eingeschränkt werden. Aber der Einzelne kann nicht zu Lasten aller seine individuellen Freiheit ausleben – ohne Rücksicht auf Verluste.

Es muss erklärt und damit nachvollziehbar, dann aber auch durchsetzungsfähig sein, damit die Gesellschaft handlungsfähig und glaubwürdig ist und bleibt und alle die Chance haben ihr Recht zu bekommen.

Wie schwierig es ist, Rechte aller zu wahren und zugleich rechtsfreie Räume zu verhindern, erleben Verantwortliche an vielen Orten unsrer Gesellschaft im Umgang mit den äußersten politischen Rändern!

Dennoch und vor allem: ich spüre, wie dankbar ich bin, in einer Gesellschaft zu leben, in der um diese Einsichten gerungen, Entscheidungen überprüfbar sind und Rechte zur Not auch eingefordert und eingeklagt werden können und ein große Mehrheit sich geborgen und ernst genommen fühlt.

In vielen Teilen der Welt, in vielen Gesellschaften herrschen immer noch Unrechtsstrukturen und werden Menschen verfolgt, wenn sie sich wehren.

Mose möchte am Ende seines Weges den Israeliten einen gottgewollten und gerechten Rahmen für das Zusammenleben der Menschen hinterlassen. Gottes Herrschaft legitimiert keine unmenschliche Willkürherrschaft. Gottes Willen und Gottes Gesetz ist Ausdruck seiner Lebens- und Menschenliebe, in vielem sicher auch seiner Zeit und den Einsichten dieser Zeit geschuldet, aber eben auch der Liebe zum Leben, zum Menschen, zum nahen und fernen Fremden verpflichtet. Es ist kein frommer Wunsch, dafür aber sehr wirklichkeitsbezogen.

Für Mose ist das Recht zugleich Ausdruck göttlichen Willens. Er kann sich keine höhere Autorität vorstellen, als aus Gottes Hand. Jedes der  zehn Gebote beginnt immer mit der Selbstaussage Gottes „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat,… und mündet in ein Gebot, das eigentlich ein Lebensangebot ist.

Die Rechtsphilosophie kennt den Gedanken des Rechtes, dass in der Vernunft oder in der Natur des Menschen begründet ist und deswegen verbindlich ist. Der vermeintlich gesunde Volkswille, das Volksempfinden sind allerdings kein guter Ratgeber, weil Menschen und Völker verführbar sind.

Wir Christen sind nicht aus Prinzip Oppositionelle, die sich dem Rechtsrahmen entziehen und sich deshalb nur unmittelbar Gott verpflichtet fühlen ( wie einige Sekten…) , aber wir messen alles Recht auch am Willen Gottes, der gut und heilsam ist, nah am Leben, am Denken und am Handeln.

In Verantwortung vor Gott und den Menschen ist unsere Rechtsordnung entstanden. Ein guter Grundsatz: Gott und den Menschen verantwortlich .Denn so der Predigttext: es ist das Wort ganz nah bei dir, in deinem Mund und in deinem Herzen, dass du es tust!

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