Vom Besucher im Stall zum Mitarbeiter in Gottes Reich

Liebe Gemeinde, Kinder, Jugendliche und Erwachsene!

Es ist Heiligabend geworden!
„Endlich!“, werden diejenigen sagen, die es kaum abwarten konnten. Oftmals sind es die Kinder, denen die letzten Tage und Stunden so unglaublich lange vorgekommen sind.
Andere – und zumeist sind es Erwachsene – hätten gerne einfach noch mehr Zeit für die notwendigen Vorbereitungen gehabt.

Und für uns Alle ist es jetzt soweit.
Heiligabend. Gott wird Mensch.

Die biblische Geschichte von Jesu Geburt und die alten, vertrauten Lieder bringen uns in eine feierliche Stimmung hinein.
Und dann sind wir mittendrin, statt nur dabei und hören der Engel helle Lieder und kommen mit den Hirten zur Krippe.

Und da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh. Und gemeinsam mit Maria und Josef betrachten wir es froh.
So klein, so unschuldig, so schutzbedürftig. Wie alle Neugeborenen. Mit großen Augen und einer kleinen Stupsnase.
Solch ein Kind ins Herz zu schließen, das ist wirklich nicht schwer.

Weihnachten, das ist das Fest dieses ganz besonderen Kindes. Einfach göttlich!
Und Weihnachten ist eben auch – wenn wir schon erwachsen sind – die Wiederkehr unserer Kindheitserinnerungen.

Ich erinnere mich daran, dass sich der Uhrzeiger In den letzten Stunden bis zur Bescherung überhaupt nicht mehr zu bewegen schien. Im Bauch grummelte es vor Aufregung und Vorfreude so doll, dass es schon beinahe weh getan hat.
Und dann – endlich – läutete meine Mutter das Glöckchen und wir dürfen das Weihnachtszimmer betreten. Und meine Geschwister und ich sehen den Baum mit den vielen Kerzen und die Geschenke – und strahlen über das ganze Gesicht.

Erinnerungen an Heiligabend, die sich eingeprägt haben.
Aus der Zeit, als wir Erwachsenen selber Kinder waren.
Oder wir denken an die Weihnachtsfeste zurück, die wir mit unseren Kindern, mit unseren Enkeln, gefeiert haben.

Und wir freuen uns über die Freude der Kinder und freuen uns an dem Kind in der Krippe.
Und das ist gut so und das ist heute auch dran. Und morgen und übermorgen auch.

Und der eine oder die andere ahnt schon, worauf ich hinaus will: Genau – irgendwann ist Weihnachten wieder vorbei.
Und der Alltag hat uns wieder und Schule und Arbeit gehen wieder los. Und alles das, was uns bis kurz vor Weihnachten bestimmt hat, das kriegt uns wieder zu fassen.
Und das Leben geht weiter und wir werden älter und nehmen zu an Erfahrung.

So ist der Lauf der Zeit.
Nichts bleibt, wie es ist. Im Predigttext für die Christvesper 2012 geht es nicht um das Kind in der Krippe.
Stattdessen wird uns der erwachsene Jesus beschert.

Der Evangelist Johannes berichtet uns von einer Rede, die Jesus im Tempel in Jerusalem hält. Es war die Zeit des Laubhüttenfestes, an dem Gott zugleich für seinen Schutz während der Wüstenwanderung und für die Ernte gedankt wurde.
Und weil dieses Fest ein Wallfahrtsfest ist, war in Jerusalem ordentlich was los.
Im Tempel, wo Jesus redete, werden ziemlich viele Menschen zugehört haben.

Im 7. Kapitel des Johannesevangeliums können wir es nachlesen:
Jesus lehrte im Tempel und rief: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt. (Joh 7,28+29)

Jesus will’s wissen.
Er weiß, woher er kommt. Aber diejenigen, die ihm zuhören, die wissen es nicht.

Dabei meinten seine Zuhörer, ihn und seine Herkunft genau zu kennen.
Jesus, das ist doch der Sohn von Maria und Josef, dem Zimmermann aus Nazareth.

Von diesem hatten sie schon einiges gehört.
Er hatte eine Hochzeitsfeier in Kana gerettet, wo dem Bräutigam der Wein ausgegangen war.
Er hatte die unglaubliche Zahl von 5.000 Menschen satt gekriegt mit nur fünf kleinen Broten und zwei Fischen.
Ja, und dann der Vorfall hier im Tempel, während des Passahfestes. Die Leute sprachen immer noch davon.
Da ist dieser Jesus richtig ausgerastet. Die Tische hat er umgestoßen und die Geldwechsler aus dem Tempel herausgejagt. Und gebrüllt, dass man solche Geschäfte in dem Haus seines Vaters nicht abwickeln dürfe.

Und jetzt diese Rede.
„Ihr denkt, dass ihr mich kennt – aber das stimmt nicht! Ich komme von Gott, der mich zu Euch gesandt hat!“

Ist Jesus wirklich Gottes Sohn oder nicht? Ist er der verheißene Messias – oder ein Gotteslästerer?
Für seine damaligen Zeitgenossen war das eine hochbrisante Frage.

Und für uns heute?
Nein, nicht mehr. Da machen wir einen Haken dran, das ist beantwortet.

Aber da ist noch etwas anderes, liebe Gemeinde.
Und das ist für mich die Frage für das Weihnachtsfest 2012: Wie halten wir es mit dem erwachsenen Jesus?

Hat er uns noch was zu sagen mit den Worten, die von ihm überliefert sind?
Ist er für uns ein Vorbild mit seinem Einsatz für diejenigen, die am Rand gestanden haben? Die über die Kante zu fallen drohten? Zu Jesu Zeit sind das Zöllner, Kranke, Prostituierte gewesen.

Wen schieben wir heute weg?

Ich denke an die Menschen, die Pfandflaschen zur Kieler Wochen sammeln. Daran haben wir uns schon gewöhnt.

Ganz früher waren es Kinder und die haben ihr Taschengeld aufgebessert.
Schon seit längerem durchsuchen aber Erwachsene die Mülltonnen, vermehrt sind es ältere Menschen. Und das längst nicht mehr nur zur Kieler Woche.
Und auch schon lange nicht mehr verstohlen und heimlich.
Schamgefühl scheint ein Luxus zu werden, den Arme sich nicht leisten können.

Was hätte der erwachsene Jesus in solch einer Situation getan? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich daran gewöhnt hätte.
Ich bin mir sicher, dass er nicht hindurchgeguckt hätte durch die Menschen, die auf der Suche nach 8 oder 25 Cent von Mülleimer zu Mülleimer gehen.

Armut allgemein und dann noch einmal besonders die Altersarmut – der erwachsene Jesus hätte was dagegen unternommen. Bestimmt!
Und bevor ich weiter grübele, was er getan hätte, möchte ich lieber überlegen, was ich machen kann.
Was können wir tun?

Das wir uns nicht damit abfinden, ist das erste. Es darf uns nicht egal sein.
„Soziale Gerechtigkeit“ klingt gut. Aber wenn der Begriff nicht gefüllt wird, dann bleibt er leer!
Und dabei ist mir klar, dass wir eher die Folgen lindern als die Ursachen verändern können.

Liebe Gemeinde, wir kennen den Zusammenhang von mangelhafter Schulbildung und Armut.
Wie wäre es darum bei uns, hier in unserem Kirchspiel, mit der Einrichtung eines besonderen Nachhilfeprojektes?

Ich könnte mir vorstellen, nach Sponsoren zu suchen, damit diejenigen Schüler, die Nachhilfe geben, damit auch Geld verdienen können.
Und diejenigen, die Nachhilfe bekommen, bezahlen pro Stunde einen Euro. Damit leisten sie einen kleinen, aber wichtigen Beitrag zu Finanzierung.
Stattfinden könnte das Ganze, wenn es gewünscht ist, in den Räumen unserer Kirchengemeinde.
Vielleicht muss diese Idee auch noch verändert werden, damit sie funktionieren kann. Und es gibt bestimmt noch viel mehr Vorschläge, was wir tun können.

Die bestehende Verhältnisse zum Besseren zu verändern – auch dafür stand der Erwachsene, dessen Geburt unter ärmlichen Verhältnissen wir heute feiern.

Ich will nicht nur kurz anbetend an der Krippe stehenbleiben. Ich will auch den Weg des erwachsenen Jesus nachgehen.
Stellt Euch vor, wir fangen als Besucher im Stall an und werden dann zu Mitarbeitenden am Reich Gottes!
Das wäre menschlich und göttlich zugleich!
Amen.

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