Vom beschaulichen und tätigen Leben

Predigt Lukas 10,38-42, Estomihi, Predigtreihe III, von Pfarrer Johannes Taig

38 Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.
39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.
40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!
41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.
42 Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.


Liebe Gemeinde,

es gibt Texte, die im Laufe der Jahrhunderte derart mit fremden Gedanken und Vorstellungen überfrachtet wurden, dass es einige Mühe kostet, ihre ursprüngliche Bedeutung wieder frei zu legen. Die Geschichte von Maria und Marta gehört dazu. Wir befinden uns mit Jesus auf dem Weg nach Jerusalem. Und das ist dann auch schon das Einzige, was uns auf seine Passion, sein Leiden und Sterben, hinweist. Auf diesem Weg kehrt er bei zwei guten Freundinnen ein.

Die Exegeten sind sich einig: Ursprünglich wurde diese Geschichte „als Mahnung an die Hausfrauen in der Zeit urchristlicher Wanderprediger verstanden, über der Bewirtung des Gastes nicht die Predigt zu vernachlässigen.“ (Dietmar Mieth, Meister Eckhart – Einheit mir Gott, Patmos, 2014, S. 58) Unter dem Einfluss der griechischen Philosophie wurden dann ganz andere Gedanken herangetragen, z.B. die Frage, was denn besser sei, die vita contemplativa oder die vita activa, die Kontemplation oder die Aktion, das beschauliche oder das tätige Leben, die Meditation oder das Engagement, die Gottesschau oder die tätige Nächstenliebe, die Mystik oder die Weltverbesserung. Und natürlich waren sich die griechischen Philosophen sehr einig, dass immer das erste dem zweiten vorzuziehen ist. Steht das denn mit Maria und Marta nicht auch in der Bibel? Arme Marta, mach doch bitte mal die Küchentür zu!

Wir könnten deshalb darüber predigen, dass die Arbeit das eine und die Muße das andere ist, und dass wir modernen Menschen trotz langem Urlaub viel zu wenig Zeit haben, einmal nichts zu tun, weil wir das oft gar nicht mehr können. Weil das Wochenende jedes Mal völlig verplant ist und der Urlaub ein Gefliege, Gefahre und Gerenne. Alles, was wir tun, muss zu irgendwas gut sein und wenn wir nichts tun, dann fühlen wir uns zu nichts gut. Und auf der Todesanzeige steht: „Du warst im Leben so bescheiden/ nur Pflicht und Arbeit kanntest du/ mit allem warst du stets zufrieden/ nun schlafe sanft in stiller Ruh.“ Toll, denken wir da zunächst, aber ein Leben in Freiheit war das wohl nicht.

In seiner grundlegenden Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ hat Luther in Wittenberg 1520 zwei grundlegende Thesen formuliert, die sich scheinbar widersprechen: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Und: Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Frei ist der Mensch, sofern er im Glauben Anteil an Gottes Wesen gewinnt, indem er mit Christus eins wird. Die Freiheit Gottes wird zu seiner eigenen. Ist er in Gott und Gott in ihm, ist er ledig und frei. Weil aber Gott Liebe ist und lieben will, muss auch der Mensch, in dem er wohnt, ein liebender Mensch sein, der seinem Nächsten hilft und dient. Gottes Wille und des Menschen Wille werden vereint. „Aus dem allem ergibt sich die Folgerung, dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und seinem Nächsten. In Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott. Aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und in göttlicher Liebe.“ (Martin Luther)

Christliches Handeln entsteht also nicht durch christliche Moral, christliche Tugend, christliche Werte, christliche Pflichten, denen sich der Christenmensch im Leben angestrengt und verzweifelt anzunähern versucht, in der Hoffnung, dass Gott ihn vielleicht dafür belohnt mit dem Himmelreich. Christliches Handeln entsteht dadurch, dass der Mensch durch Christus ein anderer Mensch wird, ein Kind Gottes eben. Der gute Baum bringt gute Früchte. Das Kind Gottes tut gute Werke. Das neue Sein bringt das gute Handeln hervor. Hier heißt es nicht länger, „du sollst“, sondern „du wirst“.

Meister Eckhart zum Thema: „Denn, wer recht daran sein soll, bei dem muss von je zwei Dingen eines geschehen: entweder muss er Gott in den Werken zu ergreifen und zu halten lernen, oder er muss alle Werke lassen. Da nun (aber) der Mensch in diesem Leben nicht ohne Tätigkeit sein kann, die zum Menschsein gehört und deren es vielerlei gibt, darum lerne der Mensch, seinen Gott in allen Dingen zu haben und unbehindert zu bleiben in allen Werken und Stätten.“ (zitiert nach Mieth, aaO, S. 53) Will heißen: Da der Mensch nicht nichts tun kann, soll er als Christ in seinen Werken das in Gott Geschaute wirksam verkünden. „Nicht einmal durch die Gefahr der Sünden soll man sich vom Wirken in guter Absicht abhalten lassen; jeder soll auf seine Weise in tätiger Liebe mit Gott mitwirken.“ (Mieth, aaO. S. 52).

Wer behauptet, damit sei christliches Handeln unterbewertet und ins Belieben gestellt, der lasse sich von Martin Luther den Kopf waschen. Ich zitiere: „Wer den Glauben mit der Tat nicht beweist, der gilt ebenso viel wie ein Heide, ja er ist ärger als ein Heide, nämlich ein Christ, der dem Glauben abgesagt hat und abtrünnig geworden ist.“ Diejenigen, die diesen untrennbaren Zusammenhang leugnen, werden von Luther als „unnütze Schwätzer und nichtige Lehrer“ gebrandmarkt: „ob sie schon wissen, dass der Glaube ohne Werke nichts und ein falscher Glaube ist, sondern, wo er rechtschaffen ist, müssen Frucht und gute Werke folgen – so gehen sie doch sicher hin und verlassen sich auf die Gnade Gottes, fürchten sich nicht vor Gottes Zorn und Gericht, der den alten Adam gekreuzigt haben will und gute Früchte von guten Bäumen lesen will.“ (zitiert nach Tilman Walther-Sollich, GPM 2/2010, Heft 3, S.332) Zitat Ende.

Und so erweist sich die Unterscheidung von vita contemplativa und vita activa, von Kontemplation und Aktion, von beschaulichem und tätigem Leben, von Meditation und Engagement, von Gottesschau und tätiger Nächstenliebe nicht als Alternative, sondern als organische Einheit, in der das eine aus dem anderen hervorgeht in unendlicher Folge. Das eine kann ohne das andere nicht sein. Marta und Maria gehören untrennbar zusammen.

In höchst origineller Weise hat Meister Eckhart unsere Stelle ausgelegt, indem er dem Tadel der Marta recht gibt. Maria kann nicht ewig zu Füßen ihres geliebten Christus sitzen und zuhören. In aller Deutlichkeit erteilt Meister Eckhart einem Glauben oder einer Versenkungsmystik, als Flucht vor und aus der Welt, eine kategorische Absage. „Denn als Maria noch zu Füßen unseres Herrn saß, da war sie noch nicht die wahre Maria: wohl war sie’s dem Namen nach, sie war’s aber noch nicht in ihrem Sein; denn sie saß noch im Wohlgefühl und süßer Empfindung und war in die Schule genommen und lernte erst leben. Marta aber stand schon ganz wesenhaft da.“ Maria und Marta werden also gleichsam zu einer Person beziehungsweise Maria erst zur „wesenhaften“ Maria durch den selben Lernprozess wie Marta. „Daher sprach Marta: ‚Herr heiß sie aufstehen‘. (…) Ich wünschte, dass sie leben lernte, (…) auf dass sie vollkommen werde.“ (Quint, Deutsche Predigten, Predigt 28, S. 288)

Ja, Maria hat das gute Teil erwählt. Es soll jetzt nicht von ihr genommen werden, aber es ist noch nicht das Ganze! Auch Marta war längst dort zu Füßen ihres Christus gesessen und hat ihn und sein Wort in sich aufgenommen. Und nun steht sie in der Küche als Kind Gottes, das – wie Eckhart – fein formuliert, die Freiheit des Christenmenschen im Leben bewährt, indem sie nicht länger „in“ sondern „bei“ der Sorge für ein gutes Essen steht, das Leib und Seele zusammenhält. Sie ist nicht länger die Sklavin der Gründe und Zwecke. Sie hat sich und anderen als Kind Gottes nicht länger zu beweisen, dass sie zu etwas gut ist. Sie tut das jetzt Notwendige gerne und in Freiheit und ohne Warum. So wie Gottes Liebe ohne Warum ist und das Leben ohne Warum ist.

Nun findet sie Gott auch im Stall und im Garten und im Klappern der Pfannen über dem Herdfeuer. Und ich stelle mir vor, wie sie dabei lacht – und der Christus mit ihr!

Die Predigt zum Hören

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