Verschwenderisch Leben ? (zu Lukas 16, 1-8)

Sage noch einer, gerade in den Gleichnissen begegne uns ein volkstümlicher und an den Lebenswelten der Menschen orientierter Prediger Jesus, einer der dem Volk sozusagen aufs Maul schaut, wie es Luther auch gerne tat. Da kann ja wohl nicht das Gleichnis vom ungerechten Verwalter gemeint sein:

Eines der schwierigsten Gleichnisse Jesu – kann man bei den Auslegern lesen. In der Tat: die Frage, was Jesus eigentlich damit sagen will, eine Frage die Gleichnisse eigentlich aus sich heraus beantworten können, beantwortet sich hier eben nicht von allein.

Der Herr lobt den ungerechten Verwalter: es ist nicht nur unklar, wer denn da lobt, auch dass überhaupt Unrecht gelobt wird, kommt zwar im Alltag unserer Wirklichkeit häufiger vor, als uns lieb ist, widerspricht aber meinen Grundüberzeugungen und meinen Idealen zu tiefst.

Und dann einer der zumindest schwierigen Sonntage im Kirchenjahr: denken viele je nach eigener Biographie und Sozialisation in Ost oder West: dieser vorletzte Sonntag im Kirchenjahr, der aus der Perspektive der Gesellschaft als der Volkstrauertag begangen wird. Kranzniederlegungen an den Kriegsgräbern auf den Friedhöfen, Gedenkveranstaltungen, Vertreter der Politik und der Bundeswehr in Ausgehuniform im Gottesdienst, manchmal jedenfalls, dort wo die Feierstunden der Landkreise mit einem Gottesdienst beginnen, mitten in der Friedensdekade, deren Symbol seit Jahrzehnten das Bild des Propheten Micha ist: Schwerter werden zu Pflugscharen..

Andererseits aus der Perspektive des Gleichnisses: wann, wenn nicht jetzt, müssen wir genau über den Verwalter und die Vorwürfe gegen ihn reden, als ob wir es wären, wo es doch auch unsere Gegenwart, in einer von Unrecht, Ausbeutung und Kriegen gebeutelten Welt, immer noch um die Verschwendung der kostbarsten Ressourcen geht, die uns anvertraut sind: Friede in Gesellschaft, weltweit und mit der Umwelt, eine bunte Vielfalt menschlicher Kulturen und Gesellschaften, auch die Unversehrtheit menschlichen Leben, gar Leben schlechthin.

Die vor mehr als fünfzig Jahren diagnostizierte Unfähigkeit zu trauern und damit sich einem Prozess zu stellen, der aus der Erinnerung an die Vergangenheit, aus der Auseinandersetzung mit Schuld und Versagen, Zukunft ermöglicht, trifft uns noch immer.

Und nun also das Gleichnis vom ungerechten Verwalter. Und vielleicht sehen sie es mir nach, dass es bei Gedankensplittern bleibt, die bestenfalls ein Anfang des Verstehens sind:

Der Vorwurf gegen den Verwalter lautet: Verschwendung

Nur was ist daran auszusetzen?

Ist nicht das ganze Leben gottgewollte Verschwendung?

Ich freue mich, wenn im Herbst die Natur ihre Farben in einem letzten Aufbäumen der warmen Jahreszeit in Übermaß verschwendet.

Erntedank haben wir den verschwenderischen Überfluss der Schöpfung und ihrer Gaben gefeiert. Und ist nicht jeder Apell zur Verteilungsgerechtigkeit Aufruf zur Verschwendung der Güter, die ich eben nicht für mich behalten und verstecken soll?

Auch die Tage, Monate, Jahre, die ich lebe, sind so wunderbar verschwenderisch Fülle der Zeit, die ich auskosten kann.

Gott ist doch der wunderbare und große Verschwender…

Auf der anderen Seite: da sehe ich, wie wir die Resourcen der Schöpfung ausnutzen und sie verschwenden ohne sie anderen zu Gute kommen zu lassen. Lebensmittelverschwendung, Energieverschwendung, Ausbeutung und Verzehr der Rohstoffe, Wasserverschwendung, und in den unzähligen Kriegen Verschwendung von Leben, von Hoffnungsgeschichten, von Liebesgeschichten, die abgebrochen werden, ohne zu Ende geschrieben werden zu können, weil der gewaltsame Tod einen Strich durch die Rechnung macht

Wir verschwenden, was Gott uns in Übermaß anvertraut und schenkt.

Und dazwischen sind immer mehr Menschen, die sich treiben lassen, in den Tag leben oder durch den Tag hetzen wie ausgehungert, dabei versuchen alles mitzunehmen, was sich ihnen bietet, gierig  nach Leben, noch ohne Vorstellung, was sie eigentlich suchen und immer in Eile… Sie brennen ihr Lebenslicht von beiden Seiten ab…

Der Vorwurf lautet: Verschwendung

Es ist das eine zu verschwenden, was mir gehört

Etwas ganz anderes ist es, zu verschwenden, was mir nur anvertraut ist, was ich anderen vorenthalte, raube oder wenn ich schlicht meinem Auftrag, meiner Aufgabe nicht gerecht werde.

Um nicht in der Moral mit erhobenem, weil alles besserwissenden Zeigefinger stecken zu bleiben: es geht mir mehr um die Trauer über ungenutzte und ausgelassene Möglichkeiten, über verpasstes Leben und vergebene Chancen, es geht  mir auch um die Frage, wie ich mich, mein Leben, meinen Nächsten und Gott lieben (lernen ?) kann, um bei mir und bei Gott, der Quelle allen Lebens anzukommen und auszuruhen. „Unruhig ist unser Herz bis es ruht in dir“ Dieser autobiografische Stoßseufzer des Kirchenvaters Augustin ist 1600 Jahre alt und immer noch nicht verhallt, sondern erzeugt Resonanz bei uns..

Es geht mir um die befreiende Erfahrung der Rechtfertigung des Sünders, um den Ausbruch aus dem Teufelskreis.

Es geht mir um die Befreiung zur fröhlichen und kreativen Verschwendung der guten Gaben Gottes, die dem Leben und dem Frieden dient. „Hurra, wir, zumindest viele von uns, leben in Hülle und Fülle“ selbst in Coronazeiten.

Es geht mir um das Ende der nutzlosen Vergeudung so vieler wunderbarer Dinge, die uns anvertraut sind.

Der Aufforderung lautet: Gib Rechenschaft

Die Gefahr ist groß, gleich in den Rechtfertigungsmodus zu verfallen, sich zu rechtfertigen.

Aber Rechenschaft abzulegen ist die Aufforderung und Gelegenheit zur ehrlichen Bilanz.

Wir denken auch bei biblischen Gerichtstexten, am Ende des Kirchenjahres beim Gleichnis vom Weltgericht schnell in den Kategorien von Urteil und Strafe.

Aber zunächst geht es um die Rechenschaft und ehrliche Bilanz, um die Verantwortung, die ich trage und der ich mich stelle und den Möglichkeiten, Konsequenzen daraus zu ziehen.

Vor der Rechtfertigung, die mir geschieht, nicht der Rechtfertigung, in die ich verfalle, steht die Rechenschaft.

Von Umkehr und Buße als den großen Angeboten und Chancen im Leben wäre zu reden.

Ich muss meine Bilanz nicht verschönen, fälschen, ich kann mich ehrlich machen und erleben, wie befreiend es ist, sich nicht Selbsttäuschungen, Illusionen und nur fremde Erwartungen auszusetzen.

Rechtfertigung heißt doch auch: Gott hat sich längst an dich verschwendet, liebevoll und grenzenlos und das wiegt allemal mehr als alle Selbst- und Fremdtäuschungen, mit denen wir uns und anderen etwas vormachen.

Deshalb bleibe ich erst mal dabei: ein schwieriges Gleichnis Jesu…, von dem ich noch nicht weiß, wie es ausgehen wird…. Wie ich damit ausgehe. Aber für Rechenschaft und Verantwortung und für Lebensfreude, die das Geschenk Leben mit vollen Händen fröhlich oder sorgsam nachdenklich, je nachdem, was gerade dran ist, verschwendet, ist es bekanntermaßen nie zu spät!

Wenn man das radikal nennen will gerne, denn eine Deutung, die ich gefunden,  will ich dann doch wenigstens anbieten,

„Jesus lobt den Verwalter nicht wegen seiner Ungerechtigkeit, sondern weil er bestens für die Zukunft vorgesorgt hat, und ruft die Zuhörer angesichts des hereinbrechenden Gottesreiches zu vergleichbar radikalem Handeln auf“ (Herder Bibel mit Kommentar und Erläuterungen).

Also, wohlauf: lasst uns Gutes verschwenden, fröhlich glauben und aufrecht Rechenschaft abgeben. Besser kann man nicht vorsorgen. Amen

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen