Verschweige deinen Glauben nicht!

Liebe Gemeinde, zum Gedenktag an die Reformation haben wir einen Text aus dem Matthäusevangelium gehört, in dem Jesus seine Jünger zum furchtlosen öffentlichen Bekenntnis in ihrem Predigtdienst aufruft. Jesus hat diese Jünger ausgesandt. Dieser Text ist ein Teil seiner Aussendungsrede.

Zunächst habe ich mich schon ein wenig gefragt, wie ich denn aus diesem Aufruf zum öffentlichen Bekennen einen Bezug zur Reformation herstellen kann, da hier doch auf die klassische Formel der Reformation Luthers gar nicht Bezug genommen wird. Daher habe ich nachgesehen, ob Martin Luther diesen Text in einigen seiner Schriften, Reden oder Briefen aufgegriffen hat. Und so bin ich dann doch in das Herz der Reformation vorgedrungen. Um auf den geschichtlichen Bezug näher einzugehen, folge ich nun nicht dem Ablauf des Textes, sondern der Geschichte der Reformation.

Martin Luther war als Student in das Augustinerkloster in Erfurt eingetreten und hat nun das Studium der Theologie aufgenommen. Sein Beichtvater und Oberster im Kloster war der Abt Staupitz. Er war derjenige, der Luthers Weg ein Stück mitgegangen ist, dann aber zuletzt nicht den Weg in die Kirche der Reformation gefunden hat. Er hat Luthers Begabung zur Auslegung biblischer Schriften ent5deckt und gefördert und hat ihn auch als Professor an die neugegründete Universität in Wittenberg empfohlen. Als Martin Luther nach der Veröffentlichung der 95 Thesen zur Reformation in die Auseinandersetzung mit den päpstlichen Vertretern geriet, spitzten sich die Ereignisse im Ablauf von vier Jahren so zu, dass Luther unter päpstlichen Bann gestellt wurde, da er nicht bereit war, seine Schriften zu widerrufen. Besonders seine Meinung, der Papst und Konzilien können irren und er wäre in seiner Meinung allein an die heilige Schrift gebunden, brachte diese gegen ihn auf. Luther hatte jedoch gerade durch dieses öffentliche und mutige Auftraten einige Sympathien im Volk und auch bei einigen Reichsfürsten gewonnen, die gern etwas unabhängiger vom Kaiser und vom Papst regieren wollten. Sie wollten vielleicht lieber das Geld für sich behalten, das durch den päpstlichen Ablass im Volk für die neu zu bauende Peterskirche in Rom eingesammelt wurde. Einigen Theologen und Kirchenvertretern, die durchaus noch auf der Seite Luthers waren, war dieser einfach zu forsch und zu revolutionär, darunter eben auch sein Beichtvater Staupitz, der ihn doch eigentlich auf die Idee der reformatorischen Erkenntnis gebracht hatte.

Luther hatte als Mönch ein hohes Sündenbewusstsein an den Tag gelegt, da er seinen klösterlichen Verpflichtungen nicht ausreichend nachkommen konnte. Staupitz versuchte ihn zu entlasten und die Gewissensbisse zu nehmen, indem er ihn auf den leidenden und gekreuzigten Christus hinwies, der in dieser Kreuzigung ja schon alles für uns getan hat. Doch als sich Luther im Jahr 1521 anschickte die Bannbulle von Papst Leo zu verbrennen, mahnte ihn Staupitz dazu, den Frieden mit der Kirche zu wahren. Dagegen verwahrt sich Luther in einem Brief, der unseren Predigttext aufgreift mit den Worten: „Wir sehen Christus leiden. Wenn wir nun auch bisher schweigen und uns demütigen mussten, müssen wir dann doch nicht jetzt, wo unser gnädigster Heiland, der sich für uns dahin gegeben hat, in der ganzen Welt zum Gespött gemacht wird – ich beschwöre dich – für ihn streiten? Sollen wir den Hals nicht drangeben? Hier beginnt das Evangelium seinen Lauf: „Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater, und wer sich meiner schämt, dessen schäme ich mich auch vor meinem himmlischen Vater.“

Luther greift damit einen Gedanken auf, der in der christlichen Kirche manchmal ausgesprochen wird, nämlich den der Stellvertretung. Und ich meine, er legt Jesus genauso aus, wie er es gemeint hat. Jesus predigt seinen Jüngern in ihrem Predigtamt das furchtlose Bekenntnis und ermahnt sie ausdrücklich, ihren Dienst immer als ein Dienst für Christus selbst anzusehen, der dann zugleich für sie vor dem himmlischen Vater eintritt. Der auferstandene Christus ist in dieser Welt eben dort gegenwärtig, wo Menschen mit seinem Wort ernst machen, glauben und sich auch dadurch zum öffentlichen Bekenntnis berufen lassen. Dieses Bekenntnis ist hier keinesfalls auf eine Berufung etwas in den Pastorenberuf oder das Priesteramt einzugrenzen, denn jeder der an Jesus glaubt, verkündigt ihn auch genauso in seinen Worten und Taten, je nach den Begabungen, die den Menschen gegeben sind. Alle also sind Jüngerinnen und Jünger und berufen in das geistliche Amt des Glaubens.

Gott ist in Jesus Mensch geworden. Diese Vermenschlichung Gottes setzt sich nach Jesu Tod und Auferstehung darin fort, dass Jesus gegenwärtig ist in Worten und Zeichen die von Menschen vollzogen werden. Daher kann Luther auch zu recht sagen, dass Jesus in der Kirche oder in der Gesellschaft leidet, wenn sein Dienst und sein Anliegen falschen Interessen wie dem des Profits untergeordnet werden. Wenn Christus leidet, sind die Christen erst recht zu furchtlosem Bekenntnis aufgerufen, ein Einsatz, der in schwierigen Zeiten auch Kopf und Kragen kosten kann. Luther war also nicht einfach größenwahnsinnig, sondern er wusste, dass er sein Leben aufs Spiel setzt. Doch er wollte nicht wiederrufen, was er nach gründlichem Studium der heiligen Schrift als richtig erkannt hat. Dass nämlich Gott in seinem Wort über die Menschen sich als der zeigt, der die Sünde aufhebt und vergibt, der die Menschen befreit zu einem Leben ohne Furcht und Angst, zum Alltag in Liebe und zum Dienst an der Welt.

Das ist der Sinn der sogenannten Rechtfertigungslehre ins Praktische gewendet.

Luther riskierte also seinen Hals, weil er sich Jesus in dieser Welt an die Seite zu stellen gedachte. Die Reformation wäre sicherlich im Sande verlaufen, wenn Luther damit nicht eine öffentliche Bewegung ins Leben gerufen hätte, die Anhänger bis in die höchsten Stände des Reiches fand, die Reformation. Darunter war auch Albrecht von Mansfeld, der Fürst aus Luthers Heimatregion und Wohnort seines Vaters. Ihm teilte er in einem Schreiben kurz die Grundzüge einer evangelischen Kirche lutherischen Verständnisses mit und dabei ging es fast um einen ähnlichen Gedanken, wie gegenüber Staupitz. Luther sagte mit dem Bezug auf den Text: „Was wir glauben, darüber reden wir auch.“ In unsrem Predigttext sagt nämlich Jesus seinen Jüngern, dass sie unbedingt zu reden und zu predigen hätten. Der erste Vers ist so auszulegen, dass der Glaube eine Sache ist, die unbedingt an die Öffentlichkeit gehört. Niemand kann also nun so einfach für sich selbst glauben. Der Glaube an Gott als den himmlischen Vater, der die Menschen zuerst liebt, ist zu veröffentlichen. Glauben und Schweigen passen daher nicht zueinander. Und das gelte nach Luther nun eben nicht nur für Pfarrer, die es predigen, sondern auch für jeden Christ und jede Christin, die durch den Gang zum Abendmahl in zweifacher Gestalt öffentlich zeigen, dass sie Christen im reformatorischen Verständnis sind. Es ist klar, dass hierbei die Fürsten auch eine öffentliche Funktion htten. Wenn sie sich trauten, sich zum evangelischen Glauben zu bekennen, dann konnten ihre Mitbürger dem leichter folgen, als wenn ein Fürst zwar evangelisch glaubte, aber katholisch praktizierte.

Martin Luther zeigt in diesem Brief auch indirekt, dass die Gestalt des Glaubens in der Kirche gelebt wird, und dass es sehr wohl darauf ankommt, dass man erkennen kann, dass hier das Abendmahl so gefeiert wird, wie es Jesus Christus selbst eingesetzt hat und nicht anders. Heute kann dies meines Erachtens aber auch bedeuten, dass dort, wo in den katholischen Kirchen Abendmahl nach evangelischen Verständnis gefeiert wird, evangelische Christen auch teilnehmen sollten und können und sich den Platz am Tisch des Herrn nicht verwehren lassen. Nach meinem Verständnis entscheidet nicht die Einstellung des Priesters oder der Kirche darüber, ob Christus lebendig ist in Worten und Zeichen. In vielen Kirchen wird der Gottesdienst in der Landessprache gefeiert und die Eucharistie in Brot und Kelch ausgeteilt. Luther sagt zu Albrecht von Mansfeld, dass der Glaube nicht aus Frucht zurückgehalten oder verschwiegen werden darf.

In einem dritten Beispiel aus den Schriften Luthers habe ich gerade in diesem Text eine sehr wichtige Begründung für die Gestalt und die Grundentscheidung der evangelischen Kirche gefunden. Es ist vielleicht sogar eine noch wichtigere und tragendere als die der Rechtfertigung allein aus Glauben oder besser gesagt, sie gehört mit der Glaubensfrage zusammen. Wir hörten bereits, dass mit diesem Text aus dem Matthäusevangelium die Jüngerinnen und Jüngern zum Predigtdienst in Israel ausgesandt worden sind. Folglich wird hier von Jesus begründet, warum sie predigen sollen. Und dieser Gedanke wird in der Reformationszeit Luthers ja besonders wichtig, da sich die neue, evangelische Kirche nicht auf Institutionen und Ämter gründet, wie das Priesteramt, sondern allein auf die Verkündigung des Wortes Gottes. Luther schreibt: „Wir reden aber von dem äußerlichen Wort, durch Menschen wie durch dich und mich, mündlich gepredigt. Denn das hat Christus als ein äußeres Zeichen hinterlassen, daran man seine Kirche in der Welt erkennen sollte, .. mit Ernst geglaubt und öffentlich vor der Welt bekannt.“ (Luther Deutsch, Band 6) Mir ist durch dieses Zitat eigentlich erst recht klar geworden, warum Jesus in seiner Beaufragung zur Predigt den Jüngern die Menschenfurcht nehmen möchte. Die Frage der Furcht vor den Menschen taucht ja eigentlich erst in der direkten persönlichen Begegnung auf, dort wo ich auf Menschen treffe, die vielleicht mit der Meinung die ich öffentlich vertrete gar nicht so einverstanden sind. Und Luther legt nun genau in diesem Sinn wert darauf, dass Christus eben in diesem menschlichen Wort gegenwärtig ist. Der Geist des Glaubens soll und wird also empfangen, darum dass er verbreitet wird.

Der Glaube verbreitet sich durch das mutige und furchtlose Zeugnis für die eigenständig aus der Bibel erkannte Wahrheit und darin, diese auch zu praktizieren. Und hierin liegt heute auch eine Mahnung an die Gemeinde. Die reformatorische Gemeinde schläft ein, wenn der Glaube nicht menschlich praktiziert wird. Christus ist in den menschlichen Worte gegenwärtig. Das Zeugnis für den Glauben soll ein eindeutiges sein. Und Christus ist im menschlich gepredigten Wort gegenwärtig. Das Evangelium wird in menschlich verständlichen Gedanken weitergegeben. Die göttliche Vergebung erfahren wir in dieser Verkündigung, die schlicht Wahrheit ist. Diese Wahrheit wird nicht durch andere äußerliche Zeichen noch wahrer und ist auch nicht an die Amtsautorität eines Priesters gebunden.

Strenggenommen gilt diese Berufung für alle, daher spricht Luther ja auch vom Priestertum aller Gläubigen.

Christus spricht: Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.

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