Vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat!

Mit Deutschland geht es schwer bergab. Schlusslicht im Wachstum, bei der Bildung im hinteren Mittelfeld in der PISA-Studie. Und die Skispringer springen auch nur noch hinterher. Aber in zwei Sachen sind wir Deutsche spitze:

Wir sind immer noch Exportweltmeister – und wir sind Weltmeister im Jammern. Ich jammere, also bin ich. Das kommt mir manchmal wie das deutsche Motto vor. Ich jammere, also bin ich.

Als wir uns vor ein paar Wochen getroffen haben, um diesen Gottesdienst vorzubereiten, da schien es uns ein guter Gedanke zu sein, den letzten Gottesdienst im alten Jahr unter das Motto der Dankbarkeit zu stellen: Vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat.

Dann kam der zweite Weihnachtsfeiertag, die Flutkatastrophe in Fernost mit den unzähligen Toten – und da soll man dankbar sein? Ganze Dörfer ausgelöscht, Familien auseinander gerissen, Eltern ohne Kinder, Kinder ohne Eltern – und wir singen: Lobet den Herren, der alles so herrlich regieret?

Ich bin gestern lange an meinem Schreibtisch gesessen und habe darüber nachgedacht. Und ich bin zu dem Schluss gekommen: Ja, gerade jetzt ist es richtig, über die Dankbarkeit nachzudenken. Und es passt gut, das mit dem Psalm 103 zu machen.

Denn in diesem Psalm wird ja nicht gerade gesagt: Leute, seid Gott dankbar, denn alles ist so wunderbar! Alles eitel Wonne und Sonnenschein, also seid dankbar!

Nein, im Gegenteil: In diesem Psalm kommt sehr drastisch zur Sprache, wie zerbrechlich und verletzlich wir Menschen sind, wie ganz unsicher und gefährdet unser Leben ist: Denn er weiß, was wir für Gebilde sind; / er denkt daran: Wir sind nur Staub. Des Menschen Tage sind wie Gras, / er blüht wie die Blume des Feldes. Fährt der Wind darüber, ist sie dahin; / der Ort, wo sie stand, weiß von ihr nichts mehr. Wir müssen nur den Wind durch das Wasser ersetzten – und diese Worte sind beklemmend aktuell.

Der Mensch, der diesen Psalm zuerst gebetet hat, weiß genau, wie schwer wir es oft im Leben haben. Er weiß, dass es oft Niederlagen gibt und schmerzliche Verluste. Er weiß, dass Leid und Schmerz und Tod in unserem Leben zuhause sind.

Und doch sagt er: Lobe den Herrn, meine Seele. Sei dankbar.

Warum sagt er das?

Er sagt als erstes: Weil wir sonst in Gefahr sind, alles Gute zu vergessen, was wir empfangen haben. Danken ist kein psychologischer Trick, um nicht alles so hoffnungslos zu sehen, wie es dann in Wirklichkeit ist. Danken heißt, sich erinnern an das, „was er dir Gutes getan hat.“ (Ps 103). Wir sind so vergesslich wie Mücken für empfangene Guttaten, haben aber die Erinnerung von Elefanten, wenn es um Kränkungen geht. Misstrauen gegen Gott und Hoffnungslosigkeit nährt sich oft aus unserer Vergesslichkeit. Im hebräischen bedeutet das Wort „vergessen“ wörtlich: Etwas so verlieren, dass man es nie besessen hat. Ich finde das sehr treffend. Gutes, das mir widerfahren ist, das ich aber vergessen habe, an das ich nicht mehr denke, mich nicht mehr erinnere – es ist mir verloren gegangen. Es ist weg. Und weil das schlechte, das negative sich viel besser einprägt, wird es sehr finster in uns. Das ist wichtig zu wissen: Wer sich öffnet, ist auch vielen zerstörerischen Kräften ausgesetzt: Unzufriedenheit, Undankbarkeit, Angst und Gefühlen, die alles sinnlos erscheinen lassen. Oft sehe ich nur eine Nebelwand vor mir und kann die Sonne nicht mehr spüren. Hier wird die „Dankbarkeit zum Wächter am Tor der Seele gegen die Mächte der Zerstörung.“ (Gabriel Marcel)

Wer anfängt zu danken, dessen Denken bekommt eine neue Richtung. Weg von dem, was mir alles fehlt. – Hin zu dem, was mir alles geschenkt ist. Weg von dem, was alles schlecht ist. – Hin zu dem, was gut ist in meinem Leben.

Weg von dem, was mir Mühe macht. – Hin zu dem, was mir Freude bereitet. Weg von dem, was mir Sorgen bereitet. – Hin zu dem, was mich hoffen lässt.

Danken macht uns bewusst: Es ist nicht selbstverständlich, was wir haben. Oft merkt man ja den Wert von vielem erst dann, wenn man es verloren hat. Wie wertvoll Gesundheit ist, merke ich erst, wenn ich krank bin. Wie wertvoll ein Arbeitsplatz ist, merke ich erst, wenn er in Gefahr ist. Wie wertvoll meine Ehe, meine Familie ist, merke ich erst, wenn sie am zerbrechen ist, oder wenn sie auseinander gerissen worden ist. Wir nehmen vieles – zu vieles einfach so ganz selbstverständlich hin und meinen zu guter Letzt: Das ist mein gutes Recht, das ich das habe. Das steht mir doch zu! Das habe ich verdient! Ich bin mehr, ich tue mehr, ich verdiene mehr, ich brauche mehr. Und so werden wir immer anspruchsvoller und unzufriedener.

Danken dagegen macht demütig, bescheiden. Wer für alles dankt, der weiß, dass er nichts hätte, das er nicht empfangen hat, dass er aus sich selbst nichts ist und nichts kann; er weiß aber auch, wie viel und wie großes Gott gibt.

Gott danken macht uns bewusst: Es ist nicht selbstverständlich, was Gott für uns tut. Alles ist Geschenk. Dass die Sonne uns wärmt und die Frucht zum Reifen bringt. Dass der Mond die Nacht mit seinem Silberlicht erhellt und den Meeresküsten durch Ebbe und Flut Leben verleiht, ist nicht selbstverständlich. Alles ist Geschenk. Dass der Frühling uns das Herz erwärmt nach der langen Kälte, dass der Sommer das Grün in die Bäume und die Kraft in die Früchte strömen lässt, und der Herbst uns Keller und Fässer füllt, der Winter uns letztlich Ruhe und Besinnung schenkt nach einem Jahr voller Arbeit. Nichts davon ist selbstverständlich. Alles ist Geschenk. Dass wir Kleidung haben, die uns wärmt; Brot und Früchte, die uns stärken; Wasser, das uns erfrischt; ein Haus, das uns Geborgenheit gibt. Nichts davon ist selbstverständlich. Auch Lebensfreude und Gesundheit, Schaffenskraft und Zuversicht – alles ist Geschenk. Letztlich ist auch die Liebe Gottes keine Selbstverständlichkeit. Dass Gott seine Schöpfung und seine Menschen immer noch lieb hat,

– nach allem, was wir Menschen einander angetan haben in Hunderten von Kriegen, in Konzentrationslagern und Bürgerkriegen,

– nach allem, was wir Menschen auch der Natur angetan haben durch Zerstörung der Wälder, durch Ausbeutung der Tierwelt, durch Verseuchung von Flüssen und Meeren,

– nach allem, was wir Menschen uns auch untereinander heute noch immer wieder antun durch neidvolle Gedanken, durch boshafte Worte oder lieblose Taten. (Ich möchte daran erinnern: Seit dem 26.12. sind mehr Menschen verhungert als bei der Katastrophe ums Leben gekommen sind. Und die Welt hätte genug Nahrung für alle.)

– nach alledem, ja trotz alledem hat Gott seine Schöpfung noch immer lieb, und seine Menschen, die er nach seinem Bild geschaffen hat und von denen er sich nichts sehnlicher wünscht, als dass sie einander lieben und achten und demütig sind vor ihrem Gott.

Diese Liebe, diese inkonsequente Liebe, die liebt trotz aller menschlichen Schuld, ist alles andere als selbstverständlich. Jesus Christus ging für diese Liebe in den Tod. Solch ein Opfer, solch ein Zeugnis ist nicht selbstverständlich. Es ist ein unverdientes Geschenk.

Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden / und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.

Gott sei Dank bekommen wir von Gott nicht das, was wir verdienen. Denn dann ginge es zumindest mir ziemlich schlecht. Aber Gott sei Dank haben wir einen Gott, bei dem Vergebung zu finden ist. Der uns nicht das gibt, was gerecht wäre, sondern der gnädig ist.

Dankbarkeit bewahrt vor der Sichtverengung, die nur irdische Zusammenhänge wahrnimmt und sich durch sie niederdrücken oder gefangen nehmen lässt. Wer Gott dankt, bekommt einen weiteren Horizont. Wer Gott dankt, der lernt, auf ihn zu schauen und auf das, was er uns verheißt: Dass er treu ist und zuverlässig. Dass er einen ewigen Bund mit uns schließt. Dass er denen, die ihn lieben, Unvergänglichkeit und ewige Freude verspricht. Darum ruht über dem Leben eines Dankbaren ein geheimnisvoller Glanz, ein Licht der kommenden Welt, das auch andere zu Gott hinzieht.

Und ein letzter Grund fällt mir ein, warum Dankbarkeit so wichtig ist. Dankbarkeit ist wichtig, um einen erlittenen Verlust zu bewältigen. Dankbarkeit ist wichtig, um die Trauer zu überwinden. Ich bin mir sicher: Auch viele von uns haben in diesem Jahr Abschied nehmen müssen von einem lieben Menschen. Der Tod findet nicht nur in Sri Lanka und Thailand statt, sondern auch in Sonthofen und in Blaichach. Und wenn ein lieber Mensch stirbt, dann fällt der Abschied schwer. Je enger und lebendiger und liebevoller die Beziehung, desto schwerer. Dietrich Bonhoeffer hat das einmal so beschrieben: Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Und er fährt fort: Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich. Die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in stille Freude. Die Dankbarkeit kann Schmerz in Freude verwandeln. Die Dankbarkeit kann Schweres leicht machen. Die Dankbarkeit hat eine große Macht.

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat. Dabei helfe uns allen der gnädige Gott.

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