Vergebung – so tun, als wäre nichts geschehen? (Jer 17,14)

Jer 17,14
[14] Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen; denn du bist mein Ruhm.

[Selbstmord einer 30jährigen, die vorher ihr dreijähriges Kind tötete]

Liebe Y., liebe M., lieber D., liebe Familie X, Herr X, Herr X, liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde,

es war ein glücklicher Moment, als mit N.N. die erste Tochter 1970 auf die Welt gekommen ist. Die Geburt des ersten Kindes erleben wir bewusst, voller Freude und voller Pläne. Manchmal versuchen wir aufs Leben hinauszuschauen. Die verschiedenen Stationen wie Taufe, Konfirmation und Heirat animieren uns dazu, Zukunftspläne zu machen. Der vergangene Samstag kam in den Plänen für N.N. niemals vor. Wir sind uns sicher, dass er in ihren Plänen in der letzten Zeit vorkam. Wir hoffen, nicht allzu lang.

Wir denken an ihre Konfirmation, ihren Spruch aus Lukas 1,46: „Meine Seele erhebt den Herren, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.“

Es ist aus dem Danklied der Maria, als sie erfuhr, dass sie mit Jesus schwanger war. N.N. war gut 2 Jahre später schwanger. Zu früh? Wer will das sagen. Aber sie trug eine Menge mehr Verantwortung als andere 16 und 17 jährige das müssen. Mit D. Geburt und der Geburt der Zwillinge waren wieder solche Momente des Planens und Vorausschauens gekommen. Bei aller Last sah es gut aus. Doch die Probleme wurden deutlicher: Scheidung, Streit, Neuanfänge.

Und wieder kamen gute Zeiten und glückliche Momente. Mit P. gab es erneut die Freude über ein gesundes Kind und wieder gab es zu planen und vorauszuschauen, auf ein ganzes Leben. Das es mit drei Jahren enden würde, das hat niemand eingeplant, niemand. P. hat bei seiner Taufe ein Wort aus Jeremia 17,14 mit auf den Weg bekommen: „Heile du mich Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“

Gott wird seine Wunden heilen, darauf vertrauen wir, aber wir hätten es uns anders gewünscht.

N.N. hat keinen Ausweg mehr gesehen. Zu viele Krisen und das zu früh, zu oft ein Scherbenhaufen, zu wenig Kraft für einen erneuten Neuanfang, wer kann das sagen? Und niemand weiß, warum sie ihren kleinen Jungen mitnehmen musste. Wie gesagt, der vergangene Samstag hat nicht stattgefunden in den Plänen; weder in den positiven und guten Lebensplänen, noch in den Krisenplänen, die wir Menschen uns in solchen Zeiten auch machen.

Haben wir ihre Hilferufe nicht gehört? Diese Frage gellt in so vielen Ohren. Hätten wir etwas anders, besser machen können? Das Unheil abwenden können?

Ich habe in den letzten Tagen viele liebevolle Menschen kennen gelernt. Menschen, die es gut mit N.N. gemeint haben, für sie da waren, ihr zugehört haben, ihr aus der Krise helfen wollten, die Hand reichen, die Schulter klopfen, Mut machen wollten und das alles auch getan haben. Ihre eigentümlichen Andeutungen, ihre Frage nach der Zukunft der Kinder, die haben alle beantwortet. Da hat jeder getan was er konnte. Mehr und mehr spüren wir, dass nicht wir ihre Schreie nicht gehört haben, sondern sie die helfenden Hände nicht mehr greifen konnte und wollte. In ihrer eigenen Art, mit der sie die Gefühle mit sich selbst ausgemacht und ihre Ziele in eigener Verantwortung verfolgt hat, hat sie ihrem kleinen Sohn und sich selbst folgerichtig das Leben genommen. Unsere Gedanken drehen sich auf einmal weg von dem, was wir uns selbst vorwerfen wollten zu dem, was wir ihr vorwerfen müssen.

Wie konnte sie das tun? Und dann noch auf diese Weise. Im Geiste spielen wir die Szenen durch. Welche Kälte musste in ihr entstanden sein, wie konnte sie das vergessen, was sie ihrer Familie, ihren Freunden damit antut? Und wir können sie nicht mal mehr zur Rechenschaft ziehen.

Da stehen wir also vor diesem ganzen Berg aus Vorwürfen und Anklagen. Und jeder von uns, der bei Trost ist, will diesen Berg loswerden. Das müssen wir auch, um nicht verrückt zu werden. Unsere Wut und Trauer, unsere Angst und Verzweiflung muss raus. Sonst können wir uns dem Leben nicht so zuwenden, wie es für uns gedacht ist. Was sollen wir aber tun, wenn wir mit N.N. nicht mehr reden können, P. Stimme nicht mehr im Haus hören können?

In der Kirche gibt es ein altes Wort dafür, wie ein Neuanfang in so einer Situation überhaupt noch möglich ist. Es heißt „Vergebung“. Es ist unsere Aufgabe irgendwie innerlich den Weg zu diesem Grab zu finden und N.N. die Hand zu reichen und zu sagen: Ich vergebe dir! Nicht: ich verstehe dich, oder: ich will es vergessen.; das geht ja gar nicht. Vergebung ist das, was wir und N.N. jetzt brauchen. Vergebung Gottes aus der Sicht des Glaubens, aber auch unsere Vergebung. Wir können mit so einem Kinds- und Selbstmord nicht einfach so tun, als wäre nichts geschehen. Und wir können unsere Selbstvorwürfe und die Vorwürfe, die wir anderen gegenüber vielleicht im Innersten erheben nicht einfach so auf diesem unüberwindlichen Gefühlshaufen liegen lassen. So kann man nicht wirklich neu anfangen, so kann man nicht wirklich leben und groß werden, oder Kinder erziehen. Vergeben wir N.N., vergeben wir uns selbst und einander, lassen wir uns von Gott und von den Verstorbenen vergeben und lassen Sie uns ihnen zu liebe ein Leben führen, das diese Verzweiflung, diese Angst und Kälte und diese Grausamkeit nicht mehr spüren muss.

Vielleicht ist diese Erneuerung das einzig positive, was wir der Katastrophe vom vergangenen Samstag noch abgewinnen können. Wir können uns jetzt – im Gegensatz zu N.N. – noch dem Leben zuwenden und uns erneuern lassen. Wir können dem nachspüren, wovon es in den beiden Bibelworten hieß: Unsere Seele zu Gott erheben, der unsere Freude sein kann. Und wenn wir das tun, mit Gott rechnen, dann können sich unsere Pläne im Leben auch erfüllen und müssen nicht von uns abgebrochen werden. Und wir lesen dann ganz anders die Wortes aus P. Taufspruch: heile du mich Gott, so werde ich heil. Wir spüren dann, dass aus der Kraft der Vergebung so ein heiles Leben entsteht, das keineswegs sorgenfrei ist, sich aber immer getragen weiß und behütet, dass ich die Dinge des Lebens gelassen auf mich zukommen lassen kann und voller Liebe und Geduld.

Liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde, ich wünsche Ihnen und euch, dass Sie den beiden Verstorbenen, aber auch einander und unserem Gott in dieser vergebenden Weise begegnen können, damit neues Leben beginnen und erloschenes Leben in Frieden und Vergebung ruhen kann.

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