Unterwegs (Exodus 13, 20-22)

Zu meinem ganz persönlichen Jahresrückblick und zu der bleibenden Erinnerung an dieses Jahr wird die Zeit der Wanderungen und Spaziergänge gehören. Ich war viel unterwegs, allerdings nicht wie sonst mit Auto oder Bahn. Die Beschränkung der Alltagskontakte in Familie und Beruf bedeutete Zeit, um für mich und allein mit mir unterwegs zu sein. Ich habe den Frühling mit allen Sinnen wahrgenommen, mich an Sommerwanderungen erfreut, als wir alle zusammen zumindest im eigenen Land wieder reisen konnten, den Herbst mit all seinen Farben und spät sommerlichen Temperaturen genossen. Zu Fuß unterwegs sein schärft die Sinne, lässt den Gedanken nachgehen, dabei aber auch offene Fragen im Nachdenken klären. Bewegung tut gut! Meist bin ich auf bekannten und vertrauten Wegen unterwegs gewesen, manchmal aber auch vom Weg abgebogen, habe mich überraschen lassen und Neues entdeckt. Im Zweifelsfall half mir die Karte, auf den rechten Weg zurückzufinden.

So manche Reise ist aber auch ausgefallen. Risikogebiete durften nicht besucht werden, manche Flughäfen wirkten in Hauptreisezeiten verwaist. Das hat vielen gefehlt. Sie wollten die weite Welt sehen und entdeckten nun stattdessen die eigene Welt, das eigene Land, die nahegelegenen Ausflugsziele.  Aber wir sollten nicht vergessen, dass wir reisen konnten, zur Erholung, in die Sommerfrische, zur Familie, schön war es, auch wenn Weihnachten nicht wie gewohnt gefeiert werden konnte.

Andere waren unfreiwillig auf den Straßen und Meeren unterwegs. Für sie war in diesem Jahr in den Meldungen nicht so viel Platz. Sie flohen vor Krieg, Unterdrückung und Gewalt, vor Hunger und Dürre, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auf Freiheit, folgten dem Versprechen von Orten, an denen Milch und Honig fließen und landeten in Flüchtlingslager an den Grenzen Europas oder in den Flüchtlingscamps Afrikas. Nicht überall waren und sind die Kameras auf sie gerichtet. Sie ließen sich leiten von Sehnsucht und Hoffnung, folgten Versprechungen, mussten für Begleitung teuer bezahlen und wurden oft am Ende bitter enttäuscht, weil sie vieles, oft vor allem Ablehnung, aber keine Perspektive fanden.

Nicht alle wollen sich um des Friedens willen anpassen, sich mit Ungerechtigkeit, Armut, Konflikten und Kriegen, dem Leiden der Natur und der Schöpfung abfinden, sondern suchen Auswege. Viele begehren auf: gegen die Machthaber und Unterdrücker, gegen die Verhältnisse, manchmal mit nicht mehr als der puren Verzweiflung, manchmal mit dem Gottvertrauen, nicht vergessen und allein gelassen zu sein.

Und während alle und alles in Bewegung sind, das ganzen Jahr über, trotz Lockdown, unruhig, verzweifelt, umtriebig und emsig, warten  auch viele ungeduldig. Sie hoffen, dass Medikamente und Impfstoffe gegen das übermächtige Virus ihnen ihr vertrautes Leben zurückgeben. 

Aber der Weg kann lang sein und die Zeit lang werden, bis das Ziel erreicht ist. Irrwege sind nicht ausgeschlossen, Irrtümer mit eingepreist. Geduld und Hartnäckigkeit sind nicht allen gegeben. Man kann unterwegs den Überblick und das Ziel durchaus aus den Augen verlieren, Orientierung, Führung und Leitung tut not. Wer soll zuerst geimpft werden, wie kann ich in der Zwischenzeit die Bevölkerung schützen, damit das Gesundheitswesen nicht überfordert wird, wie kann ich die stärken und entlasten, die sich auch unter Gefahren für andere einsetzen und aufopfern, oft über die Belastungsgrenzen hinaus. 

So viele Fragen, so viele Entscheidungen, so viele Konsequenzen auch an der Schwelle zu einem neuen Jahr.

Wir halten alle einen Augenblick inne, um uns neu orientieren, das Ziel neu in den Blick zu nehmen, auch loszulassen und Abschied zu nehmen. Wir dürfen traurig sein und hoffnungsvoll, ungeduldig und beharrlich, dann aber auch weitergehen, andauernd unterwegs sein.

Unser Weg dauert ein Leben lang, 

mein Leben lang,

und alle Unsicherheiten sind auch meine Unsicherheiten 

und alle Hoffnungen sind auch meine Hoffnungen.

Israels Weg durch die Wüste, aus der Gefangenschaft ins gelobte Land, von den Fleischtöpfen Ägyptens hin zu Milch und Honig, dauerte vierzig Jahre. Und keiner, der aufgebrochen war, konnte einen Fuß in das verheißene Land setzen. Es war ein Weg zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Vertrauen und Aufbegehren, Gefahren und Bewahrung, Leben und Tod. Aber es war ein Weg, der dennoch ans Ziel führte.

Was hat nur durch die Wüstenzeit getragen, neuen Mut gemacht, Zorn, Ärger, Angst und Hoffnungslosigkeit immer wieder in Vertrauen verwandelt?

Die Väter und Mütter erzählten von der Gegenwart Gottes am Tag und in der Nacht, von Wolken- und Feuersäule, Zeichen der Hoffnung, dass Gottes es am Ende gut mit ihnen allen meint und sein Versprechen hält.

Der mutige Blick nach vorn oder der hilfesuchende Blick nach oben haben es möglich gemacht, der Wegweisung Gottes Tag und Nacht durch die Wüste zu folgen und ans Ziel zu kommen. Wer resigniert den Blick senkt, sieht vielleicht den Weg bis zum nächsten Schritt, verliert aber das Ziel, das sich am Horizont vielleicht schon abzeichnet, aus den Augen.

An der Schwelle vom alten zum neuen Jahr heißt es also mit erhobenem Haupt und offenen Augen nach Zeichen der Gegenwart Gottes zu suchen, nach Wegmarken für den Lebensweg durch die Zeit und für die Gestaltung meiner Lebenswelt und Umwelt.

Der Glaube öffnet Augen. 

Erhobenen Hauptes, aufgerichtet durch Gottes Ansehen, erkenne ich nicht nur, was im Argen liegt, sondern auch, wo Gott sich längst erbarmt hat, welch großes Geschenk Leben ist, wie ich unterwegs schon bei mir und bei ihm angekommen sein kann.

Ich erinnere mich an die Geschichten voller Schönheit und Liebenswürdigkeit Gottes und seiner Freundlichkeit, ich möchte sie als Hoffnungsgeschichten weitererzählen.

Ich entdecke gerade in diesen Tagen das eine untrügliche Zeichen seiner Gegenwart. Das Kind in der Krippe, der verheißene Immanuel – Gott mit uns. Gott mit uns am Tag und in der Nacht, am Anfang  und am Ende des Weges, am Ende und am Anfang eines neuen Jahres, am Lebensanfang und Lebensende, das zugleich ja ein endgültiger Neuanfang sein wird.

Ich wünsche uns, dass wir die Zeichen der Nähe und Gegenwart Gottes auch im neuen Jahr nicht aus den Augen verlieren. Dann wird es gesegnetes Jahr sein.  Denn er ist mit uns. Er ist Immanuel, komme, was da wolle, Tag für Tag, 365 Tage im Jahr. Er sei und bleibe mit Ihnen allen. Amen

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