Unsere Zeit ist seine Zeit (Ps 31,16a)

Ps 31,16a
[16] Meine Zeit steht in deinen Händen.

[Plötzlicher Tod einer 58-jährigen Frau]

Liebe Frau N.N., lieber Herr N.N., liebe Trauergemeinde,

wenn jemand so plötzlich und unerwartet stirbt wie N.N., dann hinterlässt der Tod nicht nur die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen. Was vielleicht sogar mehr schmerzt und weh tut, das sind der Schock, das Nichtverstehenwollen und -können und die unendliche Zahl der Fragen, die einen umtreiben und vor denen man hilflos dasteht. Ihre Tochter, ihre Frau N.N. ist im Alter von 58 Jahren von einem Moment zum anderen von uns gegangen. Sie war gerade dabei, sich von einer schweren Operation zu erholen und hatte auch schon wieder die ersten Schritte in das alltägliche Leben getan. Doch dann kam der Zusammenbruch. Warum gerade sie? Warum so früh? Warum so plötzlich? Warum ausgerechnet jetzt?

Sie, Herr N.N., hatten zusammen mit ihrer Frau noch eine Menge Pläne für die kommenden Jahre gemacht. Und sie, Frau N.N., haben ihre Tochter verloren, an der sie doch auch so viel Halt gefunden haben. Sie müssen nun erleben, wie ihre Zukunft um einen Menschen ärmer geworden ist. Für sie beide bricht eine ganze Welt zusammen, eine Welt, die sie sich zusammen mit N.N. über Jahrzehnte hinweg aufgebaut haben. Was jetzt vor ihnen liegt ist ein Lebensabschnitt, der anders verlaufen wird, als sie es sich noch vor wenigen Tagen vorgestellt und gewünscht haben. Die Welt, in der sie leben werden, ist nun nicht mehr dieselbe.

„Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Das sind Worte aus einem Gebet, das jemand gesprochen hat, der um seine Zukunft fürchten musste. Und weil er sich deshalb nicht mehr auf sich selbst verlassen wollte und konnte, vertraute er sein Leben der Obhut eines anderen an. Es gibt Situationen im Leben eines jeden Menschen, in denen er seiner selbst nicht mehr sicher ist, in denen der tragende Grund unter den Füßen wegbricht, in denen man sich mit der Frage quält: Mein Gott, warum musstest du mich ausgerechnet jetzt verlassen? Es sind Momente, in denen einem ein Tag wie eine Ewigkeit vorkommen kann, die nicht enden will.

„Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Ihre Zeit, liebe Frau N.N., lieber Herr N.N., werden sie in den kommenden Wochen und Monaten nicht mehr so selbstverständlich im Griff haben. Es wird Stunden geben, wahrscheinlich gerade jetzt in den ersten Tagen, die werden ihnen vorkommen wie Sekunden. Aber es werden auch – später – die Augenblicke kommen, die nicht zu enden scheinen wollen. Gerade dann ist es aber wichtig zu wissen – und ich hoffe für sie, dass sie das zu spüren bekommen -, dass sie ihre Zeit der Trauer nicht allein bewältigen müssen. Es gibt Angehörige, Freunde und Bekannte, die ihnen zur Seite stehen. Aber auch in den Momenten, in denen sie sich einsam fühlen werden, ist jemand bei ihnen. Darum wünsche ihnen gerade heute, wo sie Abschied von ihrer Tochter, ihrer Frau nehmen müssen, dass sie den Mut finden, darauf zu vertrauen: dass sie mit all ihrem Schmerz, all ihren Fragen und all ihrem Unverständnis getragen sind und nicht ins Bodenlose fallen müssen. Auch wenn das jetzt schwer zu verstehen ist: Gott hält noch eine Zukunft für sie offen. Und es ist bestimmt im Sinne ihrer Tochter, ihrer Frau, wenn sie sich dieser Zukunft, so schwer es auch sein mag, annehmen.

„Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Nicht nur für diejenigen, die zurückbleiben müssen, nimmt sich Gott Zeit. Wir dürfen die Gewissheit haben, – und auch das möchte ich ihnen heute mitgeben -, dass er nun seine Zeit auch ihrer Tochter, ihrer Frau schenken wird. Und das heißt, dass das, was jetzt für uns Menschen so unvollendet erscheint, was noch so viele Fragen offengelassen hat, dass das bei Gott noch nicht das Ende bedeutet. Der Abschied, den wir heute von N.N. nehmen müssen, ist kein endgültiger. Es wird eine Zeit geben, in der sich alles zum Guten wenden wird. Für ihre Tochter, ihre Frau ist diese Zeit schon jetzt angebrochen. Ihr Leben, das wie unser aller Leben auch schon hier auf Erden von Gott begleitet war, ist nun endgültig und vollkommen in seinen Händen geborgen. Und es wird, wenn Gott will, auch der Augenblick kommen, in dem N.N. diese gute Zeit, in der sie nun lebt, wieder mit ihnen, mit uns allen teilen wird. Es wird die Zeit sein, in der es keine Tränen, keinen Tod und keinen Schmerz mehr geben wird. Ich wünsche ihnen, Frau N.N. und Herr N.N., dass ihnen diese Hoffnung Kraft gibt und Trost spendet.

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