Unser Narrativ bleibt

Hesekiel 37, 24-28

Liebe Festgemeinde! Brüder und Schwestern in Christus!

  1. Wir sind verpeilt und voller Sehnsucht

Die Orientierungslosigkeit unserer Zeit könnte man kurz und treffend so auf den Begriff bringen: Wir sind verpeilt, wissen nicht mehr, wo es lang geht.

Wer in Talk-Shows sitzt oder Kommentare schreibt, formuliert vornehmer: „Wir haben keinen Narrativmehr“, sagt man, „wir brauchen eine neue Erzählung“. Uns fehlen Geschichten, soll damit gesagt sein, Geschichten, die uns Orientierung geben. Darum soll es heute gehen.

Ich will es anfangs gleich bekennen:  Unser Narrativ, unsere Erzählung,  für die wir heute hier versammelt sind, sie zu hören, das ist die Geschichte der Geburt Jesu Christi. Das ist unsere Erzäh­lung von Gott in Jesus Christus, aus der uns Zuversicht und Hoffnung übergehen ins Herz und ins Leben.

  1. Bitte keine Märchen – aber erzähle sie mir doch

Ich bring Euch gute, neue Mär, der guten Mär bring ich so viel… So haben wir eben gesungen. Allein dieser  altertümliche Begriff weist dem Skeptiker, der Misstrauischen unter uns, den Weg. Eine Silbe weiter und aus Mär wird Märchen. Und wer sich ausmärt, also in epischer Breite dahin schwätzt, gilt als lästig.

Und obgleich wir für gewöhnlich „Märchen“ uns nicht erzählen lassen wollen, kommt im Advent fast jeden Tag ein neuer Märchenfilm ins Programm. Ein starkes Zeichen dafür, wie groß unser Verlangen nach Harmonie, Glück und gutem Ende in uns lebt. Und ein Zeichen dafür, dass wir gute Geschichten brauchen. Bitte keine Märchen – aber erzähle sie mir doch.

Wir sind verpeilt und voller Sehnsucht zugleich.

  1. Was wissen wir noch?

Was aber wissen wir noch? Fahren wir mit einer nostalgisch klagend klingenden Frage fort:

Was ist noch da in deinem Herzen von den Geschichten des Glaubens, von der „guten Mär“?

Gegenfrage: Was soll denn „noch da sein“?

Ja, was soll da sein? Es gab Zeiten, da fragte man vor allem nach Texten, um vorhandenen Glauben zu prüfen. Vater Unser, Glaubensbekenntnis, Psalm 23, Kleiner Katechismus mit „Was ist das?“.Wer ein gutes Gedächtnis hatte, war aus dem Schneider.

Wir fragen anders, fragen schärfer:

Was ist noch da von der Kraft des Glaubens in mir? Welche der biblischen Geschichten birgt meine Seele noch in sich? Was vom Glauben prägt noch mein Handeln, meinen Charakter?  Diese Fragen kannst nur Du dir selbst beantworten.

Was ist noch da? In dieser Frage schwingt  wehmütige Ahnung von Niedergang oder Wandel – wer vermag das wirklich zu unterscheiden? –  und die Furcht vor beidem mit.Was ist noch da vom alten Glauben, vom Glauben aus den Kindertagen, dem Gott so gewiss war wie Christkind und Weihnachtsmann.

Da sah Gott  den kleinen Michael, wie er ihm den Tod seines Hundes klagte und für den kranken Opa mit Tränen gefleht hat und im Gebet Ruhe und Zuversicht fand für seine Seele und einstimmen konnte voll Vertrauen, dass in Gott alles bewahrt bleibt, was man geliebt hat. Himmel. Ja, daran konnte der kleine Bub glauben.

Da sah  Gott die kleine Astrid, wie sie ihm all ihre Sorgen wegen Mama und Papa jeden Abend erzählte. Und er sah Kerstin, wie sie darum flehte, endlich Mathematik verstehen zu können. Beide erlebten, was es heißt Kreuzwege zu gehen und dennoch Auferstehung zu erleben.

Und was sieht Gott heute, wo sie alle groß sind? Hört er noch etwas? Und: Was ist lebendig in Dir?

Die Sorge um Fortbestand von Tradition und Glaube gehört immer mit dazu, wenn Zeiten kritisch werden und aus dem alten, dahinsterbenden Zeitalter eine neue Zukunft unter Schmerzen geboren wird.

  1. Hesekiel erzählt weiter

Hesekiel – der Verfasser unserer Predigt-Worte aus der Bibel – erlebte diese Krise nach der Zer­störung Jerusalems im 7. Jahrhundert vor Christus. Er gehörte zu den nach Babylon  Deportierten und lebte fern der Heimat. Für Schlagerfans. Boney M. besang diese Zeit „By the rivers of Babylon, there we sat down. Yea, we wept, when we remembered Zion.“.

Wohl sah Hesekiel seine Landsleute im Synagogen-Treff, wo sie gemeinsam ihr Heimweh be­weinten. Aber er sah sie auch in den Prozessionen des babylonischen Akitu-Festes (eine Art Fruchtbarkeitskult) mitlaufen …nein, schlimmer .. mit beten und  mitsingen. Haben sie alles ver­gessen? Wissen sie nicht mehr, dass das Volk Gottes nicht ums goldene Kalb tanzt?

Gewiss sprach Hesekiel darüber auch zu seinen Glaubensgeschwistern. Wie sie ihm antworteten? Vielleicht irgendwie so: Deine gute alte Mär hat ausgedient. Wir leben jetzt in einer anderen Welt.

Und dennoch: Hesekiel bewahrte die Geschichten und erzählte aus ihnen heraus die Zukunft.

  1. Klagen auf höherem Niveau: Wir brauchen neue Erzählungen

Im nächsten Kapitel unserer Predigt stellen wir unsre Frage nach dem, was noch da ist, auf höherem Niveau.

Wahrscheinlich haben sie auch schon Formulierungen wie diese gelesen oder gehört: Wir brauchen  eine „neue Erzählung“, einen neuen „Narrativ“. Damit hatten wir ja begonnen. Die Inhalte wechseln: Wir brauchen eine neue Erzählung Europas, eine neue Erzählung der Wiedervereinigung, eine neue Erzählung der Familie, der Liebe usw..

Diese Rede von den „Erzählungen“ oder vom „Narrativ“ geht auf den französischen Philosophen Jean-Francois Lyotard zurück. Lyotard beklagte in seinen Schriften dass die „Erzählungen der Mo­derne“ keine Kraft mehr haben. Damit meinte er den in Immanuel Kants Schriften  gründenden, modernen Glauben, die Erzählung  von der Kraft der Vernunft. Zudem sei die  von Hegel entwor­fene „Erzählung“, Geschichte habe ein Ziel, nicht mehr  glaubhaft. Lyotard befürchtete, nach dem Untergang der Moderne würde die verstaubten Erzählungen des völkisch-rassistischen Nationalis­mus und der fundamentalistischen Religion zurückkehren und Anhänger gewinnen. Schauen wir in unsere Gegenwart, so möchte man dem 1998 Verstorbenen Recht geben.

Gleichwohl gilt: Wir brauchen neue Erzählungen, denn wer immer nur verpeilt ist, dreht sich  bloß noch im Kreis und kommt nicht voran.

  1. Erzählung reicht

Im nächsten Abschnitt machen wir einen kurzen Ausflug und denken darüber nach, wie wichtig Erzählungen sind.

Das geht doch am besten, wenn wir dazu eine kurze Erzählung hören, ein jüdische Erzählung.

In alter Zeit rettete der Rabbi Baal Shem sein Volk. Er ging an einen ganz bestimmten Ort im Wald, meditierte, entzündete ein rituelles Feuer und sprach das richtige Gebet.Und siehe, Gott rettete sein Volk. Eine Generation später musste sein Schüler Gleiches tun. Kannte noch den Ort, sprach  das Gebet richtig, wusste aber nicht mehr das rituelle Feuer zu entzünden. Und Gott rettete dennoch.

Wieder eine Generation weiter wusste man nur noch den Ort. Gebet und Feuer konnte niemand mehr. Aber es reichte.

Dann schließlich war Rabbi Mosche dran. Saß er in seinem Haus, stütze seinen müden Kopf und sprach zu Gott: Ich weiß weder den Ort im Wald noch kenne ich das Geheimnis des rituellen Feuers und weiß nichts vom richtigen Gebet. Ich kann nur diese Geschichte erzählen. Das muss reichen, das muss ausreichen, dass du dein Volk rettest.“ Es reichte aus.Die Geschichte war genug. In ihr ist alles aufgehoben.

Soviel zur Bedeutung von Geschichten. „Mein Wohnung soll unter ihnen sein“. So spricht Gott.

Hesekiel, unser Vordenker, weiß mit seinen Worten im Auftrag Gottes die Herzen derer, die im Exil leben, kräftigen und stark machen in der Hoffnung. Er kann weiter erzählen:

Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wan­deln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun.  Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer.

In diesen  – und anderen biblischen Worten – gründet unser derzeit verblassender oder sich wan­delnder Glaube an die Erzählung einer gesegneten, guten und gerechten Zukunft für uns Menschen und für die uns zur Bewahrung anvertrauten Schöpfung in Christus Jesus. In seinen Geschichten nimmt Gott Wohnung in uns. Außer, wir kündigen ihm das Wohnrecht.

  1. Geschichten machen uns persönlich

Unsere Geschichten, die wir glauben und die wir erzählen, bestimmen und charakterisieren uns . Unsere Biologie – so sagte jemand – macht uns menschlich , unsere Geschichten machen uns zu Personen, machen uns persönlich. Das, was wir sind und sein wollen, ist untrennbar mit unseren Geschichten verbunden.

Erzählungen geben unserer Vergangenheit einen Sinn, erklären unsere Gegenwart und Erzählungen – das ist die Pointe –  machen uns unsere Zukunft denkbar und überhaupt erst möglich.

Welche Geschichten sind in mir mächtig? Könnte man doch mal prüfen….

  1. Die gute Mär oder wer lügt hier?

Alle Populisten und viele derer, die Macht haben, nutzen unsere Sehnsucht aus  nach einer neuen Erzählung, nach einem neuen Narrativ, nach einer ehrlichen, vertrauenswürdigen Erzählung. All diese Despoten wissen es sehr genau: Geschichten schaffen Gemeinschaft. Ich will niemandem dieser Herren die Ehre erweisen, in einer Predigt zitiert zu werden. Ich frage nur: Wer will zur Er­zählgemeinschaft eines Lügners gehören? Geschichten haben im Munde des Betrügers eine düstere Kraft.

Gute Geschichten hingegen ermöglichen den Menschen das Ausprobieren einer anderen Welt als der ihrigen. Sie eröffnen das Reich der Möglichkeit und damit die Zukunft.  Darum brauchen wir Geschichten, gute Geschichten:

Wir brauchen keine Geschichten, die Geld, Macht und Gewalt verklären. Unsere Welt braucht die gute Erzählung von Frieden, Gerechtigkeit  und Versöhnung.

Wir brauchen keine Erzählung vom drohenden Weltuntergang. Je mehr wir mit Untergangsszena­rien bombardiert werden, desto mehr entsteht das Titanic-Feeling: Wir tanzen bis bis zum Ende. Unsere Welt braucht hingegen die ermutigende Erzählung davon, was Menschen füreinander und für die Schöpfung tun können.

Wir brauchen keine Erzählung von großen Völkern und Nationen. Unsere Welt braucht die mutige Erzählung vom weltweiten Bund des Friedens.

Wir brauchen keine Erzählung von ständig wachsender Wirtschaft. Derartige Fruchtbarkeitskulte dienen nur deren Priesterschaft, die ihrerseits ständig Todesopfer fordert.

Wir brauchen ermutigende Erzählungen von Genügsamkeit und von Teilhabe und Anteilnahme.

In Jesus Christus ist die Wahrheit erscheinen in unserer Welt. Davon können wir als Christen er­zählen. Gute Mär statt Lügen.

Nicht deswegen, um Kirche wieder mächtig zu machen .Nein, um Glauben zu stärken. Eine im weltlichen Sinne „mächtige Kirche“ hat noch nie etwas Gutes bewirkt. Da hat Lyotard recht. Wir brauchen keinen neuen Klerikalismus, keine mächtige, wohl aber eine ermächtigende Kirche. Dass Glaube mächtig wird, das allein ist Aufgabe der Kirche, dass wir als Christen/innen unsere Welt gestalten.

Im Volk Gottes – in der weltweiten Erzählgemeinschaft – darin liegt Hoffnung. Die gute Mär ist, was wir brauchen. Oder wer lügt hier?

Man bedenke: Ob eine Geschichte „wahr“ ist oder nicht könnte weniger wichtig sein, als die Frage, ob sie es sein könnte oder sollte.

  1. Frohe Weihnachten

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder in Christus, ihr seid heute hier gewesen und habt die Weihnachtsgeschichte gehört. Das muss vorerst genügen. Und wenn das in eurem Herzen lebendig bleibt und ihr nicht vergesst, in welcher Erzählgemeinschaft ihr getauft seid, dann reicht das hinaus in die Zukunft. Gesegnet seid ihr in Gott. Frohe Weihnachten.

Amen

Literatur, die mir sehr geholfen hat: Eric Selbin, Gerücht und Revolution. Von der Macht des Weitererzählens. Darmstadt 2010

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen