Und Weihnachten wird doch unterm Baum entschieden!

1. Werbung
Liebe Gemeinde,
„Weihnachten wird unterm Baum entschieden.“ So kennen wir es seit Wochen aus der Werbung. Und ordentlich aufgeregt hat sich darüber so mancher Pfarrer und Dekan. Mich eingeschlossen. Aber man kann sich ja auch einmal irren: Weihnachten, liebe Gemeinde, das wird sehr wohl auch unterm Baum entschieden.
Es ist, um das zu verstehen, ein wenig Abstand vom sogenannten vorweihnachtlichen Rummel nötig. Und es ist Abstand nötig von der Vorstellung, dass das, was da an Gegenständen unter dem Baum liegt, Weihnachten ausmacht.
Dann bekommt dieser Satz nämlich auf einmal eine anderen, tiefere Dimension. Vielleicht ist der Satz des großen Medienkonzerns sogar und eigentlich nur heute Abend wirklich verständlich. Weit über das hinausweisend, was sich Werbestrategen dabei gedacht haben!
Dass Ihr heute Abend von Baum zu Baum gegangen seid, ist schon einmal ein Hinweis. Die behaglichen Räume des weihnachtlich geschmückten Wohnzimmers habt ihr verlassen, um euch im festlich geschmückten Bonhoefferhaus die ewige Wahrheit von Weihnachten erneut sagen zu lassen.

2. Gefühle
Ihr seid aufgebrochen mit unterschiedlichsten Gefühlen im Herzen.
Für die Kleinsten ist die Anspannung und Aufregung besonders groß, alles wartet doch nur darauf, endlich nach Hause zu können und Geschenke auszupacken.
Für die Älteren spielen andere Anspannungen noch eine Rolle: ist alles gut vorbereitet? Ist das Essen für die Familie und Verwandten gut genug? Haben wir die Vegetarier und Schnückschen gut genug bedacht? Wird es heute Abend wieder Streit geben? Und die weniger geliebte Verwandtschaft, die trotzdem da ist, weil man sie sich ja nun mal nicht aussuchen kann, wie bringen wir mit denen die Feiertage rum?
Für die ganz Alten ist es vielleicht weniger Anspannung als vielmehr ein Fragen: Was ist dazwischen gewesen, zwischen dem Weihnachten meiner Kindheit und dem Weihnachten heute Nacht? Wo sind all die Weihnachten hin? Welche Erinnerungen werden mich heute Abend heimsuchen? Frohe, traurige? Wie viele werde ich noch erleben?

3. Ethik
Anspannung und verschiedene Gefühlslagen auf unterschiedlichste Art und Weise bei den unterschiedlichen Menschen der Bonhoeffergemeinde.
Und doch ist für alle eines klar:
Heute Abend, da wird Weihnachten unterm Baum entschieden.
Und zwar im zwischenmenschlichen Geschehen unterm und am Weihnachtsbaum. Darin, wie wir gleich miteinander umgehen. Ob wir das Fest der Liebe zu einem Fest der zwanghaften Freundlichkeit verkommen lassen? Ob wir aufgeben, und gleich den Fernseher anmachen? Oder ob wir uns mächtig anstrengen – um dann festzustellen, dass Perfektion unterm Weihnachtsbaum von uns niemals erreicht werden kann?!
Das ist übrigens eine alte Weisheit, dass unser eigenes Tun zum Weihnachtsfest eigentlich erst einmal ganz zweitrangig ist. Was haben denn Maria und Joseph an der Krippe groß getan, am ersten Weihnachtsfest der Welt? Mit bescheidensten Mitteln haben sie es eingerichtet, dass Maria die Geburt übersteht. Aber: Auf einmal haben da Engelschöre gesungen, fremde Menschen kamen zum Beglückwünschen, zum Beschenken. Abgesehen von den Strapazen einer Geburt war da nichts mit Stimmung und Lichterglanz. Nichts, was das Paar selbst getan hätte.
Es ist vielmehr das „annehmen-können“, das „sich-beschenken-lassen“, das „man-selbst-sein-dürfen“ und damit verbunden auch das „andere-so-sein-lassen-wie-sie-sind“, was uns aus dieser Geschichte leuchtet.
Würden heute Abend solche Gestalten wie die Hirten vom Feld hier reinspazieren, wir würden wohl verächtlich die Nase rümpfen und sie nicht für voll nehmen. Das Anliegen, dass sie das göttliche Kind sehen wollen, sich anstecken lassen wollen vom Evangelium, weil ihnen das der Engel auf dem Feld gesagt hat, würden wir wohl kaum abnehmen.
Vielleicht ist das auch der Grund, dass wir die Stimmen der Engel nicht vernehmen. Wir nehmen uns selbst und unsere Anstrengung, nicht nur an Weihnachten, einfach zu ernst. Und vergessen allzu oft, dass das den anderen ganz genauso geht. Messen oftmals anderen nicht die Wichtigkeit bei, die wir für uns selbst beanspruchen.

4. Dogmatik
Dabei haben wir mit der Weihnachtsgeschichte ein Muster dessen, wie sich Weihnachten unterm Baum entscheiden kann!
Viele Jahre vor dem allerersten Weihnachten in Bethlehem gab es immer wieder Prophezeiungen, die Hinweise gaben, dass Gott es selbst ist, der unsere Welt verändern wird. Im Alten Testament stehen diese Visionen, von denen wir eine vorhin schon gehört haben.

4.1. Lichtmetaphorik
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht; und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“
Liebe Gemeinde, wenn man an die Anspannung im Herzen denkt und daran, was heute Abend alles daheim auch schief laufen könnte, dann könnte man meinen, dass wir dieses Volk sind, das im Dunkeln tappt. Als würde die Prophezeiung noch nicht erfüllt sein. Als bräuchten wir ganz dringend noch viel mehr Festbeleuchtung, die uns unsere Sorgen und Nöte wegleuchtet. Aber diese Prophezeiung ist schon erfüllt. Lange schon.
Denn dieses Licht ist längst da. Der helle Schein, den der Prophet nur schemenhaft erblickt hat, ist doch längst Wirklichkeit geworden. Es ist derjenige, den wir heute in der Krippe liegend feiern und der später sein Leben für uns am Kreuz lassen wird.

4.2. Zwei-Reiche-Lehre
Bei Jesaja werden ihm vier Namen gegeben, wie er seine Herrschaft ausüben wird, dass unsere Welt eine wird, die gewaltfrei, gerecht und friedlich ist.
Er nennt ihn: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Fried-Fürst“.
Ganz klar, die ersten der drei Titel sind Titel, die für Gott reserviert sind. Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater. Sie beziehen sich auf Gottes Herrschaft. Allein der letzte Titel, Friedefürst, kann vielleicht auch auf gewöhnlich irdische Verhältnisse, auch auf unsere Politikerinnen und Politiker, bezogen werden.
Aber eines ist ganz klar: Der Prophet stellt sich die gerechte und gute Herrschaft Gottes als eine vor, die zunächst einmal außerhalb unseres Handlungsbereiches liegt. Der neue Herrscher bringt Attribute, Eigenschaften, mit, die einfach kein Mensch hat. Wir nicht, kein König. Nicht einmal unser Bundespräsident!
Es sind zwei Reiche, die übereinandergelegt werden: Das himmlische, göttliche Reich, und unsere Erde. Übereinandergelegt bedeutet, dass diese himmlischen Eigenschaften zwar göttlich bleiben, aber doch merklichen Einfluss auf das Geschehen hier auf Erden haben. Wie das gehen soll, das konnte sich der Prophet nur in den Vorstellungen der damaligen Königsideologie vorstellen. Gewaltig. Mächtig. Mit viel Prunk.
Dass das dann etwas anders wurde, mit Armut und Krippe und Kreuz, das konnte er nicht wissen. Spätere Propheten hatten immerhin eine Ahnung. Und es fällt ja auch uns Nachgeborenen schwer, das alles zu verstehen und zu glauben, obwohl es nicht noch aussteht, sondern bereits geschehen ist!
Aber das mit den zwei Reichen: Das hat sich erfüllt und wurde verbunden in dem Kind in der Krippe. In dem König am Kreuz. In dem Herrscher über den Tod.
Der ist es nämlich, der auf eine sehr ruhige und geheimnisvolle Art und Weise ein Friedensreich aufgebaut hat. Nicht eines, das auf Urkunde und Besitz, EZB und Bruttoinlandsprodukt aufbaut. Nicht auf Soldatenstiefel und Waffen, Nato und Unomandate setzt dieses Kind. Alle Institutionen, die uns so wichtig sind, sind diesem Kind nicht gut genug. Es muss schon ein bisschen mehr sein!
Seine Macht zieht dieses Kind aus dem Glauben. Der Glaube der Menschen an Gott. Der das ganze Sein bestimmt und der in den Herzen der Menschen aufleuchtet. Und der dann auch in jeder dieser Institutionen vorhanden ist, wenn Menschen da sind, die an sein Wort glauben.
Eine Macht ist das, die die Menschen weihnachtlich gestimmt werden lässt. Nicht nur heute Abend. Sondern jeden Tag. So, dass sie sich freundlich begegnen. In Offenheit und zugleich mit gestärktem Rücken.

4.3 Liebe
Um ein überstrapazierte Wort zu bemühen: Es ist die Macht, die bewirkt, dass Menschen sich in Liebe begegnen. Das ist das Geheimnis der Macht von Jesus Christus. Und das ist der eigentliche Grund, weswegen wir alle heute Abend hier beisammen sind. Um uns wieder die Bestätigung zu holen: Die Herrschaft der Liebe wird kein Ende haben im Glauben an dieses Kind in der Krippe. Und im Glauben an die Herrschaft an dieses Kind sind Wunder möglich. Wunder heute Abend unterm Weihnachtsbaum. Das Wunder der Versöhnung mit einem Verwandten oder Freund. Das Wunder eines gelingenden Miteinanders. Das Wunder der Weihnacht, wie sie eigentlich nur Kinder erleben können:
Mit Aufregung und Anspannung im Herzen – positiv hin zum Geheimnis der Welt:
Nämlich das Fest zu feiern, bei dem die wichtigste Botschaft deines Lebens ihren Anfang nahm.
Das Fest der Geburt unseres Erlösers Jesus Christus.
Der ist es, der mit dir heute Abend Weihnachten unterm Baum entscheidet.
Amen.

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