und die Nacht war voll Gesang

Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird. Amen.

Ich möchte euch eine Geschichte erzählen:

Wir waren zu fünft in jener Nacht: Joshua, der Zelot, Simon, unser Jüngster, Noah, der Sänger, Shemuel, der Alte und ich, Jochanan. Alle, außer mir, waren auf unglückliche Weise zu Hirten geworden, keiner, außer mir hatte sich diesen Beruf ausgesucht. Joshua, der Zelot, hatte eigentlich Zimmermann gelernt. Er musste sich nun aber versteckern, weil er einen Anschlag auf den Palast des Herodes angeführt hatte. Die Nächte mit Joshua waren voll leidenschaftlicher politischer Reden gegen die römische Besatzungsmacht und Reden vom Retter, den Gott verheißen hatte und der nun bestimmt in allernächster Zeit kommen müsse. Ich hörte ihm gerne zu, verstand aber nur die Hälfte. Politik interessierte mich nicht.

Simon, unser Jüngster, war aus der Schule geflogen, weil er einem Rabbi übel mitgespielt hatte. Zur Strafe schickte sein zorniger Vater den dreizehnjährigen auf die Felder zu den Schafen. Geschieht ihm ganz recht, hatte ich zuerst gedacht, dem verwöhnten Sohn reicher Eltern. Aber er war ein guter Junge, nachdenklich und sensibel. Und wenn er mir von seinen Träumen einer neuen Zeit erzählte, klang seine Stimme erwachsen, warm und traurig.

Noah, der Sänger, machte aus allem Musik, was ihm in die Hände kam. Aus Weidenzweigen machten er Flöten, aus Schafsgedärmen schuf er Gamben und aus den dünnen Stellen ihrer Haut entstanden Schallmembranen, die er auf einen Kamm aufzog. Er wäre mit seiner Musik eines Königs würdig gewesen und sein Talent war viel zu schade für uns und die Schafe. Aber wir freuten uns, ihn bei uns zu haben.

Schemuel war bestimmt schon sechzig, siebzig Jahre alt. Eigentlich dürfte er gar nicht mehr auf die Felder gehen. Die Arbeit war viel zu schwer für ihn, die kalten Nächte setzten seinen gichtigen Knochen schwer zu. Schemuel hatte keine Kinder, die für ihn sorgten. Er sprach nie darüber, warum das so war. Es war eben einfach so.

Naja, und dann war da halt noch ich, Jochanan, der ich nie etwas gelernt hatte und eigentlich auch nichts lernen wollte. Ich war halt einfach da, und die anderen lachten manchmal ein bisschen über mich, ohne jemals böse oder garstig zu werden.

Wir fünf kauerten zusammen in jener Nacht, so nah wie möglich hockten wir uns an das kärgliche Feuer. Es war sternenklar und bitterkalt. Selbst die Hunde hielten sich in unserer Nähe auf, als ob auch sie frören. In dieser Nacht redeten wir nicht viel, jeder hing so seinen Gedanken nach. Noah begann manchmal eine kleine Melodie – aber es war, als erstürbe sie jedes Mal nach wenigen Tönen an der Kälte. Aber so ist nun mal der Winter der Israel. Außer Simon, der sich zitternd an mich lehnte, hatten sich schon alle daran gewöhnt.

Doch plötzlich wurde es taghell. Es war wie ein Blitz aus heiterem Himmel, der aber nicht wieder ausging. Die Schafe wurden panisch, blökten und rannten kopflos umher. Die Hunde bellten, als stünde direkt vor ihnen unsichtbar ein ganzes Rudel Wölfe.

Simon, unser Jüngster, klammerte sich an mich und schrie nur noch, während ich wie versteinert dastand mit weit offenem Mund. Joshua hatte sein Messer gezogen und stand im Erwartung eines Kampfes im gleißenden Licht – ich dachte an David und Goliath, als ich ihn so sah. Noah raffte seine Instrumente zusammen, als ob er erwartete, dass gleich die Welt untergingen, als ob seine Musik mit in den Tod nehmen wollte. Der alte Schemuel stand ungläubig, hielt sich offenbar für verrückt, kniff sich in Arme und Beine und rieb sich die Augen.

Das Chaos hielt an, bis eine Stimme vom Himmel herab ertönte: „Fürchtet euch nicht!“, so hörten wir. Es war nicht die Stimme eines Mannes oder einer Frau, nur mild und schön klang sie, so etwas hatten wir noch nie gehört. Noah ließ verzaubert seine Instrumente fallen. Uns alle verließ der Schrecken, sogar die Hunde wurden still im selben Moment.

Und die Schafe? Ich gebe es ehrlich zu: Sie interessierten mich in diesem Augenblick überhaupt nicht.

„Fürchtet euch nicht!“, sagte die Stimme noch einmal. „Denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“

Eh wir´s uns versahen wurde die Stimme groß und größer, mehrstimmig zuletzt erklang ein mächtiger Chor: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Da erlosch das Licht. Allein ein leuchtend heller Stern blieb am Himmel. Aber unsere Herzen brannten lichterloh. Wir liefen einfach los, stolperten über einander, über Schafe und unsere eigenen Füße, selbst Schemuel rannte, was er konnte, vergaß seinen Krückstock und lief, als ginge es um sein Leben. Nicht einmal Joshua fing eine Diskussion an, wo und wie wir nun das Kind finden sollten. Simon hielt mich an der Hand, als wäre er noch ein ganz kleiner Junge. Selbst Noah ließ seine Instrumente liegen wo sie waren. Lediglich in seiner Rechten hielt er noch eine kleine Flöte, die er vergessen hatte fallen zu lassen.

Wir waren ein wilder Haufen, unterwegs nach nirgendwo, und wer uns sah, mag gedacht haben: Die sind durchgedreht, verrückt geworden. Aber wir waren klaren Verstandes.

Ich weiß nicht, wie wir die Hütte gefunden haben. Ich weiß auch nicht, wie lange wir gelaufen sind. Ich kann mich nur noch an den Moment erinnern, als wir vor der schief hängenden Tür des Verschlages standen. Auf einmal standen alle still.

„Jochanan, mach du auf!“ befahl Joshua, der Zelot, der tapfere Kämpfer. Und alle sahen mich an. Also ging ich hinein. Ich sah sie zuerst, diese unglaublich junge Frau, viel eher ein Mädchen noch, bleich und erschöpft und doch voll innerer Ruhe an der Futterkrippe kniend, in der das Kind liegen musste, wie uns der Engel gesagt hatte. Neben ihr saß ein älterer Mann, er ähnelte ein bisschen unserem Schemuel. Er wirkte durcheinander, aufgewühlt, fast nervös. Beide blickten auf, als sie mich in der Tür bemerkten und luden mich mit freundlichen Blicken ein. Joshua hinter mir begann auch schon zu schieben und zu drängeln – auf einmal wollten alle gleichzeitig durch die kleine Tür.

Wir dachten nicht nach, immer noch nicht, fielen nur nieder, als ob das hier das Heiligtum des Tempels wäre und wagten nicht, unsere Augen aufzuheben. Noch einmal lud die Frau uns freundlich ein, das Kind doch anzusehen, doch niemand traute sich. Nervös legte Noah, immer noch mit gesenktem Blick, die Flöte vor die Krippe, fast als schäme er sich des schäbigen, selbstgemachten Instrumentes. Dann verschwand er.

Simon, unser Jüngster, legte sein Schaffell ab und reichte es der Frau mit ausgestrecktem Arm. Das Kind anzusehen, traute er sich nicht. Dann verließ auch er den Verschlag.

Joschua schwieg und sein Gesicht strahlte Vertrauen und Zufriedenheit aus. Er dankte der Frau und dem Mann stotternd für die Gastfreundschaft, bevor er aus der ärmlichen Hütte ging.

Shemuel betete murmelnd: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat besucht und erlöst sein Volk….“ dann ging auch er, grüßte den Mann freundlich und zeigte der Frau seine Ehrerbietung.

Ich wollte mich ihm anschließen, doch meine Füße taten nicht meinen Willen. Sie hoben mich auf und trugen mich an die Krippe. Ich hatte Angst, aber ich musste doch gehen. Wer Gott sieht, muss sterben! – So hatte ich es gelernt.

Und dann sah ich ihn. Oder es? Das Kind! Das Baby! Unseren Heiland! Den Retter der Welt. Der Gottesknecht…

Meine Gedanken überschlugen sich, stolperten wie auf dem Weg nach Bethlehem meine Füße. Ich stand starr mit offenem Mund. Die Frau lächelte mich an. Der Mann nickte mir verständnisvoll zu. Ich vergaß das Niederknien, ich vergaß, mich zu verabschieden und sogar dem Kind etwas zu schenken. Mein Mund lachte nur irrsinnig, ich fühlte mein Herz vor Freude rasen – und dann ging auch ich.

Wir trafen uns draußen vor der Hütte wieder. Keiner sagte ein Wort. Auf einmal fielen mir die Schafe wieder ein. Joshua stützte Shemuel beim Gehen. Ich legte meinen Arm um Simon, um ihn zu wärmen. Und so gingen wir heim in die kalte Nacht, zurück zur Herde.

Und plötzlich fing Noah neben mir an zu summen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Und einer nach dem anderen fiel ein in seinen Gesang.

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