Umsonst ist nur ein Leben, das niemandem fehlt! (Hiob 3,20-25 + 19,26-27)

Hiob 3,20-25 + 19,26-27
[3,20] Warum gibt Gott das Licht dem Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen [21] – die auf den Tod warten, und er kommt nicht, und nach ihm suchen mehr als nach Schätzen, [22] die sich sehr freuten und fröhlich wären, wenn sie ein Grab bekämen -, [23] dem Mann, dessen Weg verborgen ist, dem Gott den Pfad ringsum verzäunt hat? [24] Denn wenn ich essen soll, muss ich seufzen, und mein Schreien fährt heraus wie Wasser. [25] Denn was ich gefürchtet habe, ist über mich gekommen, und wovor mir graute, hat mich getroffen. [ … ] [19,26] Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. [27] Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

[Drogentod einer 20jährigen Frau]

Liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde,

auf den ersten Blick scheinen diese verzweifelten Worte des Hiob gar nicht zu N.N. zu passen. Auf den ersten Blick ist ihr Leben gar nicht viel anders, als das vieler verlaufen. Wer sie flüchtig kannte, hat sie als freundlich und höflich in Erinnerung. Sie hatte Freude am Leben, hatte Freunde, die sie mochten. Sie hatte Hobbies, ihre Pferde und andere Tiere. Letztes Jahr hat sie Abitur gemacht und eine Ausbildung begonnen.

Gerade das macht unsere Fassungslosigkeit aus, wenn wir heute an ihrem Sarg stehen. N.N. wäre in einigen Tagen 21 Jahre alt geworden. Diese Fassungslosigkeit kann nicht aufgehoben werden. Nicht durch Erklärungen und schon gar nicht durch das, was in der Presse darüber geschrieben wurde und leider vielleicht auch in dieser Stunde die Schaulust derer weckt, die meinen alles zu wissen und doch gar nichts wissen. Davor haben wir n.n. in Schutz zu nehmen. Ihr Leben und ihr Tod haben ihre eigene Würde. Dafür tritt Gott selbst ein, wie unser Bibeltext sagt. Er ist und bleibt der Anwalt derer, die zu Staub zerfallen, deren Mund sich für immer geschlossen hat, die sich nicht mehr wehren können. Gott allein weiß, wie es in N.Ns Herz ausgesehen hat.

Sie, liebe Angehörige und Freunde von N.N., haben gespürt, dass es sehr wohl in N.N immer wieder Gedanken und Gefühle gegeben hat, die zu den Worten des Hiob passen. In dem großen Maße, wie N.N. am Leben anderer Menschen und Geschöpfe teilnehmen konnte, musste sie auch an deren Leiden selbst leiden. Ein überfahrenes Tier am Straßenrand konnte ihr den ganzen Tag verderben. Dieses Leiden am Leiden anderer, hat immer wieder einen großen Schatten auf ihr Leben und ihr eigenes Glück geworfen. Mit diesem Schatten ist N.N. nicht fertig geworden. Er markiert ihren Weg in die Krankheit. Ich hatte keinen Frieden, keine Rast, keine Ruhe, da kam schon wieder ein Unglück, sagt Hiob.

Keiner darf N.N. nachsagen, dass sie sich dem einfach ergeben hätten. Immer wieder hat sie Rat, Hilfe und Auswege gesucht. Es ist um so trauriger, dass ihr Tod in eine Zeit fällt, in der sie einen neuen Anfang wagte und begann, wieder Freude am Leben und Mut zu fassen. An ihrem Grab haben wir selbst deshalb ihre letzen Wege betroffen zu bedenken. Wir haben zu bedenken, wie wir diese letzten Wege von N.N. begleitet haben. Haben wir sie ernst genommen, oder sind wir leichtsinnig und leichtfertig mit ihren Problemen umgegangen? Haben wir mit ihr gehofft, oder hatten wir sie längst aufgegeben und ihn eine Schublade gesteckt? Ihren Weg haben nicht zuletzt die betroffen zu bedenken, die mit ihrer Krankheit bis zuletzt ihre Geschäfte gemacht haben!

Der Tod von N.N. stellt erste Fragen an uns und unsere Verhältnisse. Und hoffentlich gehen sie uns wenigstens an ihrem Grab einmal nicht zu einem Ohr rein und zum anderen wieder raus, sondern mitten ins Herz. Dann wäre der Tod von N.N. nicht umsonst gewesen.

Umsonst, das ist das Wort, das sich am Sarg von N.N. lähmend auf uns legt. Und es wäre zu wenig, wenn wir gegen dieses Wort anführen könnten, dass ihr Tod den ein oder anderen zum Umdenken und zur Umkehr bewegt hat. Ihr Tod stellt ihr Leben viel grundsätzlicher in Frage, und mit ihm alles, was Sie, liebe Angehörigen und Freunde, mit N.N. Erfreuliches und Leidvolles erlebt haben: All die Hoffnungen und Ängste, all das Lachen und Weinen, all die Bemühungen und Anstrengungen – umsonst?

Umsonst, hat einmal ein junger Mann in ihrem Alter gesagt, umsonst wäre mein Leben gewesen, wenn ich niemandem fehlen würde, wenn ich nicht mehr da bin. N.N. wird uns fehlen, ihren Eltern, ihren Tieren, ihren Freunden, die heute so zahlreich versammelt sind.

Umsonst, würde der leidgeprüfte Hiob sagen, umsonst ist nur ein Leben, dass Gott fallen lässt. Es ist gut, dass die Bibel seine Geschichte und die anderer nicht verschweigt. Geschichten von Menschen, die Not und Leid der Welt in Verzweiflung und Verbitterung gestürzt hat, über die Welt, in der sie lebten, über sich selbst und sogar über Gott. Und doch sind dies Geschichten die zeigen, dass Gott gerade solche Menschen nicht fallen lässt, sondern sich gerade solchen leidenden und verzweifelten Menschen in besonderer Weise zuwendet.

Wer deshalb heute diesem Gott die Schuld am Schicksal von N.N. zuweist und ihm den Rücken kehrt, setzt sich dem Verdacht aus, sich selbst und andere auf billige Weise zu entschuldigen. Das dürfen und das wollen wir nicht tun.

Wir wollen heute am Sarg von N.N., wo sie selbst und wir alle nichts mehr gut oder besser machen können, unsere Zuflucht zu diesem Gott nehmen. Allein in seiner Macht steht es nun, gut und heil zu machen. Darauf wollen wir für N.N. und für uns wie der leidgeprüfte Hiob vertrauen, der sagt: Ich weiß trotzdem, dass mein Erlöser lebt.

Für uns Christen hat dieser Erlöser einen Namen: Jesus der Christus. Ein Mensch, in dem sich Gott selbst in die Mühlen einer kalten und grausamen Welt fallen lässt. Ein Mensch, dessen ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung den Verlorenen galt, denen, die von einer selbstgerechten Welt ins Abseits geredet und geschoben werden. Heute wirst du mit mir im Paradiese sein, sagt er zu dem, der am Kreuz neben ihm hängt und stirbt, um aus allem Leid, das Menschen über sich selbst und über andere bringen, etwas Gutes zu machen und neues Leben zu schaffen. Der sollte ausgerechnet N.N. vergessen? Das kann nicht sein!

Darauf wollen wir unsere Hoffnung setzten, wenn wir jetzt von N.N. Abschied nehmen. Wir bitten Gott, dass er auch uns wieder heil macht, und uns nach und nach all die unbewältigten Bilder und Gedanken abnimmt, die sich mit dem Leben und mit dem Sterben von N.N. verbinden. Und dass er uns unsere Schuld vergibt, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

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