Um Trost war mir sehr bange … (Jes 38,17)

Jes 38,17
[17] Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.

[Tod eines jungen Menschen nach langer Krankheit]

Liebe Frau K, liebe Angehörigen, werte Trauergemeinde!

Die Frage kam ungerufen, sie war auf einmal da und zwar ohne deduktives Bemühen: Wie viel Leid, wie viel Kummer und Sorge kann ein einzelner Mensch eigentlich ertragen? Diese Frage war auf einmal da bei mir, als ich vom Trauergespräch nach Hause unterwegs war. Und dieser Frage bin ich bis heute nachgegangen und werde sicherlich noch oft Gelegenheit haben, dieser Frage nachzugehen, denn sie begegnet mir variantenreich und in vielen unterschiedlichen Facetten immer wieder. Und das nicht nur von Berufswegen, sondern weil es Leid genug in meiner Umgebung gibt. Bisweilen bin nicht an dem Punkt angelangt, dass ich sagen könnte: Hier ist die Antwort: ich habe sie gefunden. Das geht ja auch gar nicht, denn ich habe das Maß des Leides oder des Leidens nicht in meiner Gewalt, ich habe es nicht in der Hand, darüber zu befinden. Und das hat ja auch keiner von uns. Und doch bleibt diese Frage und gerade auch mit ihr kann es uns so ergehen, dass wir nach Zeiten des Mühens feststellen, es gibt keine Antwort, zumindest nicht aus uns heraus, sondern wenn dann doch nur von außen.

N.N. ist tot, an dieser Einsicht kommen wir nicht vorbei und dieser Einsicht wird auch die beste Predigt nichts an ihrer Schwere und Tiefe nehmen können, wenn Gott es nicht will. Gott aber kann es geben, dass uns durch die Kraft des Heiligen Geistes manch ein Geheimnis aufgeschlossen wird. Es ist doch so, wir stehen oft an Punkten in unserem Leben und in unserer Existenz, an denen wir sagen: Warum ist das so? Und ich weiß es nicht, aber vielleicht ist das ja auch Ihre Frage heute und hier in dieser Friedhofskapelle. Eindeutig beantworten kann man diese Frage nicht, aber vielleicht kann es Ihnen und auch mir eine Hilfe sein zu uns selbst und zu unserem Inneren, wenn wir die Frage ummünzen und in diese Richtung denken: Wozu ist das eigentlich gut, dass wir dieses und jenes erleben? Wenn wir so fragen und denken, dann steckt ja doch so etwas wie eine Spur oder eine Richtung darin, und in dieser Spur oder Richtung kommen wir ja auch ganz gut vor mit unseren Empfindungen.

Liebe Familie N., werte Trauergemeinde, es ist ja noch gar nicht so lange her, da waren wir hier versammelt, um von N.N. Abschied zu nehmen, des Vaters unseres Verstorbenen. Das hat Ihnen allen schon sehr viel abverlangt und nun müssen Sie Ihren Sohn, Bruder, Enkelsohn und Ihren Angehörigen loslassen. Und das ist nun besonders schmerzhaft, wenn diese Bürde so deutlich wird, wie an diesem Tage. N.N. hat zu Ihnen gehören, Sie haben ihn geliebt, so wie er war und Sie werden ihn noch oft sehr oft vermissen, denn wie sagten seine Großeltern am Samstag zu mir: N.N. war so etwas wie ein Bindeglied zwischen oben und unten in unserem Haus! Das sagt schon sehr viel aus und wenn wir hier den Sarg sehen, dann wissen wir, dass menschliches Leben endlich ist. Dieses Bindeglied gibt es nun seit dem 15. Juni nicht mehr.

N.N. wurde am XX geboren, knapp zwei Monate später erhielt er das Sakrament der Heiligen Taufe und hatte Gott fortan als Verbündeten auf seiner Seite. Das ist, so meine ich, tröstlich zu wissen! 1994 wurde er in Altencelle konfirmiert. Als N.N. auf diese Welt gekommen war, hatten die Ärzte für ihn eine Lebensdauer von 10 Jahren prognostiziert, aber sein Leben sollte mehr als doppelt so lange dauern. Dieser Umstand zeigt mir nun, dass Menschen nur unzulänglich über Lebenslängen befinden können und es zeigt mir, dass es Gottes Sache alleine ist, dies zu tun. Keiner von uns weiß, wie lange sein Leben dauern wird und dritte können es allenthalben eben doch auch nur schätzen. N.N. war für Sie alle ein wichtiger Mensch und ein wichtiger Weggefährte. Die meiste Zeit verbrachte er bei Ihnen, liebe N., weil er ja auch jemanden brauchte, der sich um ihn kümmerte. Wie gut, dass Sie das, so gut Sie es selber vermochten, getan haben. Sie und alle die anderen in Ihrer Familie. Es ist vier Jahre her, da haben Sie für N.N. ein Gedicht ausgesucht, dass u.a. Gegenstand dieser Predigt sein soll:

Wenn durch einen Menschen
ein wenig mehr Liebe und Güte,
ein wenig mehr Licht und Wahrheit
in der Welt war, hat sein Leben
einen Sinn gehabt.

Diese Zeilen geben nun in aller Kürze darüber Auskunft, wie Sie N.N. gesehen haben und was er für Sie bedeutet hat. Sicherlich kann man das so ausdrücken, wie es Alfred Delp mit diesen Worten getan hat. N.N. war jemand, der durch sein Wesen Liebe und Güte in Ihr Leben gebracht hat. Und sicherlich haben Sie ihm auch viel Liebe und Güte zukommen lassen. Und sein Leben hat einen Sinn gehabt, weil er Ihnen ganz viel geschenkt hat. Wie wertvoll diese persönliche und gefühlsmäßige Bindung in Wahrheit war, werden Sie sicherlich selber am besten wissen. Und in der Zukunft werden Sie es noch oft spüren, dass N.N. nicht mehr da ist, dass da jemand in Ihrem Haus fehlt, der doch so viel Raum in Ihrem täglichen Leben eingenommen hat. Kinder verändern das Leben und verändern auch die eigene Einstellung zum Leben und zu jedem einzelnen Tag, den man mit ihnen teilt. Und wenn Sie einmal zurückschauen, dann werden Sie alle um die Richtigkeit der vorhin gelesenen Zeilen wissen. Das Leben von N.N. hatte sein Sinn nicht nur darin, dass er Ihnen so viel bedeutet hat, sondern sein Leben hatte seinen Sinn darin, dass an ihm und durch ihn Gottes Güte und seine Liebe zu seinen Menschen deutlich wurde. Auch N.N. war und ist ein Geschöpf Gottes und an ihm wird deutlich, wie wenig selbstverständlich viele Dinge in unserem Leben sind. An ihm kann uns deutlich werden, dass jeder Mensch ein Unikat, eine unverwechselbare Schöpfung Gottes ist. Ja, dieser Abschied ist gleichzeitig ein Einschnitt, denn es wird sich vieles bei Ihnen zu Hause ändern. Sie werden sich neu orientieren müssen, aber Sie sind dabei nicht alleine, denn in Ihrer unmittelbaren Nähe sind liebenswerte Menschen, die Sie auch weiterhin unterstützen und begleiten. Nehmen Sie diese Hilfe in Anspruch. Es wird nicht leicht für Sie alle, aber es wurde immer wieder die Erfahrung gemacht, dass durch gegenseitige Hilfe vieles leichter werden kann.

N.N., ich sagte es eingangs, wurde am 17. April 1994 konfirmiert und er erhielt den Spruch aus Jesaja 38,17: Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe. In diesem Spruch ist nun beides enthalten: Zum einen sagt es etwas über die menschliche Situation aus, nämlich, dass einem um Trost bange sein kann. Das wäre ihre Erfahrung, die Sie in diesen Tagen machen. Dass Sie durch diesen Abschied des Trostes bedürftig werden. In solchen Situationen erreicht einen längst nicht jedes Wort und nicht jeder Zuspruch und manches Mal kann es sogar so sein, dass einem auch alles, was andere einem sagen, zu viel wird. Und da finde ich, kann unser Wort zu Rate genommen werden: Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe. Hier ist von dem Trost die Rede, den Menschen nicht geben können.

Unser Trost hat oft nicht die Tragweite, wie wir sie brauchen. Das weiß ich selber aus eigener Erfahrung. Aber Gottes Wort, seine Zusage, dass er für uns sorgen wird, hat diese Tiefe und Tragweite, wie wir sie in solchen Situationen für uns herbeisehnen. Wir sehen ja auch nur das, was vor Augen ist, unser Innerstes bleibt anderen Menschen weitgehendst verborgen. Gott aber kann in unsere innerliche Bedürftigkeit schauen. Und wenn wir diesen Gott, der seine Liebe zu uns Menschen in Jesus Christus geoffenbart hat, wenn wir diesen Gott um Hilfe bitten, dann wird er handeln. Oftmals handelt er anders, als wir es erwarten und oftmals wird auch unsere Geduld auf die Probe gestellt, aber eines ist sicher: Gott hört, wenn wir beten. Liebe Trauergemeinde, es ist schon Jahre her, dass ich mit einer Konfirmandengruppe während einer Unterrichtsstunde über einen Friedhof ging. Wir sahen uns die verschiedenen Gräber an, darunter auch Gräber von Kindern und jungen Leuten. Nach einer Weile kam ein Konfirmand zu mir und sagte: Ich weiß, warum auch junge Menschen sterben: Gott möchte auch jüngere Menschen bei sich haben. Ich habe mehr als ein Mal vermutet, dass an dieser Aussage was dran ist. Wir lassen N.N. los. Wir können nichts besseres tun, als N.N. der Liebe und Fürsorge Gottes anzuvertrauen!

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