Überraschung

Predigt zu Lukas 17,20-30

Liebe Gemeinde,

unbegreiflich scheint es für viele moderne Zeitgenossen zu sein, dass es in unserer modernen Welt überhaupt noch Unvorhersehbares und Unvorhersagbares gibt. Wer hat zum Beispiel schon vorhergesehen, dass sich in diesem Jahr Hunderttausende Flüchtlinge Richtung Deutschland in Bewegung setzen? Unsere Urahnen hatten noch eine Ahnung davon, dass das Leben dem Himmel und der Erde abgetrotzt war. Heute meinen wir ein Recht auf Stütze und Wohlfahrt und Sicherheit in allen Lebenslagen zu haben. Wenn der nächste Brocken aus den Asteroidengürteln unseres Sonnensystems Kurs auf die Erde nimmt, um nicht zum ersten Mal in der Erdgeschichte das Leben zu neunzig Prozent auszulöschen, wird es nicht helfen, ihm die Faust entgegenzurecken. Hans Magnus Enzensberger: „Erst wenn die Hybris ihren Lauf genommen hat, wird die Einsicht in die eigenen Grenzen, vermutlich zu einem katastrophalen Preis, notgedrungen die Oberhand gewinnen.“

So realistisch sieht das die Bibel auch. Jesus zitiert, die Noahgeschichte, in der fast die gesamte Menschheit einer schrecklichen Sintflut zum Opfer fällt, als hätte Gott bereut, dass er den Menschen überhaupt gemacht hat. Jesus zitiert gleich noch die Katastrophe von Sodom hinzu – und stellt beide in einen völlig ungewohnten und überraschenden Zusammenhang. Er erzählt vom Einbruch, ja Zusammenbruch einer scheinbar ewigen Normalität. Sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten, sie heirateten, sie ließen sich heiraten und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Und dann kommt alles ganz anders, aus heiterem Himmel.

Die Pointe bei Jesus ist nun aber nicht Tod und Verderben, sondern das genaue Gegenteil. Gott sei Dank! Die Pointe ist das überraschende Kommen des Gottesreichs. So wie die zitierten Katastrophen kommen, ohne Vorboten, ohne Anzeichen, ohne Vorwarnung, so kommt das Reich Gottes in die Welt. Nicht als böse, sondern als freudige Überraschung.

Freilich werden wir auch hier nicht gefragt. Auch hier sind wir nicht beteiligt. Auch hier gibt es keine stetige Entwicklung, an deren Ende das Reich Gottes steht. Es sollte zur eisernen Ration an Geschichtserfahrung der Christenheit gehören, dass man das Reich Gottes und seine erfreulichen Verhältnisse nicht aus eigener Kraft schaffen oder gar herbeizwingen kann. Das Himmelreich kommt von selbst, wann und wo es will. Man muss es nehmen, wie es kommt.

In einem Magazin fand ich das Bild eines sehr spärlich behaarten Mannes. Darunter war zu lesen, er wäre schon sechsmal vom Blitz getroffen worden. Er habe jedes Mal so ein komisches Kribbeln gespürt. Aber dann sei es jedes Mal schon zu spät gewesen. Jedenfalls machte der Mann einen recht fröhlichen Eindruck. Vom Blitz getroffen. Vom Donner gerührt. So muss man sich das Kommen des Himmelreichs vorstellen.

Und da müssen wir uns schon von einem Ausleger fragen lassen: „Wo handelt ihr denn danach? Wo werden solche utopisch – eschatologischen Worte mit Leben gefüllt? Steht ihr nicht selbst unter dem Regiment der Chefsessel? Wenn die Antwort enttäuschend ausfällt, hilft die Entschuldigung wenig, es menschele eben überall, und in Kirche und Gemeinde gehe es jedenfalls nicht schlimmer zu als anderswo. So reden Leute, die sich selbst sogar noch das Enttäuschtsein abgewöhnt haben. Wer das Wort vom Reich Gottes in den Mund nimmt, kann sich nicht mehr ‚anderswo‘ verorten. Das Reich Gottes ist ‚mitten unter euch‘, ‚in dem Raum, der der Eure ist‘ – so sagt Jesus zu denen, die skeptisch nach dem Wo und Wann fragen. Und denen, die es voll Ungeduld mal hier, mal da, aber wiederum stets anderswo vermuten, hält Jesus ein apokalyptisches Bild entgegen: Der Menschensohn werde an seinem Tag wie ein ‚Blitz‘ erscheinen, der den Himmel von einem Ende zum anderen erleuchtet. In beiden Fällen gibt es kein Von-sich-weg-Verweisen, keine Ausflucht, keine Entschuldigung.“ (Dr. Andreas Krebs, GPM, 3/2015, Heft 3, S.493)

Ja, bitte, wer von uns möchte schon gerne vom Blitz getroffen werden? Wir halten es für nicht besonders spannend, bei Gewitter nicht unter einem Blitzableiter zu sitzen. Und deshalb haben wir in unserer Kirche inzwischen auch so viele und mächtige Berater, die uns vor allem, was uns treffen könnte, eindringlich warnen, nachhaltiges Wirtschaften empfehlen und uns den sparsamen schwäbischen Häuslebauer als leuchtendes Vorbild vor Augen malen – der doch in Wahrheit niemand anders ist als der reiche Kornbauer im Gleichnis, der seine Schäfchen vermeintlich im Trockenen hat und zu dem Jesus am Ende sagen muss: Du Narr! Warum nur gibt es in unserer Kirche inzwischen immer mehr Buchhalter und reiche Kornbauern und immer weniger Menschen, die ihr Leben als eschatologische Existenz begreifen, und Gottvertrauen nicht für gefährlichen Leichtsinn halten?

Gerade deshalb können wir der Frage, wo und wann das Reich Gottes unter uns ist, auf keinen Fall ausweichen. Als christliche Gemeinde sollten wir wissen, dass es unser einziger Auftrag ist, dieses Evangelium vom Himmelreich weiterzusagen. Zu nichts anderem sind wir gut! Und wer solches tut, stellt auch die Frage nach seiner eigenen Existenz und danach „wo er sich verortet“ und wer er als Kind Gottes eigentlich ist.

Es verwundert daher nicht, dass das Wort im Munde Jesu, wonach das Reich Gottes mitten unter euch ist, in der Übersetzung schillert und glänzt. „Die Vulgata übersetzt: ‚regnum Dei intra vos est‘, ‚das Reich Gottes ist in euch‘, und Martin Luther: es ist ‚inwendig in euch‘; Adolf von Harnack machte daraus: ‚Das Reich Gottes ist (…) die Herrschaft des heiligen Gottes in den einzelnen Herzen‘. Zu Recht, schreibt der Ausleger, hat man darin eine Ausweichbewegung ins Innerliche erkannt.“ (Krebs, aaO. S.495)

Nein, zu Unrecht, muss es heißen! Freut euch mit, dass auch ein liberaler Theologe wie Harnack einen geradezu mystischen Satz zustande bringt! Wo soll denn der Christus in uns wohnen, wenn nicht in unserem Herzen? Niemand soll sich mit einem gedachten Gott zufrieden geben, mahnt Meister Eckhart. Der hat nämlich eher das Zeug zum Teufel, wie wir an jedem religiösen Fanatismus sehen können. Der Christus will in uns geboren werden, sagt Meister Eckhart. Gottes ewiges Wort will in unserem Herzen bewegt werden, sagt Maria an der Krippe und schaut liebevoll auf das Christuskind. Wo soll denn das Himmelreich auf dieser Welt Fuß fassen, wenn nicht zuerst in unserem Herz, das all unserem Denken und Tun schon immer zuvorkommt? Alle Utopien, alle Veränderungen, alle Reformationen, fangen in unseren Herzen an. Und umgekehrt gilt: Wenn die Herzen der Menschen leer und hart bleiben, wird die beste Staatsform und die beste Kirchenorganisation früher oder später zur Hölle auf Erden.

Wie Meister Eckhart hat Dorothee Sölle darauf hingewiesen, dass die fromme Gottesschau sich nicht auf die Innerlichkeit beschränken lässt. Sie führt uns schnurstracks in unser Leben zurück, in unsere Gemeinde, in unsere Welt, an den Herd, in den Stall, ins Büro und wo immer Gott uns hingestellt hat. Hier zündet in uns ein Stern, der es mit der Finsternis der Welt aufnimmt! Und darum hat Dorothee Sölle ihr Buch „Mystik und Widerstand“ genannt.

Denn nur wenn der Christus in uns wohnt, kann sein Wort auch unter uns wohnen. Nur dann kann es unser Zusammenleben in der Familie, in der Gemeinde, in der Kirche und in der Gesellschaft gestalten und auch unter uns sichtbar werden. Denn genau das will es auch! Die gefährlichste Irrlehre, die in unserer Kirche heute herrscht, ist die Meinung, bei der Gestaltung der Kirche habe man freie Hand und könne sich das Beste, das Erfolgversprechendste aus den Rezepten und Strategien dieser Welt heraussuchen.

Ihr Lieben, die größte Katastrophe, die der christlichen Gemeinde zustoßen könnte, wäre, dass sie sich einmal vom Christus persönlich sagen lassen muss, dass sie aus Kleinglauben, Angst und Feigheit, das Wachsen seines Himmelreichs schon hier in dieser Welt behindert oder gar verhindert hat, dass sie sich dieser Welt gleichgeschaltet und ihre Hoffnung verraten hat. Und das tut sie immer dann, wenn etwas anderes ihre Gestalt, ihre Organisation, ihr alltägliches Leben bestimmt, als das Wort des Christus. Das tut sie immer dann, wenn sie dieses Wort als das allein ihr Leben bestimmende Wort in Frage stellt. Dann Gnade uns Gott!

Tröstlich bleibt, dass sich auch dadurch das Kommen des Himmelreichs nicht aufhalten lässt. Durch nichts und niemand. Darum beten wir lieber miteinander: Dein Reich komme! Und solange wir das beten, ist und bleibt auch die Kirche immer für eine freudige Überraschung gut.

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