Tue Gutes und rede darüber ? (Erprobung Reihe V Markus 12, 41-44)

Ich stehe inmitten einer eigentlich trügerischen Idylle…
Eine alte Stadt erstrahlt in einem neuen Glanz. Liebevoll sind die Häuser restauriert, die Straßen und Gassen laden zum Umherlaufen und Anschauen ein, kleine Geschäfte werben um kaufwillige Kunden und Cafes und Restaurants verleiten zur Einkehr.
„Sandstein voller Leben“ haben sich die Touristiker als Slogan für ihre Stadt ausgedacht, deren Geschichte man an einzelnen Tafeln an Häusern und Straßen nachlesen kann.
Eine Idylle, wenn da nicht die anderen Hinweisschilder wären, die daran erinnern, wie hoch 2013 und 2002 das Wasser bei den Hochwasserkatastrophen an Elbe und Oder stand.
Die Bilder der verzweifelt gegen die Flut ankämpfenden Menschen kommen mir in den Sinn. Freiwillige, die mit der Bundeswehr zusammen Sandsäcke füllen, Deiche stärken und gegen das Eindringen des Wassers kämpfen. Weinende und verzweifelte Menschen, die hinterher versuchen, zu retten, was zu retten ist, aufräumen und eben bis heute aufbauen… wieder nur bis zur nächsten Katastrophe?
Wie groß war und ist die Hilfsbereitschaft bei solchen Katastrophen: dem Hochwasser an der Elbe gewissermaßen vor der eigenen Haustür, oder der Erdbebenhilfe in Nepal, nach dem Tsunami im Indischen Ozean, für Flüchtlinge aus Syrien, aus dem Jemen, aus Nigeria und Eritrea, gegen die Dürrekatastrophe in der Sahara…ich könnte fortfahren oder den Bericht der Diakoniekatastrophenhilfe lesen, die im letzten Jahr weltweit 40 Millionen Euro eingesetzt hat aus Spendenmitteln und Fördergeldern, um Not zu lindern.
Die Bilder, die um die Welt gingen, halfen, Not und Elend anderen buchstäblich nahe zu bringen und Mitgefühl zu wecken. Unzählige Spenden und Kollekten kamen namenlos, dort wo offen und öffentlich gesammelt wurde, andere gingen ein nach der guten alten Weise: tue Gutes und rede darüber.
Da liefen im Fernsehen Spendengala und an so manchem Abend kamen Spendenzusagen mit Namenslaufband in Millionenhöhe, von denen ein Großteil dann auch wirklich überwiesen wurde.
Über die Anteilnahme im Katastrophenfall, wenn das Leid und die Not der Menschen einen anspringt und man die Bilder der Verzweiflung nicht mehr los wird, können wir uns wirklich nicht beklagen und sollte ich mich dabei über die beschweren, die nicht nur das nützliche mit dem angenehmen und etwas für ihr Ansehen und Prestige tun? Solange es Menschen in der Not hilft…
Und dennoch: spätestens, wenn die alten Geschichten herausgeholt werden, wie die von der armen Witwe und ihrem Scherflein, ziehe ich meinen Kopf ein wenig ein, schäme mich und fühle mich ertappt.
Denn auch wenn der Zweck – hier die Katastrophenhilfe – fast alle Mittel heiligt und ich am Ende lieber nicht schaue, woher das Geld, das helfen soll, denn wirklich stammt, beschleicht mich das schlechte Gewissen: kann ich wirklich Spendenmittel von Konzernen annehmen, die ihre Millionen mit Rüstungsgütern verdienen, denen tausende zum Opfer fallen oder von Konzernen, die mit gentechnisch verändertem Saatgut unkalkulierbare Risiken für Mensch und Natur eingehen?
Habe ich womöglich mit dem einen Schein, den ich in die Kollekte gebe, nur mein schlechtes Gewissen beruhigt oder mit der Überweisung gegen Spendenquittung, um mir einen Teil von der Steuer zurückzuholen?
Ich reagiere auf Moral ja nicht nur wegen des erhobenen Zeigefingers und des damit verbundenen Druckes, den die allgemeine Meinung und die anonyme Öffentlichkeit auf mich ausübt, sondern auch weil ich mich ertappt und überführt weiß.
Ja, ich habe nicht getan, was ich hätte tun können.
Auch wenn ich nicht das Leid der ganzen Welt allein tragen und bewältigen kann, ist wesentlich mehr als die Spende für Brot für die Welt zum Weihnachtsfest und die kleinen Gaben zwischendurch möglich.
Ja, Jesus könnte auch mich meinen, wenn er, nicht mit erhobenem, aber mit deutlich gestrecktem Finger, auf die arme Witwe zeigt und sagt: schaut, sie gibt gewissermaßen noch einen Großteil ihres Existenzminimums.
Erstaunlicherweise fragt er nicht nach ihrer Motivation und spekuliert auch nicht darüber, was ich ja eigentlich gerne tun möchte:
Ist sie dankbar, voller Freude und möchte diese Freude teilen?
Hat sie ein schlechtes Gewissen und möchte etwas wieder gut machen?
Möchte sie vielleicht Gott milde und gnädig stimmen?
Es war immerhin ein Opferkasten im Tempelbezirk, im Vorhof für die Frauen, dort wo die Opfertiere bezahlt werden mussten und man freiwillige Gaben zweckgebunden den Priestern geben konnte.
Auf der anderen Seite: das ganze Sozialwesen funktionierte eigentlich nur auf Spendenbasis.
Es gab keine Grundsicherung, keine Altersversorgung, keine Krankenversicherung: es gab nur das geschärfte soziale Gewissen, dass Armenhilfe eine Angelegenheit ist, die alle gleichermaßen und nicht nur im Katastrophenfall angeht. Ein Unglück kann jeden jederzeit treffen und nicht alle haben eine Familie, die sie auffängt, rettet und durchträgt.
Der Gottesglaube war also immer schon etwas sehr praktisches und nicht allein innerliches. Es reicht eben nicht aus, zu meinen, ich könnte alles alleine mit meinem Herrgott im Stillen ausmachen, irgendwo zwischen Gebet und Meditation. Der Gottesglaube drängte immer schon zur Tat, zur mitfühlenden oder aber zur zumindest dem Verstand einleuchtenden Tat. Wenn ich es schon nicht gerne tue, dann wenigstens, weil es mir einleuchtet und sinnvoll erscheint ( vielleicht so, wie auch wir ja keineswegs gerne, aber dafür pflichtbewusst und treu Steuern zahlen, weil es nun einmal für all die Aufgaben der öffentlichen Hand notwendig ist…) Dietrich Bonhoeffer wird viel später davon reden, dass zwei Dinge not tun: beten und das Tun des Gerechten. Oder sind beide Haltungen sogar zwei Seiten der gleichen Angelegenheit?
Ich merke, dass mich dieser Gedanke entlastet von aller so säuerlich aufstoßenden Moral. Es geht gar nicht um den erhobenen Zeigefinger, sondern um Haltungen, die für das Funktionieren und das menschliche Antlitz von Gemeinschaft und Gesellschaft einfach notwendig sind. Und dazu gehört eben nicht das Recht des Stärkeren und Vermögenden, sondern die Anteilnahme und Fürsorge für all die, die auf die Unterstützung anderer angewiesen sind: Kranke, Alte, Einsame, Mittellose, Heimatlose, Verfolgte. Die Bilder im Fernsehen erzählen ihre Geschichte, deswegen leuchtet mir ihre Not ein.
Lernen wir die Hilfesuchenden unter uns mit ihren Geschichten in ihren Gesichtern und verbunden mit ihren Namen kennen, öffnet sich auch unser Herz und unsere Hand über das hinaus, was ich/wir bisher getan haben. Natürlich ist die Gabe dann auch gelebte Dankbarkeit.
Manchmal ist es leichter seine Dankbarkeit auszudrücken, in dem ich mit anderen etwas teile, weil ich dieses Gefühl nicht mit Worten ausdrücken kann.
Manchmal fehlt mir auch ein Ansprechpartner für meine Dankbarkeit.
Und manchmal möchte ich einfach etwas weiter geben von dem, was mir gerade an Freude, Glück, Lebendigkeit, Liebe und Reichtum geschenkt wurde.
Vielleicht habe ich auch einfach nur verlernt „danke“ zu sagen. Aber so kann ich Dankbarkeit im kleinen wieder einüben.
Jesus steht nicht mit einer Einkommenstabelle im Tempelbereich und berechnet das notwendige Maß an Dankbarkeit und Opferbereitschaft. Er berechnet gar nicht, sondern spricht das Herz an und will das Herz sprechen lassen.
Übrigens: weil der Gottesglaube immer schon ganz praktisch war und nicht allein etwas innerliches, ist das Dankopfer, das wir Kollekte nennen, aus einem Gottesdienst überhaupt nicht wegzudenken. Wussten sie, dass allein in unserer Landeskirche, wenn für einen gemeinsamen Zweck an allen Gottesdienstorten gesammelt wird, zwischen 40.000 und 50.000 € zusammenkommen? Und weil es schon immer um Anteilnahme und Fürsorge geht, ist auch gute Tradition seit der ersten Kollekte, zu der Paulus die Gemeinden einlud, für Bedürftige oder aber projektbezogen zu sammeln, eher nicht für die eigene Kasse, sondern paulinisch für die Armen und Heiligen in Jerusalem.
Denn : einen fröhlichen Geber hat Gott lieb ( und das ohne erhobenen Zeigefinger, sondern eher mit brennendem Herzen!) Amen

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