Trotz aller Tränen (Mt 18,6)

Mt 18,6
[6] Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.

[27jähriger drogensüchtiger Aussiedler]

Ein Aufbruch ins gelobte Land sollte es werden, als Gott Mose beauftragte sein Volk aus Ägypten zurück nach hause zu führen. Einst hatte die Hungersnot sie dorthin geführt, gute Jahre ließen sie bleiben. Ablehnung und Schikanen erwartete die gehenden bis sie endlich fort konnten. Und dann…? war der Weg mühsam und viele wollten zurück in die Sklaverei, wo alles geregelt und bekannt war, wo Essen und Unterkunft vorhanden war… sie hatten das Heimatland nie gesehen, sie waren in Ägypten geboren, hier waren sie heimisch geworden. 40 Jahre dauerte die Reise, schreibt die Bibel, d.h. eine Generation fiel diesem Weg zum Opfer. Die Alten und Kranken, Frauen und Kinder, selbst Mose konnte das Ziel nur von ferne sehen, bevor er starb. Der Weg in die Freiheit war teuer bezahlt.

Die Geschichte könnte auch die Ihrer Familie sein. Wie so viele haben Sie sich auf den Weg gemacht um noch einmal neu anzufangen, dort wo man als Deutschstämmiger zuhause ist und nicht als Nazi verschrien und ausgegrenzt. Von dieser engen Welt aus schien Deutschland das gelobte Land. Hier gibt es Möglichkeiten, die man sich meist nur erträumen kann. Sie wollten vor allen eine Chance für die Kinder und Kindeskinder. N.N ist auf dem Weg geblieben; trotz aller Hoffnungen und Anstrengungen ist er nicht angekommen. In Kasachstan hatte er Freunde, er war dort mit seiner Seele verwurzelt. Hier musste er lernen, dass die Freiheit auch schmerzliche Seiten hat. Menschen haben keine Zeit sich langsam zu entwickeln. Wer nicht sofort die gewünschte Leistung bringt, fällt aus dem System.

N.N liebte es zu basteln an Autos, Mofas allen technischen Geräten, doch sein Beruf blieb ihm verschlossen, weil er die Sprache nicht richtig erlernt hatte. und plötzlich war er als Deutscher der Russe. N.N hat nicht aufgegeben, die Hoffnung es zu schaffen hielt er bis zuletzt.

Die Freiheit lässt auch Platz für Abwege. N.N lies sich schon bald in die Welt der Träume, der Drogen entführen und kam trotz vieler Versuche nicht mehr zurück. Er konnte die Sackgasse letztendlich nicht mehr verlassen.

Das Volk Israel feiert jedes Jahr die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, seit über 100 Jahren, jedes Jahr lassen sie sich hineinnehmen in das Geschehen und gedenken damit auch derer, die auf dem Weg geblieben sind. Es sind die bitteren Tränen, die sich in den Dank an Gott mischen, stellvertretend für die Angehörigen, denen keine Zeit blieb, sich lange um ihre Liebsten zu kümmern, die zurückblieben. der Weg ging immer weiter.

So haben sich nun auch die bitteren Tränen, der Trauer um Ihren Sohn, Bruder, Enkel, Neffe, Freund in die Freude gemischt. Es ist ein Stück Ihrer persönlichen Geschichte. Sie haben Ihr bestes gegeben. Sie haben Rat gesucht, unterstützt, gestärkt, ein neues zuhause geschaffen, es sah so aus als ginge es aufwärts. Nie haben sie die Hoffnung aufgegeben und dafür gesorgt, dass es N.N gut ging, gemäß dem Bibelwort Mt 7,7: wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wer ist unter euch Menschen, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete? oder, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete?

So ist das auch bei Gott. Die Tür wird ihm aufgetan. Er fängt noch einmal ganz neu an, in dem Land, das wir nicht sehen und doch ahnen können. So heißt es weiter: Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!

N.N hat einen Anwalt bei Gott, der sein Leid vorträgt, so haben wir es im Evangelium gehört:
Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.

Unserem Zorn gegenüber den Menschen, die seine Schwäche ausgenützt und davon profitiert haben, die ihm den Stoff, aus dem Träume sind, verkauft haben, der sein Leben zerstört hat, dürfen wir wie Jesus äußern; genauso unsere Gefühle, vielleicht etwas falsch gemacht zu haben, unsere Trauer, all die schönen Dinge des Lebens nicht mehr teilen zu können, unsere Sprachlosigkeit gegenüber der Ungerechtigkeit des Lebens. Wir bringen sie vor Gott und legen sie dort ab. Immer wieder, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, bis die Last leichter wird, weil wir spüren, dass er das Leid mit uns trägt.

Sie nehmen heute Abschied von N.N. Er ist nun bei Gott. Sie müssen Ihren Weg weiter gehen, Ihr Leben bestehen. Er bleibt ein Stück von Ihnen, die Liebe und Freude, die er Ihnen geschenkt hat kann Ihnen niemand nehmen und das Leid kann manchem zur Lehre sein und ihn zum Leben bewahren; sein Leben war kurz, aber nicht umsonst – es war Gottes Geschenk trotz aller Tränen. Lassen Sie sich von Gott an der Hand nehmen, auch wenn man ihn nicht sehen und fühlen kann, ist er da.

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