Trotz allem – was für ein Glück!

Gott nahe zu sein ist mein Glück (E)
Aber das ist meine Freude, das ich mich zu Gott halte (L)
Für mich aber ist Gottes Nähe beglückend (NGÜ)
Ich aber: Gott nahn ist mir das Gute (Martin Buber)

Ich will seine Geschichte erzählen,als wäre es nicht meine eigene, dabei ist sie es ganz und gar. Vielleicht war er dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Er wuchs in Verhältnissen auf, die einfach waren und die man heute mit Blick auf die Kindheit schwierig nennen würde. Er lebte seit einigen Jahren als Halbwaise, die Mutter war den drei Söhnen früh gestorben und der Vater hatte Schwierigkeiten, die Herausforderungen seines eigenen Lebens zu meistern. Was war von der früh verstorbenen Mutter geblieben: die Erinnerung an die Gebete am Abend vor dem Schlafen, das liebevolle Drängen in den Kindergottesdienst und die Jungschar zu gehen, einzelne Melodien geistlicher Kinderlieder, ein tiefes Gottvertrauen und ein Gefühl von Geborgenheit in Gottes Liebe. Aber in den Jahren des Heranwachsens, vielleicht kennen sie das, war manchmal der Wunsch da aus diesen Verhältnissen in eine anderes Leben hinüber schlüpfen zu können. Was andere hatten oder darstellten, wirkte so zufrieden und auch ein wenig beneidenswert. Er träumte sich ein wenig in das Leben der anderen hinein, erwachte aber immer aus ziemlich schnell aus diesen Träumen, weil er ja nur die Äußerlichkeiten sah: wollte er dafür wirklich tauschen? Würde es dann ein besseres, ein glücklicheres Leben sein, wenn er das der anderen führen konnte?
Eine Stimme, eine Gewissheit tief in seinem Innern, erzählte ihm dann von seinem Schatz, den er sein eigen nennen konnte: er trug sein Gottvertrauen in seinem Herzen, die Überzeugung von Gott gewollt, von ihm gerufen, von ihm gemeint zu sein: einmalig, unverwechselbar und in Gottes Augen schön und das machte ihn reich.
Sein Gottvertrauen war sein Selbstvertrauen und das wog schwerer als die vermeintlich, aber nur äußerlich heilen Welten seiner Altersgenossen. Das aufzugeben war es ihm nicht wert. Und so konnte er meist fröhlich, aber fast immer gelassen, seinen Weg und seinen Platz im Leben suchen.
Glück war für ihn nicht automatisch gleichbedeutend mit der Stereoanlage und Spiegelreflexkamera mit 14, dem Moped mit 16 und dem Führerschein mit 18 oder der jährlichen Sommerflugreise nach Mallorca, was auch in den alten Bundesländern in den siebziger Jahren nicht selbstverständlich war.
Glück war für ihn die Gewissheit, nicht zufällig in dieses Leben gestolpert zu sein und es nun irgendwie anständig über die Bühne bringen zu müssen, sondern von Gott angeschaut, gedacht und gewollt einen Platz und eine Aufgabe im Leben zu zugedacht bekommen zu haben und dann finden zu dürfen. Glück war in dieser Gewissheit, diesem Glauben Wurzeln schlagen zu können, mit denen auch den Stürmen in Leben standzuhalten war.
Wäre er damals über die Jahreslosung in der Fassung der ökumenischen Einheitsübersetzung gestolpert, so hätte dieses Wort zu seinem Lebensmotto werden können statt des Bibelwortes aus dem Buch Josua, das übrigens auch zum Neujahrstag als alttestamentliche Lesung gehört und in dem Josua als Nachfolger eines großen Vorgängers ermutigend gesagt wird: Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. (Jos. 1,9)
Sie spüren vielleicht, dass ich durchaus Sympathien für diese Jahreslosung hege, obwohl ich ansonsten eher zurückhaltend bin was die Nachhaltigkeit und Überlebensdauer solcher „Jahres“Losungen angeht.
Sicher knüpft sie vordergründig an den weitverbreiteten Zeitgeist an:
„Ich habe ein Recht darauf glücklich zu sein“ –
Ja, es gibt ein Menschenrecht auf Glück und eine Chance auf solches, auch drüber werden wir 2014 gesellschaftlich und politisch als Christen reden und vielleicht auch streiten müssen, die Frage ist nur, was wir als Glück verstehen. Mir kommen die vielen Neujahrswünsche in den Sinn:
Gesundheit – unbestritten ein Glücksfall!
Erfolg in -Schule, Beruf oder im Verein jedem zu wünschen !
Ein Sechser im Lotto – ich weiß nicht so genau, Geld allein macht nicht glücklich, selbst wenn es einigermaßen beruhigt.
Zufriedenheit in der Familie-mit Sicherheit ein kostbares Gut, wenn man im Freundes- und Bekanntenkreis die vielen Zerwürfnisse und Konflikte sieht, die mit dem ja möglichen Scheitern von Beziehungen überhaupt nicht umgehen können.
Frieden und Wohlstand im eigenen Land – daran haben wir uns zwar gewöhnt, aber werden doch auch bei dem vielen Elend der vielen Verzweiflung wachgerüttelt, die es gleich um die Ecke vor der eigenen Haustür oder im Haus Europa immer noch gibt.
Ein bis zwei Urlaubsreisen an paradiesische Orte – auch nicht zu verachten.
Das können alles Glücksmomente sein, unbestritten !
Was aber ist mit den Kranken, den Trauernden, den nicht mehr Gebrauchten, den Armen, den Erfolglosen, den mit zwei linken Händen oder den schlichten, einfältigen Gemütern?
Was ist mit den Menschen mit Handicaps?
Nach den Spielregeln dieser Welt, dürften sie Glück nie wirklich kennen lernen.
Und da kommt Gott sei Dank die Jahreslosung mit der einen möglichen Deutung des Psalmwortes gerade zur rechten Zeit.
Der Psalm 73 ist ja nicht gerade dafür bekannt, dass er zu den Liedern gehört, die überquellen vor Glück- und Seligpreisungen, sondern gehört zu den Zeugnissen eines trotzigen DENNOCH, wie es vielleicht nur dem Glauben möglich ist.
Trotz der Schwierigkeiten im Leben, trotz des Spottes meiner Mitmenschen, trotz der nagenden Selbstzweifel, trotz der radikalen Infragestellung von allem Guten und von Gerechtigkeit durch Krankheit, Schicksalschlägen und Tod, durch Misserfolge und Scheitern, trotz der Schuld, die ich nicht abstreifen kann wie schmutzige Wäsche, trotz meiner engen Grenzen, trotz der Unzufriedenheit und der vielen unerfüllten Wünsche, trotz allem trotz: Gott nahe zu sein ist mein Glück.
Wenn ich nur dich habe – betet der Psalmbeter – wenn ich nur dich habe, habe ich das Glück. Sicher kann ich mein Glück nicht immer fassen, ich kann es auch nicht in den Tresor einschließen, damit es mir nicht verloren gehen oder gestohlen werden kann.
Wer sein Glück allein für sich behalten will, dem ist es wahrscheinlich schon längst abhanden gekommen. Glück ist immer im Fluss, immer eine Bewegung.
Zuerst ist Gott immer auf dem Weg und der Suche nach mir, wie nach Adam am Abend im Schöpfungsgarten: Adam, Mensch, auch du Mensch in Schuld, der du mein Vertrauen enttäuscht hast, wo bist du ?
Es ist ein Glück, dass Gott uns nicht aufgibt, sondern immer noch sucht und findet.
Weihnachten ist das Fest der Menschwerdung: Gott wird Mensch auf der Suche nach dem Menschen, damit wir Menschen nach seinem Bilde, nach seinem Gedanken und damit Gottesbild für andere werden können. Es gibt keine Gottlosigkeit in dieser Welt, denn sie ist Gott nie los. Wohl aber gibt es Gottvergessenheit und Gedankenlosigkeit auf menschlicher Seite. „Gott ist und bleibt uns nahe“ steht über der Schwelle zum neuen Jahr und wir dürfen uns das buchstäblich in Kopf und Hand schreiben lassen.
Aber zur Begegnung mit Gott gehört auch die Gottessuche, die zaghaften, sicher manchmal auch unvollkommenen, aber stetigen Annäherungsversuche unsererseits.
Gott ist nahe und wir kommen ihm nahe.
In diesem Glaubenswagnis, dass zu einer Gewissheit werden will, dass jeder Suche nach Gott eine Begegnung geschenkt wird, die manchmal nicht meinen Erwartungen entsprechen mag aber deswegen dennoch nicht weniger Gottesbegegnung ist, liegt der Anfang und der Grund dieser Zuversicht:
Dennoch bleibe ich stets an dir
wenn mir doch Leib und verschmachtet, so bist du doch Gott allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.
Keiner weiß, was das Jahr 2014 uns bringen wird an glücklichen, berauschenden oder niederschlagenden Augenblicken, aber eins bleibt über dieses Jahr hinaus Gottes Verheißung und unsere Glaubensgewissheit, die wir mitnehmen auf unserem Weg in das noch unbekannte Land 2014:

Gott nahe zu sein ist mein Glück (E)
Aber das ist meine Freude, das ich mich zu Gott halte (L)
Für mich aber ist Gottes Nähe beglückend (NGÜ)
Ich aber: Gott nahn ist mir das Gute (Martin Buber)

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