Trost und Geborgenheit in einer schwierigen Zeit (Römer 15, 4-13)

Eben noch rannte er lachend und fröhlich vorneweg, im nächsten Augenblick aber stolperten die kleinen, irgendwie immer noch ungelenken Kinderbeine und er fiel der Länge nach hin…, was eigentlich nicht wirklich dramatisch war, die Hosenbeine waren lang genug, um den Sturz halbwegs abzumildern. Es führte aber doch zu einem herzzerreißenden Weinen des Jungen. Der Schreck war wahrscheinlich größer als der Schmerz, aber erst nach einer ganzen Weile im Arm des Vaters und dann noch einmal im Arm der Mutter wollte er sich beruhigen und trösten lassen. „Das tut so weh, das hört nie mehr auf“ schluchzte er und man wollte es ihm in diesem Augenblick auch glauben. Manchmal fühlt es sich an, als ob es nie mehr aufhören würde, weh zu tun.
Zum Beispiel der Schmerz in dieser ersten Adventszeit ohne den Gefährten oder Partner der letzten Jahrzehnte. Im Sommer war er verstorben und die ganze Zeit hatte sie sich am meisten vor dieser dunklen und stillen, vor allem aber so gefühlsbetont aufgeladenen Zeit gefürchtet. Alles waren so selig gestimmt, die Lichter der Adventszeit leuchteten in den Augen vieler Menschen, die in diesen Tagen anders unterwegs waren als in der restlichen Zeit des Jahren, nur sie hatte schon gar keine Tränen mehr, die sie vergießen konnte. Sie spürte einfach nur noch Leere in sich. Die Kinder waren weit weg, hatten mit sich zu tun. Sie wollte auch nicht zur Last fallen. Und so quälte sie sich von Tag zu Tag und wäre froh gewesen, wenn der Adventsschmuck schon wieder weggeräumt, die Bäume entsorgt und der ganz normale Alltag wieder da wäre. An normalen Tagen sind die Gedanken nicht ganz so quälend, der Schmerz nicht ganz so groß. „Das tut so weh, das hört nie wieder auf…“ dachte sie dann bei sich und wünschte sich manchmal, es wäre ganz vorbei. (kurze Pause)
Nach einer Weile auf dem Arm der Mutter und des Vaters hatte sich der kleine Mann wieder beruhigt und bald sogar den Schmerz vergessen. Von oben sah die Welt auch ganz anders als und er konnte Dinge entdecken, die ihn neugierig machten und ablenkten: der Spielplatz vor ihm mit der großen Rutsche, der Hund, der fröhlich bellend dem Ball hinterher jagte. Das war schnell wichtiger als der Schmerz, der eben noch nie aufhören wollte! Was doch manchmal ein Perspektivwechsel und die Wärme einer beschützenden Person, die in den Arm nimmt und festhält und liebevoll drückt, ausmachen kann, wie viel Trost und Zuversicht, aber auch Sicherheit darin liegt, sich zu berappeln und wieder auf die eigenen Beinen zu kommen.
Ein Kind ist schnell versöhnt und getröstet und vergisst den Schmerz. Wir Erwachsenen haben diese Gabe des schnellen Trostes verlernt, sind vielleicht auch zu misstrauisch dem Leben gegenüber geworden, was es denn als nächstes wieder für eine Gemeinheit bereithält: als wenn alles nicht schon genug wäre… Lebensgeschichten lassen sich ja oft unter einem positiven oder einem negativen Vorzeichen nachzeichnen/erzählen.
In der Woche nach dem ersten Advent – sie hatte sich doch wenigstens einen Adventskranz in die Wohnstube gestellt – hielt sie dann einen Einladungsbrief ihrer Kirchengemeinde in der Hand. Sie freute sich. Da dachten Menschen an sie, weil sie ja wussten, dass sie vor einigen Monaten ihren Mann verloren hatten und sie fragten, ob sie Weihnachten, wenn sie allein sei, nicht im Kreis der Gemeinde bei einer Weihnachtsfeier für Alleinstehende verbringen wollte. Das konnte sie sich im ersten Augenblick gar nicht vorstellen. Dann fing der Gedanke an, ihr zu gefallen. Sie wäre nicht allein. Sie würde auch den Gottesdienst wie jedes Jahr zu Weihnachten besuchen können, die Kinder müssten sich keine Sorgen machen. Weihnachten würde viel von seinem Schrecken verlieren und vielleicht etwas von seinem Zauber für sie übrig haben. Sie war hinterher froh, die Einladung angenommen zu haben. Für einige Stunden vergaß sie an diesem Abend ihre Trauer und ihre Sorgen, sie fühlte sich wohl in dieser Gemeinschaft, sie sang sogar einige der alten vertrauten Weihnachtslieder mit, auch wenn sie dabei weinen musste. Aber das ging ja nicht nur ihr so. Da saßen einige wie sie. Sie waren sich alle an diesem Abend in ihrer Einsamkeit und ihrer Traurigkeit ganz nah und erlebten, wie tröstlich es sein kann, sein Schicksal und all diese Gefühle mit anderen teilen zu dürfen.
Mir leuchtet das mittlerweile sofort ein. Ich weiß, dass es mir in meinem Leben ungemein geholfen hat, in der Gemeinschaft von Christen, die mir ein zu Hause und Familie waren, Halt und Trost, Wegbegleitung und Freundschaft zu finden, Glauben und damit Trost und Hoffnung zu teilen, Selbstvertrauen aus Gottvertrauen zu tanken. Ich habe lang genug geglaubt, vieles allein bewältigen und lösen zu können oder mit mir allein abmachen zu müssen. Aber das stimmt nicht. Wenn nicht das Gefühl, ein Schmerz würde nie mehr aufhören, Oberhand gewinnen soll, braucht es andere, die mich halten, tragen oder auffangen, die mit mir Freude und Leid teilen, mit denen ich Geduld üben und Hoffnung leben kann. Ich muss es nur zulassen, Menschen an mich heranlassen, die Hand ausstrecken oder die ausgestreckte Hand ergreifen, oder aber die adventliche und dann geduldig erwartet weihnachtliche Botschaft mein Herz berühren lassen: Gott macht sich auf – in mein Leben, wird Mensch – mir zu Gute, teilt Freude und Leid – auch mit mir.
„Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes“ (Lukas 1, 78). Zacharias , der Vaters des Täufers, hatte einst so gesungen und gebetet. Und es verbirgt sich darin die wunderbare, tröstliche und hoffnungsvolle Erfahrung, das Gott sich nicht nur angesagt hat, sondern erschienen ist. Die Welt, das Leben erscheinen uns nur manchmal gottlos, aber wir werden Gott nicht los. Seine Liebe, seine Freundlichkeit, seine tröstenden Nähe, seine Gegenwart, die mich auch in meinem Schmerz und in meiner Schuld aushält und trägt, ist längst greifbare, spürbare Wirklichkeit und zeigt sich auch darin, wie wir Räume und Gelegenheiten schaffen, einander anzunehmen und zu tragen. So ist es auf dem Arm der Eltern mit dem wunden Knie, aber auch mit der Trauer über den Tod und in der ersten Advents- und Weihnachtszeit danach, wenn ich sie nicht allein, sondern im Kreis von Menschen, bei denen ich mich nicht verstellen muss, verbringen darf. Da verschwindet nicht alles, was uns schmerzt, belastet oder ängstet einfach von der Bildfläche, da wird auch nicht einfach tröstend abgelenkt in der Hoffnung, dass alles Böse dann bald vergessen sein wird. Sondern da wird zugehört, gemeinsam gelacht und geweint, ausgehalten und dann eben auch gehofft, gebetet, manchmal auch darum gerungen, dass ein Lichtstrahl in die Dunkelheit einbricht und dann die Nacht weichen lässt. Geduld und Trost sind weniger eine Übungs- und Trainingsfrage als vielmehr eine Gemeinschaftsaufgabe. Instinktiv spüren wir das in der Adventszeit mit unserem Wunsch nach Zeit in der Familie, im Freundes- und Kollegenkreis. Wir leben, wir erleben diese Hoffnung, dass Gott aus der Höhe Wirklichkeit im Alltag der Menschen in der Tiefe ganz unten wird, vor allem gemeinsam. Der Glaube ist eben nicht einfach das privateste und intimste, was es gibt, sondern drängt danach, Menschen zu verbinden. Am Ende verbindet nicht nur die Klage untereinander. Wobei man nicht unterschätzen darf, wie wichtig es, die Tränen nicht zu unterdrücken, bis sie keiner mehr sehen kann, sondern mit den Traurigen und den Einsamen, mit den Enttäuschten und Verwundeten, mit den Kranken und Suchenden zu weinen, zu beten, zu hoffen. Am Ende vereinen sich die Stimmen in einem Gesang auch zum Lob. Der Knabe lacht bald wieder aus vollem Herzen mit seinen Eltern und den anderen Kindern auf dem Spielplatz, – wie wunderbar, dass Kinder nicht lang allein bleiben. Bei der Weihnachtsfeier der Alleinstehenden war vielleicht der ergreifendste Augenblick als alle Stimmen zusammen, die kräftigen und die zaghaften, aber auch die im Schmerz gebrochenen sich zum gemeinsamen Gesang vereinten: „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit. Welt ging verloren, Christ ward geboren. Freue dich, o Christenheit!“ Ein wenig wurde so schon wahr, was Paulus den Christen in Rom wünscht: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“
Ich wünsche uns den Mut, nicht nur in der Adventszeit zu zeigen, wie es in uns und um uns ausschaut und ebenso die Feinfühligkeit, zu erspüren, was jedem und jeder jetzt gerade gut tut. Ich wünsche uns die Neugierde dabei auch Unterschiede auszuhalten, so ganz verschiedene Lebenserfahrungen ernst zu nehmen und das Verbindende statt das Trennende zu entdecken. Denn Gottes Liebe und Barmherzigkeit besuchen nicht nur wenige und auserwählte in exklusivem Kreis, sondern gehen über allen und für alle auf. Licht in die tiefen Dunkelheiten menschlicher Existenz zu bringen sollte sich aber auch nicht nur auf die Advents- und Weihnachtszeit beschränken. Berührungsängste Not und Elend gegenüber sind nie gute Ratgeber. Aber es ist eine gute Zeit, den Perspektivwechsel anzugehen, Licht zu teilen und denen im Dunkel zu bringen. Mal sind das Licht die Arme der Eltern, mal die gemeinsame Feier derer, die sonst allein bleiben, es ist das Gänsebratenessen für die ohne Obdach ebenso wie Brot für die Welt oder die Patenschaft für eine Familie, die in unserer Stadt in unserem Land Zuflucht sucht. So übersetzt sich eben adventliche Hoffnung in alltägliches Leben, wenn der Apostel schreibt: Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt den Vater unseres Herrn Jesus Christus.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre dabei unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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