Tröstet mein Volk

Liebe Gemeinde,

ein Volk, "das im Finsteren wandelt sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell". Es ist Weihnachten – wir feiern heute gemeinsam den Heiligen Abend. Alles um uns herum ist stiller geworden, der Verkehr weniger, die Menschen scheinen angekommen zu sein. Sie sind etwas mehr bei sich, die Familie ist angereist, heute Abend wird gemeinsam gefeiert werden in den meisten Häusern. Gut gegessen und getrunken wohl auch, der Christbaum wird angemacht oder die Kerzen angezündet, Geschenke verteilt und der ein oder andere wird sich anrühren lassen von all dem und in seinem Herzen spüren, dass heute etwas anders ist, als die anderen Tage im Jahr.

Mir ging es zumindest so, sogar noch als ich als Jugendlicher dieses Fest im meinem Elternhaus erlebt habe. Wenn ich es beschreiben sollte, müsste ich nach Bildern suchen, die aber allesamt nicht genau das treffen, was ich innerlich fühlte. Heute Abend will ich es so versuchen: all die äußere Vorbereitung, all den Schmuck und die Weihnachtsrituale, die wohl in jeder Familie ein wenig andere Ausprägungen finden, all die Gemeinsamkeit und auch die Freude über die Geschenke – zu sehen, wie der andere an mich gedacht hat. Aber auch – für mich immer dazu gehörig – der Gottesdienst, das Singen der bekannten Weihnachtslieder, das Hören der bekannten Weihnachtsgeschichte. All das hat mir geholfen, ein wenig offener zu werden, es hat meine Sinne befreit und mein Herz geweitet. Oder anders ausgedrückt: es hat ein wenig die Barrieren abgebaut, die ich in meinem Leben aufgebaut habe, um mich zu schützen gegen das, was tagtäglich auf mich eindringt – diese Barrieren sind durchlässiger geworden. Der Verstand war nicht ganz so zweifelnd und zögernd und ich habe oft etwas gespürt von dem, was an Weihnachten gemeint ist. Nämlich, dass mir mehr geschenkt wird, als das, was ich zu Hause auspacken durfte. Dass mir mehr zugetraut wurde, als das, was ich mir selber ausdenken konnte. Ja sogar, dass es eine Kraft gibt, die außerhalb unserer Fähigkeiten liegt und die uns wohlgesonnen ist. "Tröstet mein Volk", rufen die Propheten, wenn sie Gottes heilbringende Gegenwart für seine Auserwählten verkündigen.

Diesen Trost, liebe Gemeinde, war ich an Weihnachten immer etwas bereiter zu sehen und etwas näher zu spüren, als es mir sonst an manchen Tagen gelingt. Um diesen Trost Gottes für seine Kinder geht es an Weihnachten. Denn Gott kommt selbst auf die Erde, als kleines Kind in ärmlichen Verhältnissen, um bei denen zu sein, denen das Leben schlechte Karten in die Hand gespielt hat. Überlegen Sie einen Augenblick für sich selber: was ist ihr Trost im Leben? Wo brauchen Sie die Hilfe, die nicht aus Ihnen heraus kommen kann? Was ist Ihr innigster Wunsch, der nicht mit materiellen Dingen erfüllt werden kann?

Haben Sie für sich ein paar Bilder vor Augen? Wenn ja, dann lade ich Sie heute Abend ein, die Trostbilder zu hören, die über 700 Jahre vor Christi Geburt dem Volk Gottes verkündigt worden sind und die wir Christen bis heute als Ankündigung der Heiligen Nacht lesen. Wir hören sie aus dem Buch des Propheten Jesaja im neunten Kapitel: "Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth."

In der Zerstörung und in der größten Mutlosigkeit hört das Volk Gottes diese Worte Jesajas. Es fühlte sich ganz und gar als das Volk, das im Finsteren wohnt: der Erfolg im Leben: gering, die Armut groß, das Vertrauen zerstört. Von Feinden besetzt und von der Gewalt der fremden Kräfte gedemütigt. Nun aber Jesaja: "Du machst groß die Freude – du weckst lauten Jubel." "Die Jochstange auf deiner Schulter ist zerbrochen." Krieg und Zerstörung als Hintergrund der konkreten Weisung des Propheten, diese Worte zum Volk Israel zu sprechen. Für die Christen aber, für uns heute viel mehr als historisches Wissen um die damalige Zeit – heute vor mehr als 2700 Jahren. Für die Christen ein Sinnbild für das Leben allgemein. Hineingeworfen in einen Zusammenhang, den man selbst wenig bestimmen und beeinflussen kann. Ausgesetzt den Dingen des Lebens mit denen ein jeder von uns zu kämpfen hat: Neid und Intrige, Missgunst und Feindseligkeit, Lieblosigkeit und Missverständnis. Ja, man selber ist nicht davor gefeit, fehlzugehen. Wie oft haben wir doch die Menschen verletzt, denen wir in Liebe zugetan sind.

Nun aber die Worte des Propheten: "Tröstet mein Volk!" – zusammen mit der Ankündigung der Geburt eines Kindes, der Friede-Fürst sein wird, der Wunder-Rat sein kann, der als Gott-Held dem Vater ganz nahe ist und als Ewig-Vater sogar mit ihm eins wurde. Und die Christen begannen, diese Worte auf ihre eigene Situation hin zu lesen und zu verstehen, ja auf ihr eigenes Dasein hin zu glauben. Mit der Geburt Christi – so bekennen sie heute, wie an jedem Heiligen Abend, der seit seiner Geburt vergangen ist – mit der Geburt Christi haben wir einen Trost geschenkt bekommen, der tragen kann. Ein Geschenk ohne jede Bedingung, ohne jede Leistung, die zuvor erbracht werden müsste. Ein Geschenk, allein aus Liebe gegeben, weil der Schenker weiß, wie tief im Dunkeln doch der Beschenkte wohnt.

Haben Sie das schon mal gemacht, liebe Gemeinde: Leute beschenkt, von denen sie meinen, dass es diesen sehr viel schlechter geht als Ihnen selbst? Nicht anonym, sondern persönlich: von Angesicht zu Angesicht. Hingegangen und geholfen: mit Geld, mit Essen und Kleidung, mit Unterkunft und Verpflegung, mit Zeit fürs Zuhören und geduldigem Herzen. Wenn Sie solch eine Erfahrung bereits selbst gemacht haben, wie es sein kann auf der Schenker-Seite zu stehen, weil man sieht, dass man immer noch besser gestellt ist, als andere, dann können Sie etwas erfassen von dem großen Glück, das den Menschen mit der Geburt Jesu zuteil wird. Denn in ihm finden Trost diejenigen, die auf der Schattenseite des Leben gelandet sind. Gerechtigkeit und Ausgleich wird ihnen widerfahren, den Gedemütigten, den Betrogenen, den Vergewaltigten, den Ausgestoßenen. Und da gibt es übrigens keine Abstufung. Freilich ist dem einen im Leben schlechter mitgespielt worden, als dem anderen. Der eine ist mehr in ein Unrechtssystem verwoben, als der andere. Aber doch gilt diese Botschaft allen Menschen, die sehen können, dass sie alleine keine Macht besitzen – all denen, die Trost nötig haben. Wie kann das geschehen? Weil der Welt ein Kind geboren ist, auf dessen Schulter alle Herrschaft ruht. Nichts ist größer als dieses Kind. Nichts ist mächtiger als dieses Kind. Weder Tod noch Teufel, weder Schuld noch Versagen, weder Waffen noch Worte. Aus einer Krippe heraus kommt diese Veränderung der Welt, weil sie von Gott gewollt war als Hilfe für die Menschen, die doch Ebenbild Gottes sein sollten, aber es nicht sein konnten. Für uns also, liebe Gemeinde. Für jeden einzelnen von Ihnen. "Tröstet mein Volk!" rufen die Propheten in Gottes Namen. Nennt ihnen den Grund für diese Freude, die euch heute widerfahren ist: euch, liebe Gemeinde ist heute der Heiland geboren und ihr werdet ihn finden in einer Krippe in Windeln gewickelt.

Weihnachten, liebe Gemeinde, will Gott euch erinnern an sein großes Geschenk: den Tröster der Welt und den Tröster für jedes einzelne Leben. Gott lädt euch ein, sein Geschenk anzunehmen, es zu eurem zu machen und ihm zu antworten in eurem Leben.

Vielleicht, liebe Gemeinde, geht es Ihnen an Weihnachten, wie es mir seinerzeit ergangen ist. Vielleicht sind eure Herzen heute ein wenig weiter, ein wenig offener. Vielleicht seid ihr heute ein wenig bereit, die Barrieren des Verstandes zu durchlöchern, um diese Botschaft ganz persönlich für euch zu hören: "Tröstet, tröstet mein Volk! Du machst groß die Freude. Denn mir ist ein Kind geboren und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst."

Und der Friede Gottes, der dir ganz persönlich heute geschenkt werden will, bewahre dein Herz und deine Sinne in Christus Jesus.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen