Trauerfeier für Jesus, Beerdigungsansprache

[Anmerkung: Die Osternacht gestaltet sich als Gottesdienst zur Beisetzung Jesu mit „anderem“ Ende.]

Liebe Freunde des Verstorbenen, liebe Trauergemeinde.

Was ist da passiert in unserem Jerusalem? Und was ist da passiert in uns? Gut 30 Jahre war er alt, unser Freund, unser Lehrer und Vorbild Jesus. Was für ein junges Leben.

Und dann das! Zwischen die Verbrecher gehängt, an das Schandkreuz genagelt, er, der wirklich niemandem Böses wollte und niemandem Böses getan hat. Zum Hohn hängt der Pilatus noch das Schild darüber: INRI. Iesus, der Nazarener, der Judenkönig. Dornenkrone, auch das hat man sich nicht verkniffen. Wir alle sollten es sehen, was er, der Römer von uns hält. Nichts, Dreck sind wir für ihn, Spottfiguren.

Ihr merkt meine Wut. Und ich merke sie auch. Und dabei bin ich eigentlich nur traurig, unendlich traurig über dieses Ende. So wird’s euch auch gehen… und ich bin auch unendlich enttäuscht von unserem Gott, mein Glauben gerät ins Wanken. Das muss ich zugeben. Es ist mir, als wäre unser Gott nur eine Illusion, eine schöne Erfindung unseres Gehirns.

Jedes Leben hat ein Thema, nicht wahr. Jesus Thema war Gott, vom ersten Anbeginn an. Er tat seinen ersten Schrei in Bethlehem, in dieser Höhle, wegen der Volkszählung, wir erinnern uns nur allzu gut an diese Jahre des Herodes und Augustus. Arm kam er zur Welt, der erste einer großen Familie, Hirten brachten ihm ihre Ehrerbietung da, und Sterndeuter aus Mesopotamien kamen mit Geschenken, arm, aber ein Gotteskind. Ein Besonderer. Wir wussten das alles noch nicht. Nur du, Maria, seine Mutter, Du ahntest wohl, das Dein Erster, Dein Ältester nicht so ist wie Andere. Mit 12 setzte er sich schon im Tempel zu den Gelehrten und erklärte ihnen die Schrift. Mit 12! Und dann folgten Jahre unauffälligen Lebens in Nazareth, Zimmermann beim Vater gelernt, gearbeitet, und vielleicht hat er Dich schon in diesen Jahren kennen gelernt, Maria Magdalena. Aber er taugte nicht zum Familienvater. Sein Thema war Gott. Mit Johannes, der ja auch schon nicht mehr unter uns ist, ging er in die Wüste, ließ sich taufen unten im Jordangraben nicht weit von Jericho. Da wo unsere Vorfahren, wo Israel über den Jordan kam mit Josua als Anführer, da ging auch Jesus durch den Fluss und entdeckte sein gelobtes Land. Sein Gottesreich. Das war nicht von dieser Welt, aber es war überall da, wo er die Liebe fand. Da wo Herz über Macht, wo Barmherzigkeit über das, was man so tut, siegt, da war für ihn Gott. Er sagte fast nie Gott. Er sagte Vater. Manchmal, und das war vielen von uns peinlich, sogar Papa zum Hochgelobten.

Wir lernten ihn kennen oben in Galiläa am See, in Kapernaum und Umgebung. Fischer, Tagelöhner, kleine Bauern, aber auch Zöllner und Huren. Er war nicht wählerisch mit uns. Nein. Er war auf der Suche nach Menschen, die auch diesen Gott, diesen Papa herbeisehnten. Einen lieben Gott. Einen barmherzigen Gott. Einen heilenden Gott. Und er heilte viele von uns im Namen seines Gottes und unseres Gottes. Er gab uns damit Hoffnung, dass es besser werden kann auf dieser Erde, besser in Galiläa und sonst wo. Politik, Rom, all das interessierte ihn wenig. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, Gott was Gottes ist. Zahlt die Steuern, na und. Aber eure Seele gebt dem Vater, der die Sonne scheinen lässt über alles und der das Gras auf dem Felde, die Lilien schöner kleidet als König Salomon in aller Pracht je gewesen ist.

Er wollte keinen Umsturz, Petrus, sagte er Dir nicht, stecke Dein Schwert weg. Wer das Schwert zieht, kommt um durchs Schwert. So war es doch. Ja. Sein Thema war Gott. Und Gott brachte er auch zu den Heiden, da war er nicht zimperlich: da war er mutig, da ging er nach Gerasa und heilte einen Besessenen. Da ging er zu einem römischen Hauptmann und machte dessen Sklaven gesund. Wir haben ihn nicht immer verstanden, manchmal ging es uns zu weit mit ihm, aber das Thema war da: Gott. Und Gott ist Barmherzigkeit. So habe ich das verstanden.

Das hätte da in Galiläa sicher noch unbehelligt und jahrelang so weiter gehen können mit ihm und uns. Wir waren viele, er war zum Teil richtig populär. Man bewirtete uns, man nahm uns auf, wir waren gern gesehen in den Dörfern rund um den See.

Bloß: Jerusalem, da ist der Tempel. Da schlägt das Herz unseres Landes und unserer Religion. Da wollten wir hin. Da Gott, die Liebe, das Heil bis hinein in den Tempel bringen. Gottes Reich. Nicht von dieser Welt, aber doch in dieser Welt. In Gottes eigener Stadt, im Hause Davids, da wollte er und wollten wir unsere Weise, Gott zu sehen hinein bringen. Vom Berg Zion sollte das Heil die Berge hinab fließen. Das Heil der Barmherzigkeit. Unterwegs wurde so mancher Pharisäer überzeugt, so mancher Blinde sehend, so manchem Tauben öffneten sich die Ohren. Es schien gut zu laufen. War Gott mit uns? War es wirklich, wie du Petrus sagtest, der Messias, der mit uns ging. Papa und Sohn?

Auf dem Esel in die Stadt, und sie jubelten. Aber waren wir nicht auch gefährlich? Begreift Pilatus, dass es uns um Barmherzigkeit geht und nicht um Macht und Umsturz? Begreifen es die reichen Tempelpriester, dass wir ihnen nichts nehmen, sondern geben wollen? Ist Jerusalem reif für diesen Messias aus Galiläa? Ist Gott mit uns?

Ihr kennt das Ende. Das Ergebnis. Kreuz. Hohn, Spott, Dornenkrone. Warum hast du mich verlassen? Das hat er geschrien am Ende. Und nur Du Maria, Du Johannes und Du Magdalena, ihr wart da, wir anderen waren zu feige, bei ihm zu bleiben. Und zu enttäuscht. Sein Thema war Gott, aber wo war Gott nun? Wo war nun Liebe? Nun- Barmherzigkeit-, wo warst du, Hochgelobter?

Macht war da. Schwert. Verrat. Und alle niederen Instinkte. Ha, bist du Gottes Sohn, steige herab, haben sie gespottet. Und vor ihm ausgespuckt.

Und dann kamst Du, ein bisschen Liebe war doch da. Du, Josef aus Arimathäa, du nahmst ihn ab vom kreuz und bahrtest ihn auf. Und stellst uns nun dein Grab zur Verfügung, damit wir ihn bestatten können. Hier mitten in der Nacht, heimlich.

Sein Thema war Gott. Ist das alles gerecht? Ist Gott gerecht? Ist Gott überhaupt da? Ich stelle Fragen. Aber ich weiß keine Antwort. Ich bin nur traurig, verwirrt, und so geht’s euch wohl auch. Es ist vorbei. Amen

[Danach: Lied 602, Beisetzung Jesu in Form der 2012er Osterkerze in der Ehrenhalle der Stadtkirche

Stille…eine Kirchenvorsteherin kommt aus der Ehrenhalle und frag: Wo ist er? Sein Grab ist leer…]

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