Totgesagte leben länger

Liebe Mitmenschen!

Meine eigene Predigt an diesem Heiligabend ist ziemlich kurz. Sie ist entstanden, indem ich zwischen zwei ganz verschiedenen Texten hin- und hergegangen bin: der eine Text ist selber so etwas wie eine Predigt, abgedruckt im Johannesevangelium; der andere Text ist ein Weihnachtserlebnis eines etwa 12jährigen Jungen, erzählt von der Jugendbuchschriftstellerin Kirsten Boie. Ich könnte Ihnen natürlich nur meine kurze Predigt vortragen. Aber damit Sie nachvollziehen können, woher meine Gedanken stammen, werde ich Ihnen auch die beiden Texte vorstellen … und dazwischen meine (drei) Predigtgedanken.

[TEXT]

Weihnachten ist ein Fest, das das Gute in der Welt vermehrt – weil es den Wunsch weckt, ein guter Mensch zu werden – oder diesen Wunsch bestätigt und bestärkt.

Gott hat zu Weihnachten einen Weg gefunden, auch dem nicht so guten Menschen nahe zu sein, ohne sich zum Komplizen von Lügen oder bösen Taten zu machen. Deshalb dürfen wir uns auch im Irrgarten/Labyrinth unserer moralischen Bemühungen und Verfehlungen an Gott wenden und darauf hoffen, dass wir einen Ausweg finden und nicht verloren gehen – wegen Weihnachten.

In Weihnachten ist Ostern versteckt. Mitten in der feierlich-besinnlichen (oder auch wehmütigen) Weihnachtsstimmung kann eine überschießende Hoffnung auf Leben durchbrechen. Eine ausgelassene, närrisch-verrückte Lebenshoffnung, die über Todesgedanken triumphiert. Im Namen von einem, der nicht nur totgesagt, sondern schon wirklich tot gewesen ist, hoffen Christen auf ewiges Leben. Wer’s glaubt, der hat es.

"Zu Weihnachten muss man ein guter Mensch sein. Das weiß ich auch. Weil Gott da seinen eingeborenen Sohn auf die Welt geschickt hat. Da müssen wir uns freuen. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was „eingeboren“ bedeuten soll. (…)Jedenfalls war es nett von Gott, dass er seinen Sohn geschickt hat und hat ihn in diese niedliche kleine Krippe gelegt. (…) Und darum sind wir jetzt auch alle dankbar und versuchen, gute Menschen zu sein. (…)

Ich hab mir also auch wirklich große Mühe gegeben, und bis zum 4. Advent habe ich es auch geschafft. Ich bin ein guter Mensch gewesen und hab meine Hausaufgaben gemacht und am Vormittag von 2. Advent sogar mein Zimmer aufgeräumt. (…) Aber leider ist es dann doch wieder schief gegangen. Ich weiß nicht, wie es gekommen ist. Vielleicht war auch Mama dran schuld, weil sie am Sonntag nach dem Kaffeetrinken gesagt hat, nun solle ich aber noch was Schönes für Omi basteln. Und sie hat mir zwei Lederstücke gegeben, da waren ringsrum Löcher reingepiekst. Die sollte ich zusammennähen, und dann konnte Omi da irgendetwas reintun. (…) Da hab ich also genäht und genäht, und im Fernsehen war Startreck zu Ende, und ich hab überhaupt nichts davon mitgekriegt. Da bin ich ein bisschen böse gewesen – auf Mama und auf Omi auch. Und vielleicht ist sie mir deshalb am Montag in der Schule eingefallen. (…)

Am Montagmorgen in der Pause haben wir Fußball gespielt, und ich war im Mittelfeld. (…) Und da ist es dann eben passiert. Eigentore mag ja keiner gerne. Aber am schlimmsten war, dass sie mich danach alle angebrüllt haben(…). Und die ganze Zeit hat vom Rand her Thekla zugeguckt. Auf die wollte ich eigentlich beim Nachhausegehen warten. Und Thekla hat gelacht. Da hab ich weinen müssen. (…)als wir wieder in die Klasse gekommen sind, hat mich Frau Mehbold an der Schulter festgehalten. „Christopher“, hat sie gesagt. (…) „Was ist denn los mit dir, Christopher?“ Da hat André gesagt, dass ich ein Eigentor geschossen habe. (…) Und Thekla hat mich die ganze Zeit angeguckt. Da habe ich gewusst, dass es so nicht geht. Und (…) ich hab gesagt, dass es gar nicht wegen dem Fußball ist, sondern weil meine Oma in der letzten Nacht gestorben ist. (…) Da hat mir Frau Mehbold den Arm um die Schulter gelegt. Und Thekla hat mir ihr Taschentuch gegeben. Und die andern waren plötzlich alle ganz still. (…) Aber am besten war, dass hinterher Thekla mit mir nach Hause gegangen ist (…). Und sie hat auch ganz lieb geguckt.

Nur dass wir dann vor unserer Haustür Frau Karg-Wegener getroffen haben, die gerade den Mülleimer rausgebracht hat, war nicht so gut. „Oh, hallo!“, hat Frau Karg-Wegener gesagt und so verschwörerisch geguckt. Da hab ich schon verstanden, dass Thekla nicht wollte, dass sie denkt, wir sind ein Liebespaar, und dass sie ihr erzählt hat, meine Oma ist tot. „Nein, das ist ja furchtbar“, hat Frau Karg-Wegener gesagt und gleich ihren Mülleimer auf den Boden gestellt. „Doch nicht die Oma, die euch immer besuchen kommt? Doch nicht die Oma, die Weihnachten auch kommen wollte?“ Ich hab genickt und auf den Boden geguckt. An meinem Gesicht hätte sie sonst vielleicht was gemerkt. „Dann richte deiner Mutter mein herzliches Beileid aus“, hat Frau Karg-Wegener gesagt(…). Ich hab gesagt, dass (…) ich Mama alles ausrichte. Ganz sicher hab ich mich aber trotzdem nicht gefühlt.

Und dann hat eine furchtbare Zeit angefangen. Das Zweitfurchtbarste war, dass ich wusste, ich hatte es nicht besser verdient, und das Furchtbarste, dass ich so ungeheuer aufpassen musste. (…)

Und dann ist mir eingefallen, dass das richtig Gefährliche ja erst kam, wenn Oma bei uns war und Frau Karg-Wegener sie entdeckte. (…) Und ich hab zu Gott gebetet, dass er mir doch bitte helfen soll, weil schließlich Weihnachten ist. Und dass Omi sich vielleicht noch erkältet oder den Fuß verstaucht und zu Hause bleibt. Aber es muss eine ganz leichte Verstauchung sein. Oder dass sie bei uns wenigstens Frau Karg-Wegener nicht trifft. Aber das hätte ich mir natürlich gleich denken können, dass Gott bei solchen Sachen kein Komplize sein will. Dann macht er sich ja seinen ganzen schönen Ruf kaputt.

Und darum ist Omi also doch gekommen, und Frau Karg-Wegener getroffen hat sie auch. Sogar am Heiligabend. Wir waren auf dem Weg in die Kirche, und Mama war noch nicht ganz fertig mit ihrem Make-Up. Darum sind Omi und ich schon vorausgegangen, Plätze reservieren. Und da haben wir sie dann getroffen. (…) „Oh Frau -“ hat sie zu Omi gesagt und ganz erschrocken ausgesehen. „Nein das ist aber ein Schreck“. Dann hat sie sich erholt und hat mich so giftig angeguckt und sie hat gesagt: „Eine Freude ist das, eine Freude!“ Ihr Blick war immer noch voller Gift und Galle. Das hat mich aber nicht weiter gestört. (…) Nur dass Omi mich dann natürlich gefragt hat, wieso diese Dame sich so ungewöhnlich aufgeführt hat … das war mir nicht so recht. Aber wir hatten ja den ganzen Weg bis zur Kirche dafür Zeit, und zum Glück war ja auch Mama nicht da. Da hab ich es Omi eben erzählt.

Als ich mit dem Erzählen fertig war, waren wir gerade bei der Kirche angekommen. Aber wir konnten leider nicht rein, so doll musste Omi lachen. Sie hat sich an die Mauer neben den Eingang gelehnt und gelacht und gelacht, dass ihr zuletzt die Tränen übers Gesicht geströmt sind. (…) „Christopher“, hat sie gesagt und sich mit einem Spitzentuch die Augen getupft. „Du bist wunderbar!“ Und als sie sich neben mir durch den Eingang in die Kirche gedrängelt hat, hat sie gesagt, dass sie sich aber nun ganz herzlich bei mir bedanken muss – weil Totgesagte länger leben, und wer weiß wie viele Jahre ich ihrem Leben also hinzugefügt habe. Da habe ich erst begriffen, dass es dieses Sprichwort gibt und (…) ich hab begriffen, dass ich nun also doch was Gutes getan hatte und ein guter Mensch geworden war, wie man es zur Weihnachtszeit soll. Und als Mama sich zu uns in die Bank gequetscht hat, hab ich mich richtig glücklich gefühlt. Nur dass Omi während der ganzen Weihnachtspredigt immer so doll lachen musste, dass alle Leute ganz komisch zu uns hingeguckt haben, sogar der Pastor, war mir ein bisschen unangenehm. Aber ich hab gewusst, dass Gott nun doch meine Gebete erhört und alles in Ordnung gebracht hatte, nur eben anders. Und ich hab gedacht, dass er ein komischer Mann ist, und hab ihm ein Dankgebet geschickt. (…)"*

*<i> Nach Kirsten Boie, Die Omalüge; Fundort: CD „Warten auf Weihnachten, 24 Geschichten bis zum Heiligabend“, Igel Records Dortmund 2003; auch als Buch im Verlag Friedrich Oetinger erschienen.</i>

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