Tief ist der Brunnen der Vergangenheit (Röm 1,16)

Röm 1,16
[16] Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben.

Liebe Frau N.N., liebe Kinder und Enkelkinder unseres Verstorbenen, werte Trauergemeinde!

In seinem groß angelegten epischen Werk Joseph und seine Brüder hat Thomas Mann ganz zu Beginn in einer Art Prolog folgende Sätze aufgeschrieben: „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen? Dies nämlich dann sogar und vielleicht eben dann, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Frage steht: dies Rätselwesen, das unser eigenes natürlich-lusthaftes und übernatürlich-elendes Dasein in sich schließt und dessen Geheimnis sehr begreiflicherweise das A und O all unseres Redens und Fragens bildet, allem Reden Bedrängtheit und Feuer, allem Fragen seine Inständigkeit verleiht.“

Seltsam, nicht wahr liebe Trauergemeinde, auf einmal war dieser Abschnitt da, als ich nach dem Trauergespräch abends nach Hause fuhr. Es ist wohl so, dass die Vergangenheit der Menschheit und erst recht die Vergangenheit eines jeden Menschen wie ein tiefer Brunnen anmuten mag. 95 Jahre hat N.N. gelebt, ein langes, ein außergewöhnlich interessantes und vielschichtiges Leben hat er gehabt. Und in dieser Zeit hat er seinen Platz in den verschiedenen Stationen seines Lebens gehabt. Und jetzt – wir sehen seinen Sarg hier stehen – jetzt ist sein Platz nicht mehr hier, nicht mehr in dieser Zeit und dieser Welt, all das ist von einem Augenblick auf den anderen Vergangenheit geworden.

N.N.´s Platz ist jetzt bei Gott, aber gleichzeitig doch auch bei Ihnen, liebe N.N. und bei seinen Kindern, denn die Erinnerung, die in Liebe gepflegt wird, hat eine lange Halbwertzeit.

Es ist außerordentlich bedauerlich, dass ich N.N. nicht mehr kennen lernen konnte. Das ist Schade, sehr Schade.

Er wurde am … geboren. Nach der Schulzeit, die mit dem Abitur endete, begann er ein Jurastudium. Dieses Studium erfuhr eine Unterbrechung, weil N.N. Kriegsteilnehmer wurde. Ich ahne aus der Ferne, dass gerade diese Zeit, in der er sich u.a. in Frankreich und in Russland aufhielt, ihn sicherlich vom Wesen sehr geprägt hat und ich denke mal, dass er von alledem, was er mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört hat, nur einen Bruchteil preisgegeben hat. Es liegt im Wesen des Menschen, dass er auch immer etwas mit sich selber abmachen will oder auch muss und das sage ich jetzt in einer allgemeingültigen Form. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges – N.N. war maßlos enttäuscht, dass alles so ausgegangen war – konnte er nicht zurück nach …, sondern blieb im westlichen Teil des zerstörten Landes.
Vom Zufall, liebe Angehörigen, gilt, dass es ihn nicht gibt und deswegen ist ja auch alles, was wir erleben, Bestimmung. Auch wenn diese Aussage abenteuerlich anmutet, je älter ich selber werde und je mehr ich über mein eigenes Leben nachdenke, umso mehr erkenne ich die Richtigkeit dieser Aussage – für mich. Gilt dieser Satz nicht auch für N.N.? Es ist kein Zufall, dass Sie beide sich kennen- und lieben lernen durften und, da werden Sie mir Recht geben: manchmal muss man auch beim Glück ein wenig nachhelfen. Dafür hat Gott uns Phantasie gegeben, damit er nicht alles alleine machen muss, sondern wir auch eigene Anteile bilden und formulieren können. … haben Sie geheiratet, zwei Jahre später waren Sie nicht mehr alleine: Ihr Sohn Volker wurde geboren. Eine kleine Familie waren so fortan und Sie haben zusammen Höhen und Tiefen erlebt und Sie haben zusammen gehalten, das ist denn doch das wichtigste. N.N. war Volljurist beim Bundeswehrverwaltungsamt und dies war er mit Leib und Seele. Dabei hat er lange Zeit Strapazen auf sich genommen um zur Dienststelle zu kommen und von dort aus wieder nach Hause. … wurde Ortrud geboren und neun Jahre später bezogen Sie das Haus in … . Endlich ein Zuhause und das auf Dauer dieses Lebens. Das ist viel wert und N.N. hat das zu schätzen gewusst. Haus und Garten, das waren für ihn immer wieder Orte der Ruhe und der Zufriedenheit. N.N. war ein vielseitig interessierter Mensch: Er hat sich selber das Klavierspielen beigebracht und das ist, wenn ich mir klar mache, dass ich nicht einmal eine einzige Note lesen kann, eine großartige Leistung. Er hat gerne und viel gelesen, vor allen Dingen Bücher über den alten Fritz und über Politik im weiteren Sinne. Und wenn ich das richtig verstanden habe, dann hat er sehr gerne diskutiert und mit seiner Meinung nicht hinterm Berge gehalten. Bei ihm hat manch einer das Streiten gelernt und das ist eine Menge wert. Gerne ist er einkaufen gegangen und hatte wohl Sinn für das Familiäre und hat sich gut und gerne gekümmert. Als er im November letzten Jahres mit dem Fahrrad stürzte, zog er sich einen Hüftknochengelenkbruch zu. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich mit der Zeit und Sie alle, seine Angehörigen, mussten mit ansehen, wie er immer kraftloser wurde. Ein langes Leben ging zu Ende, als N.N. am … das Zeitliche segnete.

Und wenn wir alle nachher diesem Sarg folgen, dann tun Sie das bitte in Dankbarkeit und Würde. Ich denke, dass die Trauer darin einen angemessenen Ausdruck findet:
Sie, liebe … und Sie, lieber … in dem Bewusstsein, dass man nur einen Vater hat und dieser Ihr Vater Sie beide so gut ins Leben geschickt hat, wie er es vermochte. Ihr, die Enkelkinder: Nehmt Abschied von Eurem Opa und seid Euch darüber im Klaren, dass ihr einen liebenswerten Opa hattet, wie´s besser keinen anderen für Euch gab. Und auch Sie, liebe N.N., für Sie ist das ein besonders schwerer Gang, denn wenn man das Liebste beerdigen muss, dann ist es so, als wenn man von sich selber etwas preisgibt. Behalten Sie Ihrem Mann doch bitte ein gutes Andenken.

Liebe Trauergemeinde, was ist eigentlich das Leben? In der Bibel heißt es, dass es 70 Jahre andauert und wenn es hoch kommt, dann sind es 80 Jahre und wenn es gut war, dann war es Mühe und Arbeit gewesen. N.N. hat diese achtzig Jahre weit überschritten. Was ist das Leben? Zu dieser Frage lese ich Ihnen eine Geschichte vor, die sich mit dieser Frage beschäftigt. Wenn Sie mögen, dann dürften Sie die Augen schließen und einfach nur zuhören.

An einem schönen Sommertage war um die Mittagszeit eine Stille im Wald eingetreten. Die Vögel steckten ihre Köpfe unter die Flügel. Alles ruhte.

Da steckte der Buchfink sein Köpfchen hervor und fragte: „Was ist das Leben?“ Alle waren betroffen über diese schwere Frage. Eine Rose entfaltete gerade ihre Knospe und schob behutsam ein Blatt ums andere heraus. Sie sprach: „Das Leben ist eine Entwicklung“.

Weniger tief veranlagt war der Schmetterling. Lustig flog er von einer Blume zur anderen, naschte da und dort und sagte: „Das Leben ist lauter Freude und Sonnenschein.“

Drunten am Boden schleppte sich eine Ameise mit einem Strohhalm ab, zehnmal länger als sie selbst, und sagte:“ Das Leben ist nichts als Mühe und Arbeit.“

Geschäftig kam eine Biene von einer honighaltenden Blume zurück und meinte dazu: „Das Leben ist ein Wechsel von Arbeit und Vergnügen.“

Wo so weise Reden geführt wurden, steckte der Maulwurf seinen Kopf aus der Erde und sagte: „Das Leben ist ein Kampf im Dunkel“.

Die Elster, die nur vom Spott der anderen lebt, sagte: „Was ihr für weise Reden führt! Man sollte meinen, was ihr für gescheite Leute seid!“

Es hätte nun einen großen Streit gegeben, wenn nicht ein feiner Regen eingesetzt hätte, der sagte: „Das Leben besteht aus Tränen, nichts als Tränen!“

Dann zog er weiter zum Meer. Dort brandeten die Wogen und warfen sich mit aller Gewalt gegen die Felsen, kletterten daran in die Höhe und warfen sich dann wieder mit gebrochener Kraft ins Meer zurück und stöhnten: „Das Leben ist ein stets vergebliches Ringen nach Freiheit.“

Hoch über ihnen zog majestätisch ein Adler seine Kreise, der frohlockte: „Das Leben ist ein Streben nach oben“.

Nicht weit davon stand eine Weide, die hatte der Sturm schon zur Seite geneigt. Sie sprach: „Das Leben ist ein Sich-Neigen unter eine höhere Macht.“

Dann kam die Nacht. —

In lautlosem Flug glitt ein Uhu durch das Geäst des Waldes und krächzte: „Das Leben heißt, die Gelegenheit nutzen, wenn die anderen schlafen.“

Schließlich wurde es still im Wald.

Nach einer Weile ging ein Mann durch die menschenleeren Strassen nach Hause. Er kam von einer Lustbarkeit und sagte vor sich hin: „Das Leben ist ein ständiges Suchen nach Glück und eine Kette von Enttäuschungen.“

Auf einmal flammte die Morgenröte in ihrer vollen Pracht auf und sprach: „Wie ich, die Morgenröte, der Beginn des kommenden Tages bin, so ist das Leben der Anbruch der Ewigkeit.“

Liebe Trauergemeinde, ob unser Verstorbener diesen Text gemocht hätte? Ich weiß es nicht, was ich aber weiß und sagen will, ist, dass gerade dieser eben gehörte Satz ihm gilt: Das Leben ist der Anbruch der Ewigkeit. Gott selber war mit N.N. unterwegs auf dem Lebensweg, der immerhin 95 Jahre dauerte. Er war ein Mensch – so haben Sie ihn mir geschildert – mit Ecken und Kanten und sicherlich mit seinen eigenen Widersprüchlichkeiten. Und er war jemand, der seinen Glauben an Gott als seinem Herrn hatte und so mag das Wort aus dem Römerbrief gelten:

[TEXT]

Die Seligkeit, man könnte auch sagen: einen Platz in der Nähe Gottes, wo es keinen Kummer, keine Schmerzen, sondern nur das Gefühl gibt, dass da lautet: Ich bin für immer zu Hause, das wird N.N. jetzt erleben. Und weil das so ist, deswegen können wir unseren Verstorbenen loslassen.

Liebe Trauergemeinde, liebe Angehörigen, lassen Sie uns beseelt sein von dieser Hoffnung, dass er bei Gott in guten Händen ist.

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