Stallgeruch

Liebe Gemeinde,

Wie erzählt die Weihnachtsgeschichte? Gott ist als Kind in einem Stall geboren worden.

In einer Umfrage wurde u.a. die Frage gestellt: angenommen, Sie wären vorherbestimmt worden, wie Jesus die Welt zu erlösen, wo hätten Sie geboren werden wollen? Interessante Antworten wurden da gegeben: im Weissen Haus, im UNO-Gebäude, im Vatikan, in einer Grossbank. Keiner der Befragten kam auf die Idee zu antworten: im Frauenhaus, in einer Notunterkunft für Flüchtlinge, im Karl-Wagner-Haus.

Und doch ist Gott gerade dort geboren! Keiner hätte die Notunterkunft gewählt. Keiner ausser Gott selbst! Wenn wir das begreifen könnten, diese Wahl Gottes, im Stall geboren zu werden,

dann hätten wir das Wesentliche für unser Leben begriffen, behaupte ich.

Eine Freundin von mir hat sich dieses Jahr wieder nicht auf Weihnachten gefreut. Am Hl. Abend, sagte sie, wäre sie am liebsten allein mit ihren Kindern. Aber das würden die Schwiegereltern nicht tolerieren, weil die so an den Kindern hängen. Am ersten Feiertag sollte sie bei ihren eigenen Eltern sein, aber da ist sie nicht gern wegen der schwierigen Verhältnisse.

Weihnachten – da brechen wie nie sonst im Jahr die Sehnsüchte auf. Glück, Harmonie, Familienzusammenhalt – das wollen wir alle erleben. Und gerade an Weihnachten gelingt es nicht.

Gott ist eben im Stall geboren. Jedes Weihnachtsfest hat Stallgeruch und muss eine erbärmliche Seite haben. Die erbärmliche Seite gehört zum Wesen von Weihnachten. Der Psychologe Carl Gustav Jung schreibt: Gott kann auch in uns nur geboren werden, wenn wir ihm als Unterkunft „den Stall in uns“ anbieten. Und der Stall ist eben der Raum, der nicht geheizt und bequem mit Teppichen ausgelegt ist, in dem Staub und Exkremente nicht sofort entsorgt werden, der nicht ausgeleuchtet und präsentierfähig ist. Es ist der Stall unseres Alltags, unserer Streitigkeiten und Missverständnisse, der Stall unserer ungelösten Probleme und unserer belasteten Biographie. Die sind an Weihnachten eben besonders angestrahlt, vom Glanz einer besonderen Sehnsucht – Lichtglanz von Engeln.

Jedes Weihnachten vereint Lichterglanz und Festesfreude mit Traurigkeit, Enttäuschung, Wehmut, Verzweiflung. Deshalb empfinden die allermeisten Menschen wohl Weihnachten als ambivalent, als widersprüchlich und die Jungen oft als verlogen. Und das ist richtig so.

Und was nützt uns nun die Geburt im Stall? Gott will Leben schaffen. Das wissen wir aus den Anfangskapiteln der Bibel. Gott erschafft alles Leben. Aber im Leben seiner Geschöpfe, der Menschen, entwickelt sich auch das Böse. Menschen handeln im Widerspruch zu Gottes Schöpfung und es heisst dann später, Gott habe das unerträglich gefunden und die Sintflut geschickt.

Und noch später heisst es, Gott habe ein für allemal beschlossen, das Böse nicht mehr mit der totalen Vernichtung zu bestrafen. Gott hat einen völlig anderen Weg gewählt: selber hineingeboren werden ins Böse und daraus neues Leben möglich machen. Das heisst, auch in unserem inneren „Stall“, in unserem persönlichen Saustall, dem inneren Chaos, dem Unaufgeräumten in uns, dem Ungelösten, Frustrierten, Sehnsuchtsvollen kommt ein Kind zur Welt. Kommt auf einmal eine neue Entwicklung in Gang. Kommt eine Verwandlung unseres Weltbilds und unseres Charakters in Gang.

Es sind die Leiden und Schwierigkeiten, die unsere Reifung hervorbringen und nicht das Glück. Das ist zwar schwer zu begreifen und schlecht zu akzeptieren. Aber es ist eine Erfahrungstatsache. Im Stall schwieriger Beziehungen entsteht die Fähigkeit, echt zu vergeben. Im Stall enttäuschter Hoffnung wächst Zuversicht in den heutigen Tag. Erst wenn wir unten sind, begreifen wir andere, und können ihnen die Hand geben.

Das Neue, die echte Gemeinschaft entsteht im Stall, im Alltäglichen, im Gewöhnlichen. Deshalb gehen wir nicht mit ausgewählten Freunden zum Abendmahl, sondern mit allen, die da sind, ob wir sie nun nett finden oder nicht. Jede, jeder von uns hat den vor anderen und womöglich auch vor sich selbst verborgenen Stall, wo Armut und Defizit herrschen.

Weihnachten ist das Angebot, im düsteren oder dämmrigen Stall ein Licht anzuzünden. Stellen wir Gott unseren ganz gewöhnlichen Alltag zur Verfügung, so wird er genau darin geboren werden. Es wird nicht jede Sehnsucht erfüllt und schon gar nicht alle Jahre wieder. Manche Sehnsucht wird überhaupt erst geweckt und schmerzt. Der Stall ist jedenfalls das Gegenteil von Idylle und Heimeligkeit. Der Stall ist das Bild für eine kurzfristige Unterkunft auf der Durchreise. Man möchte da eigentlich nicht sesshaft werden. Wir bleiben auch nicht im Stall gefangen. Mit dem Jesuskind werden wir vom Stall über das Kreuz in die Auferstehung wandern, wo alle Bruchstücke endlich zu etwas Vollkommenen gefügt werden.

Ich wünsche uns allen, dass Gott in unserem Stall geboren wird.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen