Spieglein. Spieglein an der Wand (Hebr 12,2)

Hebr 12,2
[2] Lasset uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.

Liebe Konfirmandinnen! Liebe Konfirmanden! Liebe Gemeinde!

Bei der Überlegung, was gebe ich Euch heute mit auf dem Weg, fiel mir das Wort ein: „Spieglein, Spieglein an der Wand“. Nun mag manch einer von Euch denken, Märchen sind nur für Kinder, doch nicht für uns Jugendliche, die wir heute endlich die Kinderstube hinter uns lassen wollen. Wir wollen als Heranwachsende ernst genommen werden. Aber bitte nicht mit Märchen abgespeist werden!

Dennoch bitte ich um Eure Bereitschaft sich darauf einzulassen; denn Märchen wurden einst Erwachsenen erzählt, weil sie wie ein Spiegel sind. Und in dem Märchen von Schneewittchen besitzt deren Stiefmutter einen besonderen Spiegel. Sooft sie sich vor ihm stellte, beantwortete er ihr die Frage: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land!“ mit. „Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.“ Da war sie zufrieden; denn sie wusste, dass der Spiegel die Wahrheit sagte.

Auch ich habe heute hier vor dem Altar einen Spiegel gestellt. Er kann zwar nicht sprechen, doch jede und jeder von Euch kann sich darin spiegeln, sich im heutigen Outlook nochmals bestätigen lassen: „Ich bin die/der Schönste im ganzen Land!“ (an dieser Stelle alle Jugendlichen vor den Spiegel treten und einen Augenblick verweilen lassen)

Wenn es die Zeit erlauben würde, müssten nun auch die Eltern nach vorn zum Spiegel kommen. Sind Sie doch stolz nach all den Strapazen der letzten Tage, Wochen und Monaten der Vorbereitung endlich diesen Tag im Leben ihrer Kinder erreicht zu haben: „Seht, soweit haben wir es gebracht!“ Auch das ist ein Spiegel. Der Spiegel des Erfolgs.

Ja, auch die Paten freuen sich, dass die einst so Kleinen nun richtig groß geworden, nun einen großen Schritt ins Leben der Gemeinde tun. Auch das ist ein Spiegel. Der Spiegel der Zufriedenheit.

Die Jugendlichen selbst sind stolz, es endlich geschafft zu haben. Sie lassen sich feiern und zählen die Euros im 10er Schritt als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. So messen sie, welchen Wert sie genießen. Auch das ist ein Spiegel. Der Spiegel der Leistung. Aber sagt er auch die Wahrheit?

Ein Spiegel gibt nur wieder, was wir ihm zeigen. Wir erkennen uns wieder, wie wir uns im Augenblick ansehen und fühlen. Aber er führt nicht weiter. Er reflektiert nur uns selbst. Denn ein Spiegel deckt nur auf, was in uns steckt. In dem Märchen heißt es weiter: Als Schneewittchen sieben Jahre alt war, da antwortete ihr der Spiegel: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“ Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid. Von Stund an, wenn sie Schneewittchen erblickte, kehrte sich ihr Herz im Leibe herum, so hasste sie das Mädchen.

Was die Folge dieses Hasses war, ist einer jeden/ einem jeden wohl bekannt. Hass bringt in diesem Fall Mordgedanken hervor, lässt selbst dann keine Ruhe, als sie zwar nicht getötet, aber in weitere Ferne – hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen – lebt. Hass schmiedet immer wieder neue Mordpläne. Doch nach vergeblichen Versuchen mit Schnürriemen und Kamm gelingt das Vorhaben mit einem vergifteten Apfel, der allerdings im Hals stecken bleibt. Erst dann hat ihr neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe haben kann. So heißt es im Märchen. Doch damit ist das Märchen nicht aus. Die Zwerge bestatten Schneewittchen in einem gläsernen Sarg. So können sie ihre Freundin anscheuen und beweinen. Und mitten in ihrer Trauer tritt eine unverhoffte Wende ein. In diesem Fall ein junger Königssohn, der von der Toten so angerührt ist und den Sarg des Schneewittchens mitnimmt. Unterwegs straucheln seine Diener, die ihn tragen, so dass das Apfelstück aus ihrem Hals fällt. Schneewittchen erwacht zum Leben. Der Hochzeit steht nichts mehr im Wege. Die Königin findet ihre Strafe.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, es wäre zu wenig und zu kurz gedacht, wenn Euer heutiges Fest ein Fest der Selbstbespiegelung bliebe. Ein Fest, an dem es nur um den Beweis geht, was wir uns leisten, was wir unseren Gästen zu bieten haben, Wenn am Ende nur die Überlegung steht: finanziell hat es sich gelohnt. Der Mofa-Führerschein kann bezahlt werden, vielleicht sogar eine erste Rate für die Anzahlung.

Konfirmation ist mehr als nur eine Selbstbespiegelung. Das möchte ich Euch an diesem Spiegel am Altar verdeutlichen. So wie im Märchen die Wende eintritt, möchte auch dieser Tag eine Wende zum Leben sein. Sie ist nicht machbar, sie ist nicht käuflich, sie ist ein Geschenk. Ich möchte Euch heute nochmals dafür die Augen öffnen so wie ich es in der Unterrichtszeit immer wieder getan habe: Unser Leben aus der Perspektive des christlichen Glaubens sehen zu lernen. Dazu knipse ich jetzt eine Lampe an. (Hinter dem Spiegel steht ein Kreuz, das durch das Anknipsen einer starken Lampe im Spiegel sichtbar wird – Konfis fragen, was sie sehen, damit die Gemeinde wenigstens hört, worum es geht)

Konfirmation ist daher das Fest der Befreiung. Wir müssen nicht immer zu auf uns selbst sehen, sondern wir sind dazu berufen auf Jesus zu sehen. So sagt es der Hebräerbrief recht einprägsam: „Lasset uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens“ (Hebräer 12,2)

In Jesus habt Ihr einen Freund, der Euch kennt und versteht, der mit Euch geht, Euch begleitet, der Eure Lebensfreude teilt und Euren Lebensschmerz mitfühlt. In Jesus habt Ihr einen Freund, der Euren Blick weitet, nicht nur immer um sich zu kreisen, in sich verliebt zu sein, sondern teilzunehmen an der großen weiten Welt.

Die Aktion „Anvertraute Gaben“ wollte Euch herausholen aus der Welt der Selbstbespieglung, wollte Euch ermutigen, andere wahrzunehmen, für sie sich einzusetzen. Die Moral der Geschichte liegt nicht darin, dass nur der Tüchtige weiter kommt. Die Moral der Geschichte liegt vielmehr in der Frage, bin ich bereit, meine mir gegebenen fünf Sinne einzusetzen. Das lobt Jesus. Denn er erwartet von uns keine über unsere Kräfte gehende Wunder, sondern nur, dass wir handeln. Wer im Spiegelbild seiner Angst verhaftet bleibt, wer sich einredet oder einreden lässt. „Das kann ich nicht. Ich bin zu jung! zu klein! zu untalentiert!“, der vergräbt nicht nur die anvertrauten Gaben, sondern sich auch selbst. Darum sagt Jesus zu dem, der nicht gehandelt hat: „Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.“ (Matthäus 25,27)

In Jesus habt Ihr einen Freund, der verlässlich ist, der sein Wort hält. Das wird zeichenhaft deutlich, wenn ich gleich einer jeden und einem jeden von Euch den Konfirmationsspruch zu spreche, Darauf dürft Ihr Euch verlassen – ein Leben lang.

In Jesus habt Ihr einen Freund, der unser Leben kennt, der um unsere guten und schlechten Seiten weiß. Er weiß, dass wir immer wieder Zuspruch und Korrektur nötig haben. Darum ruft er uns in die Gemeinschaft seiner Kirche; an den Tisch, wo die Gaben seiner Liebe stehen: Brot und Wein. In Jesus habt Ihr einen Freund, der nicht aufhört für uns einzutreten. Auch wenn wir ihn aus den Augen verlieren, weil wir uns nicht in ihm, sondern in uns selbst spiegeln, bleibt seine Zusage an eine jede und an einen jeden von uns: „Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. (Lukas 122,32)

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen