Sonntag – Tag der Freiheit

Predigt über Ex 20, 1f + 8-11
1700 Jahre freier Sonntag
7.3. 2021


Die Gnade Jesu Christi
Und die Liebe Gottes
Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
Sei mit uns allen.
2. Kor 13, 13

Liebe Gemeinde,
manchmal reicht ein einziger Satz, um das Leben vieler Menschen zu verändern.
Einen solchen Satz schrieb am 3. März 321 der römische Kaiser Konstantin an Helpidius, den Bürgermeister von Rom. Konstantin schrieb: „Alle Richter und die städtische Bevölkerung und die Ausübung jedweder Gewerbe sollen am verehrungswürdigen Tag der Sonne (venerabilis die solis) ruhen.“ Dies war der Geburtstag des freien Sonntags – vor 1700 Jahren.
Konstantins Gebot findet sich auch in unserm Grundgesetz wieder. Dort wird der Sonntag als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung unter gesetzlichen Schutz gestellt .
Der Sonntag ist also ein Tag der Ruhe und der Freiheit.
Das schreiben auch unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden in einer kurzen Umfrage zum Thema Sonntag.
Hier einige ihrer Antworten: „Mir gefällt am Sonntag, dass ich keine Schule habe. Ich kann ausschlafen“, hieß es häufig. Und: „Es ist immer noch Wochenende. Ich habe somit Freizeit und muss keine Schule machen.“
Erfunden hat Kaiser Konstantin den einen freien Tag in der Woche freilich nicht. Er geht – wie wir es in der Lesung eben gehört haben – auf die jüdische Tradition zurück, auf die 10 Gebote. Ich lese die entscheidenden Sätze noch einmal vor: Und Gott redete alle diese Worte:
2Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.
8Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst.
9Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. 10Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. 11Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn. (Ex 20, 1 f + 8-11)
Zwei Gründe werden hier genannt, warum der Sabbat – der 7. Tag der Woche – als Ruhetag gehalten und gestaltet werden soll: 1.: Gott ruhte am siebten Tag von seiner Schöpfungsarbeit und segnete den Tag.
Und 2.: Der Sonntag ist ein Tag der Freiheit für alle, deren Väter und Mütter einst als Sklaven in Ägypten leben mußten. Gott befreite sie aus der Sklaverei. Diese Freiheit soll am Sonntag für alle gelten.
Ich finde, unser erstes Musikstück bringt das wunderbar zum Ausdruck: „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen“ heißt es in dem Schlager von 1929. In den Strophen wird beschrieben, wie die Sekretärin Josephine sich über ihrer Büroarbeit und dem Klappern der Schreibmaschine den Sonntag herbeiträumt. Ebenso geht es Minna, die im Haushalt von Frau Schulrat Kraus arbeitet und dies auch an diesem Sonntag tun soll – aber nicht will. Beide Frauen sehnen sich danach, am Sonntag mit ihrem Liebsten Zeit zu verbringen mit Dingen, die so ganz anders sind als die Routinen des Alltags und der Arbeit. Diese Zeit gehört nur ihnen – und nicht Chefs oder gnädigen Frauen, bei denen sie ihr Geld verdienen. Diese Sonntagsfreiheit klagen sie ein – und bekommen sie.
Doch halt: Jetzt habe ich den Sabbat aus den zehn Geboten mit dem Sonntag in einen Topf geworfen.
Erfunden haben den freien Tag die Juden. Es ist der Samstag, der 7. Tag der Woche. Die ersten Christen begingen den Sabbat – und feierten am ersten Tag der Woche, am Sonntag, die Auferstehung Jesu Christi. Jeder Sonntag ein kleines Osterfest. Dann nahmen sie ihre Arbeit auf.
Kaiser Konstantin nun legt diesen Sonntag als arbeitsfreien Tag fest.
Ich fragte unsere Konfis auch, was ihnen am Sonntag nicht gefällt. Am häufigsten wurde geantwortet, dass sie es blöd finden, dass am nächsten Tag wieder Schule ist und dass sie deshalb zeitig ins Bett gehen müssen. – Manche scheinen mit den Schulaufgaben für die nächste Woche bis zum Sonntag zu warten. Dadurch wird dieser Tag dann unerfreulich. – Schließlich: dass man nicht einkaufen kann und es deshalb langweilig ist, ist eine weitere Antwort.
An langweilige Sonntage kann ich mich gut erinnern. Wenn man als Kind Spaziergänge mit der Familie machen muss, obwohl man viel lieber weiter in einem Buch schmökern möchte. Dass man keine Freunde besuchen darf, weil der Sonntag für die Familie da sein soll. Oder man muss – manchmal langweilige – Besuche bei irgendwelchen Tanten machen, wo die Erwachsenen langweilige Gespräche führen. Das ganze meistens noch in der guten Kleidung, die oft unbequem ist und nicht schmutzig werden soll. – Oder später erinnere ich mich an Sonntage, die andere mit ihrer Familie verbringen – und man selber sitzt allein da wie Pik sieben. Zum Glück finden sich dann aber auch Freunde, denen es genauso geht. Man kann gemeinsam etwas unternehmen. Den ganzen Nachmittag spielen, z.B. und dabei Tee trinken. Oder eine Radtour zu einer guten Eisdiele unternehmen.
„Ich finde es blöd, dass man am Sonntag nicht einkaufen gehen kann“, schreibt eine Konfirmandin.
Wie sehr das Einkaufen und Bummeln fehlt, merken wir seit einigen Monaten im Lockdown. Klar, es wäre schön, wenn man das in Ruhe am Sonntag machen könnte. Doch während ich mich beim Shoppen vergnüge, müssen andere für mich im Laden stehen. Oder in der Logistik des Versandhandels, damit am nächsten Tag das Paket mit der bestellten Ware zu mir nach Hause kommt.
Der freie Sonntag droht uns manchmal zu einem Tag der neuen Unfreiheit zu werden: Wenn wir Liegengebliebenes aufarbeiten. Wenn man unbedingt Spaß haben muss und möglichst viel erleben. – Oder wenn von Arbeitgebern Arbeit angeordnet wird. Man könne ja irgendeinen andern Tag dafür frei haben, schlagen sie vor.
Doch das ist nicht dasselbe.
Denn an diesem beliebigen andern Tag haben Freunde und Familie dann keine Zeit. Der Sonntag hat seinen besonderen Wert auch darin, dass er ein gemeinsamer freier Tag ist.
Oder der Sonntag als Tag der Freiheit wird etwas subtiler gefährdet: Wenn man sich die Zeit selbst einteilen kann. Dann braucht es keinen Sklavenhalter mehr. Dann macht man sich selbst Druck. Dann kann die Grenze zwischen privat und Beruf, zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen. Auch der Sonntag erodiert dann leicht, wird zu einem Tag neben anderen.
Natürlich gibt es Aufgaben, die auch am Sonntag geleistet werden müssen: Menschen und Tiere müssen versorgt werden. Feuerwehr und Polizei müssen sich bereit halten. Strom- und Wasserversorgung, Busse und Bahnen müssen weiter laufen. In Krankenhäusern und Apotheken muss ein Notdienst vorgehalten werden. Wahrscheinlich habe ich das eine oder andere noch vergessen.
Übrigens: Auch Konstantin machte bei den Verwaltungsbeamten an einer Stelle eine Ausnahme von der Sonntagsruhe: Die Freilassung von Sklaven durfte auch am Sonntag beglaubigt werden, weil es ein frommes Werk ist.
Doch die Frage ist ja: muss ich am Sonntag z.B. einkaufen gehen?
Für mich ist der Sonntag, das kleine Osterfest, ein Tag der Freiheit, wenn ich das Fasten breche und mit Genuss ein Stück Kuchen esse oder ein Glas Wein trinke. Wenn ich mit meiner Familie telefoniere oder Freunde besuche. Wenn nichts im Kalender steht. Keine Verpflichtungen, den ganzen Tag! Wenn ich zum Gottesdienst gehe und auf – zumeist gut gelaunte – Menschen treffe und in entspannte Gesichter blicke. Schöne Musik höre, die für diesen Augenblick erklingt. Und manchmal fahre ich nachmittags los und besuche ein Museum. An den vielfältigen Exponaten sehe ich mich satt.
Zum Schluss der Umfrage fragte ich die Konfis, wie der ideale Sonntag für sie aussähe. Einige Antworten überraschten mich nicht: „Am nächsten Tag keine Schule, dann kann ich ausschlafen und am Sonntagabend länger wach bleiben.“ „Verkaufsoffen. Dann kann man am Sonntag einkaufen, wenn man am Sonnabend etwas anderes vorhat.“
Am häufigsten wünschen sich die Konfis, dass sie lange ausschlafen können – und sich mit Freunden treffen können. Spielen, Lego bauen – und backen oder etwas Leckeres essen – das sind ihre weiteren Wünsche. –Der ideale Sonntag eben als ein Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung, wie es unser Grundgesetz beschreibt.
Sonntag – ein Tag der Freiheit. Eine Unterbrechung, ja Erlösung vom endlosen Alltag des Funktionieren- und Konsumieren-Müssens. Aufatmen, zur Ruhe kommen – wenigstens einmal in der Woche! Und uns daran erinnern, dass wir zu dieser Freiheit berufen sind und sie uns geschenkt ist, ohne dass wir etwas dafür getan hätten.
Der freie Sonntag, ein Zeichen für Gottes Güte und Liebe. Lassen wir uns diese Freiheit nicht nehmen!

 

Diese Predigt wurde angeregt durch eine Predigt von Pfr. Stefan-B. Eirich, in: 1700 Jahre freier Sonntag. Ökumenische Gottesdienstbausteine für das Jubiläumsjahr 2021.

 

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