So lebt Gemeinde

Der Evangelist Lukas setzt in der Apostelgeschichte sein Evangelium fort. Ging es ihm im Evangelium um die Geschichten von Jesus Christus und seiner Verkündigung, geht es ihm in der Apostelgeschichte um das Leben der ersten Christinnen und Christen, wie sie missionieren, wie sie Gemeinde bauen und wie sie sich organisieren. Da ist die Rede von Widerständen, von Verfolgung, genauso aber auch viel von liebevollen Gemeinschaften, von erfolgreicher Verkündigung des Wortes Gottes und von gemeinsamen Leben mit Unterstützung der notleidenden Schwestern und Brüder. Aber auch Konflikte werden nicht ausgespart. Sie gehören von Anfang an dazu und das hat sich bis heute ja nicht verändert. Lukas erzählt hier von einem Konflikt und seiner Lösung. 

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. 3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Da leben Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft und auch sehr unterschiedlicher sozialer Stellung zusammen in der Gemeinde in Jerusalem. Und auch dort passiert es wie wohl in aller Welt. Es entsteht Unzufriedenheit. Hier beklagen sich die ‚Griechen‘, also Menschen aus nicht-jüdischem Hintergrund, die Christinnen oder Christen geworden sind. Sie haben den Eindruck, dass die Bedürftigen, die Witwen aus ihrem Kreis nicht wirklich berücksichtigt werden bei der Verteilung der Gaben der Gemeinde. Sie wurden übersehen, schreibt Lukas da etwas vorsichtig.

Ich glaube, er versucht da einen Konflikt darzustellen, der an das Fundament des gemeinsamen Lebens rüttelt. Da nimmt sich eine Gruppe Privilegien heraus, behandelt die Angehörigen der eigenen Gruppe besser als andere. Das ist menschlich, aber es spaltet und zerstört christliches Leben. Das sieht auch die Leitung ein, die sich diese Vorwürfe anhören muss. Das überrascht positiv. Diejenigen, die das Sagen haben, gehen in sich, spüren selber, dass da etwas nicht stimmt und suchen eine tragfähige Lösung. Apostel sein bedeutet nicht automatisch, alles richtig zu machen.

Darum suchen sie Diakone. Das scheint erst einmal logisch. Sie suchen Menschen, die sich um die diakonische Dimension christlichen Lebens Gedanken machen. Sie sollen sich darum, kümmern, dass die Gaben der Gemeinde, bei den Bedürftigen ankommen. 

Gelöst sind die Probleme damit sicher nicht alle. Die neuen Diakone sind alle – das machen die Namen deutlich – griechischen Ursprungs, während die, die sich um Verkündigung und Gebet kümmern jüdischen Ursprungs sind. Ob das auf Dauer gut geht, wissen wir nicht. Es sieht so ein bisschen aus, als würde da eine zweite Hierarchie neben der ersten installiert. Auch unter diesem Vorzeichen bleibt Leitung christlicher Gemeinde ein gemeinsames Tun von Brüdern und Schwestern. 

Zumindest könnte unsere Geschichte der Anfang für eine Strukturreform von Gemeinde und Kirche sein. Diakone werden hier als gleichberechtigt neben die Theologen gestellt. Und damit uns heute noch ein Spiegel vorgehalten: Wie wesentlich ist für euch als christliche Gemeinde im 21. Jahrhundert die Diakonie? Und wie wichtig ist Euch die Rücksicht auf alle Gruppen in der Kirchengemeinde? Wie viele Menschen kommen nicht nur im Alltag Eurer Gemeinde, sondern auch in den Planungen der Gemeindeleitungen schlicht nicht vor? Das sind Fragen, die Lukas mit seiner Erzählung provoziert. Und auf die wir Antworten finden müssen – immer wieder neu. Die Konflikte, die Lukas hier schildert, sind zeitbedingt genauso wie die Konflikte unserer Tage. Da könnte es darum gehen, welche Chancen Männer und Frauen, welche Chancen SchichtarbeiterInnen, welche Rolle Junge und Alte bei uns spielen.

Es gehört zum Leben jeder christlichen Gemeinde, dass es Streit gibt, dass Brüche existieren und Verwerfungen auftauchen. Das muss auch nicht schlimm sein, wenn es eine Leitung gibt, die bereit ist, über den eigenen Schatten zu springen und Lösungen zu finden, die allen weiterhelfen. 

Lukas berichtet in seiner Apostelgeschichte ja von dem sogenannten christlichen Urkommunismus, von einer Gemeinde, in der alle Menschen, ihren ganzen Besitz teilen. Ob es das wirklich so gegeben hat oder ob es nur eine fromme Vision von Lukas war, wissen wir heute nicht mehr so ganz genau, aber dass es dem Evangelium entspricht, ist eigentlich klar. Aber es überfordert wohl die Menschen.

Weil die Menschen nun einmal nicht ideal sind, muss es immer wieder neu zu Kompromissen kommen, Lösungen, die helfen, dass die Gemeinde sich selber treu bleibt, ohne die Menschen zu verlieren. Und dabei ist es sicher nicht die schlechteste Lösung, wenn Schwestern und Brüder in der Leitung ihre blinden Flecke zugeben und sich gezielt Helferinnen und Helfer suchen und diese dann in Gottes Namen segnen – und gleichberechtigt behandeln.

Verwaltungsstrukturen sind Teil des Miteinanders in der Gemeinde. Sie gehören dazu, damit Verkündigung und die Diakonie miteinander und gleichberechtigt leben können. Gemeinde muss dafür sorgen, dass sie kein Verein ist, sondern eine Gemeinschaft, in der das Wort Gottes verkündet wird, in der miteinander gebetet wird und in der Bedürftigen gemeinsam ohne Ansehen der Person geholfen wird. Und Gemeinde muss nicht nur bekennen, dass sie an die Gemeinschaft von Sachwestern und Brüdern glaubt, sie muss es auch leben. 

Denn davon lebt Gemeinde und davon erzählt Jesus in seiner Geschichte vom Samariter auf der Straße zwischen Jericho und Jerusalem. Er dreht die Frage des Pharisäers ja um: Nicht wer ist mein Nächster, sondern wem kann ich Nächster sein?

Die Geschichte vom barmherzigen Samariter, ist eines der bekanntesten Gleichnisse für Nächstenliebe – über die Grenzen Nation, Religion oder Kultur hinweg. Sie ist und bleibt auch der Taktgeber für das diakonische Handeln de Gemeinden und der einzelnen Christinnen und Christen.

Diakonie, die nicht fragt nach Herkunft, sondern die Allein die Bedürftigkeit in den Mittelpunkt stellt. Auch im Sinne des Wochenspruchs, bei dem zu berücksichtigen ist, dass die geringsten Brüder oder Schwestern nicht unbedingt Christinnen oder Christen sein müssen.

Christliche Gemeinde ist zuallererst nicht ein Konstrukt oder ein Verein, sondern eine Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die einander helfen und die hinschauen, wo sie Nächste sein können für die, die sie brauchen. So lebt Gemeinde.

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