Skorpione liebkosen

Greta Thunberg wird gern als Prophetin bezeichnete, mit den Propheten des Alten Testament verglichen. Und da ist vielleicht auch manches dran. Manchen geht sie ja inzwischen auf die Nerven – wie die ProphetInnen des Alten Testament ja auch oft ihren Mitmenschen – gerade auch den frommen – auf die Nerven gegangen sind. Viele fragen, woher sie eigentlich den Mut nimmt, immer wieder gegen die Mächtigen und Herrschenden anzureden oder anzuschweigen. Das haben sich die Zeitgenossen der alttestamentlichen Propheten auch gefragt. 

Es lohnt sich schon (auch deswegen) genau hinzuschauen, wer diese Prophetinnen und Propheten im Alten Testament wirklich waren. Da kann eine Geschichte aus den Anfängen des Propheten Ezechiel hilfreich sein:

1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. 2 Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. 3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 4 Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der Herr!« 5 Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. 8 Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. 9 Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. 10 Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh. 3,1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! 2 Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen 3 und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

Der Prophet erzählt, wie Gott ihm seinen Auftrag gibt. Das ist schon eigenartig. Erst einmal klagt Gott ihm sein Leid, seinen Schmerz mit einem Volk, das macht, was es will, das Gott kennt und seinen Willen, das mit den Schultern zuckt und gerade das Gegenteil tut. 

Gott begegnet uns hier wie ein zorniger Vater, der seine Kinder liebt – trotz Allem.

Er weiß genau, was los ist. Er kennt ihr Versagen, ihre Schwächen, ihre Lieblosigkeit. Und trotzdem sendet er Ezechiel hin zu ihnen. Er ahnt, wie aussichtslos diese Mission ist, wie wenig erfolgversprechend, aber seine Liebe treibt ihn. Iss meine Rede, verinnerliche sie und dann ziehe los, mach dir keine Illusionen, sondern lebe deine Sendung. 

Das war schwierig, den Menschen etwas entgegenzusetzen. Ihre Situation war schwierig. Sie (zumindest der Teil des Volkes mit dem Ezechiel sprach, die Oberschicht) lebten im Exil. Sie hatten verloren und mussten ihr Leben und ihren Glauben neu in den Griff bekommen.

Zu den Grundfesten damaligen Glaubens aller Völker gehörte es, dass der jeweilige Gott anfassbar war. Es gab Tempel und Altäre, Statuen und Opfer. Israel hatte all das verloren, lebte im Ausland, ohne Tempel, ohne Opfer, ohne Liturgie. Ihr Gott hatte nach damaliger Auffassung verloren, war schwach, weil andere Götter stärker waren. Sie hatten schließlich den Gott Israels nach damaliger Lesart besiegt.

Der Prophet isst die Rolle mit den Worten des Zorns und spürt, wie süß sie schmeckt. Ob er damit darauf anspielt, dass es Menschen gibt, die es genießen als Außenseiter dazustehen, allein gegen den Rest der Welt. Oder ob die Süße für ihn darin liegt, dass er seine wachsende Bedeutung spürt. Er darf die Worte Gottes verinnerlichen, darf seinem Volk die Liebe Gottes ansagen, der ihnen trotz ihrem Verhalten eine Chance gibt. Er spürt die Größe dessen, was Gott ihm zutraut und das tut ihm gut. Das wird nicht einfach, den Menschen mit harten Köpfen und verstockten Herzen gegenüber zu treten. Aber Gott traut ihm zu, dass er das kann.

Ganz erfolglos war er wohl nicht, der Prophet. Es gab Menschen, die schafften es, ihren Glauben zu bewahren. Obwohl sie von allen Wurzeln und Gegenständen ihres Glaubens abgeschnitten waren. Sie bewahrten sich ihren Glauben, auch wenn es nichts Greifbares mehr gab. Nichts Überzeugenderes als dass es immer noch der Gott war, der sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt hat. 

Die große Leistung Israels und seines Glaubens war, dass sie es im Exil, fern der Heimat geschafft haben, das Glaubensleben von heiligen Orten zu trennen. Deportation  und Tempelzerstörung haben den Glauben eben nicht zerstört. Aber das Neuland, das sie betreten haben war dornig, war stachelig und voller Skorpione. Dieses neue Leben ohne fassbaren Glauben war schweres Leben. Nicht alle sind da mitgegangen. Etliche haben Alternativen gefunden, da gab es Tempel da gab es Götter im Exil, da gab es auch die Möglichkeit, nur noch für den Tag zu leben. Das war attraktiver, als an einen Gott zu glauben, den man nicht sehen konnte, den man nicht begreifen konnte – und der einen Krieg verloren hatte.

Aber der Vater kämpft um sein Volk. Mit unfassbarer Liebe kämpft er um seine Kinder: ein bisschen resignierend, ein bisschen trotzig. Und trotzdem sollen sie wissen, dass es Propheten gibt, dass sie meinen Willen und meine Liebe kennen könnten, wenn sie nur wollten.

Und solche Propheten sind Menschen, die den Glauben an die Zukunft bewahren. Sie reden nicht bequem und sind nicht nett, aber sie sind ehrlich. Sie versprechen auch nicht, dass alles ganz leicht ist, sondern sie sind bei uns, gerade dort, wo es schwer ist. Sie erzählen uns von Gottes Liebe und von unserer Schuld. Deren Worte sollen wir hören und unser Leben an Gottes Willen orientieren. 

Zu dem Volk Gottes zu reden war für Ezechiel wie Skorpione zu liebkosen. Es könnte gut gehen, aber wahrscheinlich ist das nicht. Aber er tut es, um der Liebe Gottes Willen.

Hören können ist eine Gabe Gottes. Aber Hören muss auch zielgerichtet sein. Ich muss hinhören, auch wenn mir nicht alles passt, was mein Ohr erreicht und ich muss abschalten, wenn die Worte mich zerstören wollen. Beides muss ich immer neu lernen. 

Der Wochenspruch geht davon aus, dass Menschen, die Gottes Wort hören, es nicht aufnehmen, verstocken, sich taub stellen. Damit können wir rechnen, vielleicht sogar, dass wir es sind, die zwar viele Worte machen, aber nicht wirklich Wort Gottes sagen. Und trotzdem dürfen wir uns immer wieder neu senden lassen als Prophetinnen und Propheten Gottes. Wir dürfen Gottes Willen ansagen, wir dürfen uns unbeliebt machen im Namen des Herrn. 

Wir dürfen darauf vertrauen, dass er uns als Propheten in diese Welt senden. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass er uns Prophetinnen und Propheten sende, die seinen Willen uns sagen.

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