Skepsis – oder doch Vertrauen wagen?

Jesaja 61,1-3.10-11
(2. Sonntag nach dem Christfest, 5.1.2020, Berlin-Hellersdorf)

1 Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2 zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, 3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise.
10 Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. 11 Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der HERR Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern.

Es muss ja gar nicht der Jahresanfang sein. Eigentlich haben wir ja immer so unsere Probleme und Fragen, die uns umtreiben. Und wenn dann plötzlich einer kommt und verkündet lauthals: Auf mir liegt der Geist Gottes, was letztlich ja bedeutet: Ich habe die Weisheit mit Löffeln gefressen, und darum sage ich euch nun, wo’s lang geht! Wie würden wir da wohl reagieren? Hurra rufen und folgen? Oder vielleicht doch beim psychatrischen Dienst anrufen? Vermutlich eher letzteres.

Wir sind in Deutschland vorsichtig geworden und bleiben es hoffentlich auch weiter gegenüber solch generellen Heilszusagen, die besagen, dass dann, wenn wir genau dies tun oder genau jenes endlich sein lassen, die Welt gerettet oder zumindest wieder gut wird. Unsere Eltern und Großeltern haben es doch erlebt und auf uns ist es gekommen, dass aus der Ansage des totalen Heils innerhalb weniger Jahre der Ruf nach dem totalen Krieg wurde.

Eine gehörige Portion Skepsis gehört daher zu Leben und zum Überleben hinzu. Und wo wir diese Skepsis aufgeben, bedarf es guter Gründe, zum Beispiel den, dass wir mit dem, der da redet, bereits gute Erfahrungen gemacht haben, das wir ihm also zu Recht trauen.

Doch wer redet hier? Wer ist es, der von sich sagt, dass der Geist des Herrn, dass also der Geist Gottes auf ihm ruhen würde? Es kann nach Lage der Dinge nur der Prophet selber sein, den wir hilfsweise den dritten Jesaja nennen, Tritojesaja, weil wir seinen eigentlichen Namen nicht kennen. Mit dem ersten und dem zweiten Jesaja ist er heute in dem einen großen Prophetenbuch unter dem Namen Jesaja in unserer Bibel vereint. Er ist es, der hier auf seine Berufung und die damit verbundenen Autorität verweist. Warum wohl tut er das?

Er hat es nötig. Er will seine Botschaft damit doppelt und dreifach unterstreichen, denn seine Zeitgenossen hatten viel zu viel zu tun, als dass sie auch ihm noch hätten zuhören wollen. Der Prophet will Aufmerksamkeit für seine Botschaft der Hoffnung erregen. Nach allem, was wir wissen oder erschließen können, stelle ich mir Jerusalem zur Zeit dieses Propheten als eine Stadt des geschäftigen Durchwurstelns vor, aber eben ohne wirkliche Perspektive, ein Zustand, der auch uns hier in Berlin nicht gänzlich unbekannt sein dürfte – im Gegenteil!

Historisch sind wir mit diesem Text im Jerusalem nach der großen Wende, also nach dem Exil in Babylon und nach der Rückkehr von dort. Da waren die Hoffnungen erst groß, riesengroß, unrealistisch würden manche auch sagen. Man hatte im Anschluss an den anderen, den zweiten Jesaja erwartet, dass das alles viel schneller und ganz von allein gehen würde, dass alle beschwerlichen Berge erniedrigt und die tiefen Täler erhöht werden, dass da nur noch ebene Straßen sind, für die man nichts zu tun brauchte. Man hatte schlicht verdrängt, dass Gott von Anbeginn der Welt immer schon mit und durch die Menschen gewirkt hatte. Also gab es auch hier keinen Wunder-Automatismus. Es artete vielmehr alles in Arbeit aus! Aber na gut, man stellte sich der Sache. Doch wenn man nun schon die entbehrungsreiche Aufbauarbeit selber leisten musste, da erschien es auch logisch, dass sich jeder erstmal um seinen eignen Kram kümmerte. Den lieben Gott ließ man einen guten Mann sein, für den blieb kaum noch Zeit.

Und genau da setzt der dritte Jesaja mit seiner Verkündigung ein. Er fährt dabei gewissermaßen eine Doppelstrategie. Zum einen ruft er die Leute zur innerlichen Umkehr auf. Er organisiert so eine Art Bußgottesdienste. Das ist etwa in Kapitel 63 und 64 überliefert. Und zum anderen wird er nicht müde, wie hier in Kapitel 61 die alten Hoffnungszusagen seiner prophetischen Vorgänger zu erneuern und zu bekräftigen: Liebe Leute, guckt nicht immer nur auf die Arbeit und die Aufgaben von heute! Schaut nach vorn! Unsere Stadt Jerusalem hat eine große Perspektive.

Wie gesagt, es war verwegen, solches zu sagen angesichts einer Stadt, in der das Leben zwar irgendwie funktionierte, die aber immer noch ohne vernünftige Stadtmauern war und in der der Mittelpunkt allen Lebens, der Tempel, nach wie vor in Trümmern lag. Aber genau die aus dieser Situation folgende Mischung aus Resignation, Kaltschnäuzigkeit und Suche nach dem eignen Vorteil galt es für den Propheten zu überwinden. Als Argument konnte ihm dabei nur der Verweis auf Gottes Treue dienen. Vom „ewigen Bund“ spricht der Prophet darum nicht ohne Grund in den hier nicht mit vorgelesenen Versen dieses 61. Kapitels. Immer wieder hatte sich Gott, der HERR, doch ihren Vorfahren und auch ihnen selber als treu und zugewandt erwiesen. Sollte das nicht auch in Zukunft so sein?

Auf Gott kann man sich verlassen. Davon ist der Prophet überzeugt und verdeutlicht das am Wachstum, dass immer geschieht, ganz sicher und auch ohne unser Zutun: „Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der HERR Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern.“

Ob die Menschen in Jerusalem ihm deshalb vertraut haben? Manche ganz gewiss! Nicht umsonst steht hier am Ende des Kapitels ein lauter Jubel: „Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.“

Und wo kommen wir bei alledem vor?

Könnte es sein, dass wir den Menschen damals in Jerusalem gleichen, indem wir funktionieren, alles erledigen, was Tag für Tag dran ist, aber eigentlich keine Perspektive sehen, ja vielleicht sogar schwarz sehen für die Zukunft?

Könnte es sein, dass uns eine Erinnerung an die Treue Gottes gut tut, ja dass sie not tut?

Könnte es sein, dass wir die Erinnerung an Jesus als Zeichen der treue Gottes brauchen, der, wie im Evangelium gehört, als Zwölfjähriger seinen irdischen Eltern gegenüber auf seiner wahren Heimat bestand und der dann später als Erwachsener in der Synagoge von Nazareth mit Verweis auf genau dieses Prophetenwort sagte, dass es in ihm erfüllt sei?

Ja, es ist wahr, mit Jesus wird uns eine neuer Blick auf die Welt gegeben und wir vermögen zu sehen, wie sie sich durch ihn verändert. Ganz unübertroffen erzählt dies auch eine Legende, die Legende von der schwangeren Gottesmutter, die so ganz ohne die üblichen Schwangerschaftsbeschwerden durch eine Gegend dornigen Gestrüpps geht. Und allein schon die Anwesenheit des noch ungeborenen Gotteskindes bewirkt, dass die kahlen Sträucher unendlich viele Blüten tragen. Natürlich kennen Sie die Legende und das Lied, das dieses Geschehen besingt: Maria durch ein Dornwald ging… Gleich wollen wir’s auch singen.

Und immer wiederholt sich dabei in den Strophen das Kyrieleis, Herr, erbarme dich. Es ist ein Gebet, das Gebet eines jeden Singenden, dass auch für ihn und für uns alle solch ein Wunder wirklich werde, dass Blüten aufbrechen, wo bisher nur Dornen waren. Oder anders und mit dem heutigen Prophetenwort und Predigttext gesagt, dass eine „gute Botschaft“ bei allen „zerbrochenen Herzen“ ankomme.

Ja, genau so wollen wir das Lied singen, dankbar und als Anbetung für das Kind, und als Gebet, dass wir uns heute und jeden Tag mit allen Sinnen der Gegenwart Gottes öffnen und im Vertrauen auf ihn leben und dadurch das Wunder seiner Gegenwart erleben. Gerade am Beginn eines neuen Jahres tut solche Ermutigung gut. Amen.

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