Sie sind in Frieden (Weish 3,1-3)

Weish 3,1-3
[1] Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, und keine Qual rührt sie an. [2] In den Augen der Unverständigen gelten sie als tot, und ihr Abscheiden wird für Strafe gehalten [3] und ihr Weggehen von uns für Verderben, aber
sie sind in Frieden.

[73-jährige Frau, seit ca. 10 Jahren sehr krank und gebrechlich (Osteoporose, Asthma). Seit ca. 25 Jahren vom Mann getrennt, jedoch nicht geschieden und im gleichen Haus wohnend. Der Ehemann der Verstorbenen lässt kein gutes Haar an ihr; die Kinder berichten nur gutes über sie. Kinder und Vater sprechen nicht mehr miteinander, der Hass in der Familie ist sehr groß.]

Liebe Angehörige von NN, liebe Freunde, liebe Trauergemeinde!

Wir sind hier zusammengekommen, um von NN Abschied zu nehmen. Vor gut 3 Wochen
haben sie, die ja schon lange krank war, die Kräfte endgültig verlassen. Sie hat
vielleicht selbst schon etwas geahnt, jedenfalls gab es in den letzen Wochen
ihres Lebens immer wieder Äußerungen, die man im Nachhinein vielleicht als
Hinweis sehen kann. Und wie es ihr wirklich gesundheitlich ging, weiß keiner – sie wollte niemanden merken lassen, wie es um sie stand. Im Geiste jedoch wollte sie wohl noch nicht gehen – sie hatte ja noch geplant, den Valentinstag mit ihrer Tochter zu feiern.
Die Ahnung, dass sie vielleicht nicht mehr lange hat, und der Wunsch, doch noch weiter zu leben – es mag sein, dass sie genau zwischen diesen beiden Polen gependelt ist. Für mich drückt sich dieses Pendeln zwischen zwei Polen auch aus in einem Gedicht, das ihre beiden jüngsten Töchter für sie ausgewählt haben:

Wer nicht will, wird nicht zunichte, kehrt beständig wieder heim.
Frisch herauf zum alten Lichte dringt der alte Lebenskeim.
Keiner fürchte zu versinken, der ins tiefe Dunkle fährt.
Tausend Möglichkeiten winken ihm, der gerne wiederkehrt.
Dennoch seh ich dich erheben, eh du in die Urne langst.
Weil du bange vor dem Leben, hast du vor dem Tode Angst.

Ich habe lange über dieses Gedicht im Zusammenhang mit NNs Leben nachgedacht, habe versucht es mit dem zusammen zu bringen, was ich über sie erfahren habe. Zwei Dinge sind mir besonders hängen geblieben: Zum einen die große Hoffnung auf Wiederkehr, die in diesem Gedicht ausgedrückt ist; und zum anderen die Angst vor dem Leben und dem Tod.

Sicher ist, denke ich: NN verschwindet nicht einfach. Sie wird weiterleben in den Herzen und in den Gedanken derer, die sie lieben. Wir wissen zugleich aber auch: Eine Wiederkehr hierher, in unsere Welt, wird es nicht geben. Gott hat sie zu sich gerufen, und als Christen glauben wir, dass sie bei ihm ist, und dass Gott nun unsere Verbindung zu ihr darstellt. Was aber nach dem Tode auf uns zukommt – was konkret nun NN erwartet – das wissen wir alle nicht. So ist es nur
verständlich, wenn jemand vor dem Tod Angst hat – eben weil er nicht weiß, was
dann kommt. Und man zieht dann aus Angst vor dem Tod vielleicht das vor, was man immerhin schon kennt – das Leben nämlich, auch wenn dieses nicht einfach ist.

Mit Erfahrungen wie Angst vor Leben und Tod haben beschäftigt sich auch die Bibel. König Salomo, der als der weiseste Mensch in Israel gegolten hat, hat dazu gesagt: „Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, und keine Qual rührt sie
an. In den Augen der Unverständigen gelten sie als tot, und ihr Abscheiden wird für Strafe gehalten und ihr Weggehen von uns für Verderben, aber sie sind in Frieden.“

Ich glaube sicher, dass NN in Frieden ist bei Gott. Sie hat es in ihrem Leben nicht leicht gehabt und oft sehr kämpfen müssen. Vieles ist, denke ich, anders gelaufen, als sie sich das erträumt und vorgestellt hat. (Und das sage ich, ohne irgendjemandem Vorwürfe machen zu wollen; ich stelle es als Tatsache fest.) Es mag sein, dass sie dabei manchmal vielleicht auch nicht mehr recht glauben
konnte, dass Gott da ist. Immerhin, aber das nur am Rande, ist sie Zeit ihres
Lebens in der Kirche geblieben; beharrlich auch in der evangelischen Kirche geblieben, allen Überzeugungsversuchen von verschiedenen katholischen Pfarrern
zum Trotz. „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand, und keine Qual rühret sie an“ – das ist, was NN nun erfährt. Gott hat sie schon vor langem gerufen. Schon in der Taufe hat er gesagt: Ruth, du bist mein Kind, ich habe dich lieb und ich will dich hier auf Erden haben. Nun hat er sie ganz zu sich gerufen. Vielleicht wollte sie nicht, vielleicht hätte sie gern noch ein paar Jahre hier gelebt. Aber ich denke, dort wo sie jetzt ist, da ist sie tatsächlich in Frieden. Dort kann sie alles loswerden, was sie jemals in ihrem Leben beschwert und bedrückt hat. Keine Qual rührte sie an – auch keine Krankheit und keine Auseinandersetzungen. Was bleibt bei ihr ist das Gefühl, geborgen und sicher zu sein, das glaube ich fest.

Was bleibt, das sind aber auch wir hier. NN ist nicht mehr da, aber wir sind noch da. Mit unseren Erinnerungen an sie und Gefühlen für sie. Es ist kein Geheimnis, wenn ich sage, dass die Erinnerungen und die Gefühle für sie sehr unterschiedlich sind. Sie werden es wohl in der Zukunft auch bleiben. Wegschieben können wir es nicht, dass sich mancher an ihr geärgert hat. Wegschieben können und dürfen wir es aber genau so wenig, dass sie geliebt wurde, und dass auch sie geliebt hat.

Alles, was in uns an Gefühlen und Gedanken für sie vorhanden ist, verbindet uns mit NN. Alles gehört damit – so wie NN selbst – auch in Gottes Bereich. Ihm können wir alles sagen, können Trauer, Klagen, Ärger bei ihm loswerden. Gott trägt auch uns mit allem, was wir so denken. NN ist in Frieden bei Gott. Diesen Frieden bietet Gott auch uns an. Frieden mit NN, Frieden mit sich selbst, Frieden mit anderen, die mit NN zu tun hatten. Es liegt an uns, diesen Frieden auch
anzunehmen. Ich denke aber, es wäre sicher im Sinne der Verstorbenen.

Dass sie alle diesen Frieden finden und bewahren können, dazu helfe ihnen Gott mit seinem Segen und mit seinem Frieden, der höher ist als alles, was wir begreifen können.

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