Seinen eigenen Weg gehen (Jes 55,8f)

Jes 55,8f
[8] Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

[78jährige unverheiratete Frau nach kurzer Krankheit]

Liebe Angehörigen, liebe Trauergemeinde!

Manchmal liest man ein Wort aus der Bibel und denkt sofort: Das passt! – Zu einer bestimmten Situation, in eine bestimmte Stimmung oder Gefühlslage oder: zu einem bestimmten Menschen. – N.N. hat sich schon lange vor Ihrem Tod dieses Wort aus dem Jesajabuch für ihre Beerdigung gewünscht. Sie hat es im Gedächtnis behalten von der Beerdigung ihres Großvaters – und irgendwie fand sie, passte dieses Wort auch zu ihr.

Und so ist es wohl auch gewesen. – „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Weg sind nicht meine Wege …“ – So ist es wohl gewesen mit unserer verstorbenen Schwester. Sie hatte ihre eigenen, ganz besonderen Gedanken und ging ihren ganz besonderen Weg. – Der Weg eines jeden Mensch ist sein eigenes Geheimnis und niemand kann, auch am Ende eines solchen Weges, sich jemals anmaßen ein Leben zu deuten. —

Eine alte Legende sagt: Unsichtbar geht ein Engel, dein ganz persönlicher Engel, alle Wege mit, die du gehst. Du siehst ihn niemals; er ist immer hinter dir. Erst im Augenblick des Todes kommt er von vorn. Das heißt auch: Unser Tod bleibt uns verborgen. Seine Wahrheit ist ein Geheimnis. Wie viel mehr der Tod eines andern Menschen. Wir wissen wenig, verstehen nicht, ahnen vielleicht etwas mehr. So ist was wir fühlen, denken, sagen, eine Annäherung, geleitet vom Respekt vor diesem letzten Geheimnis. Dieser Respekt wahrt die Würde der anderen Menschen, wahrt also die Würde von N.N., ihrem Leben und Sterben.

Die sie kannten, können versuchen, das geistige Kräftefeld zu verstehen, in dem sie sich bewegte, das sie bewegte:

Ihre Herkunft und ihre Art zu Leben,
ihr Engagement und ihre Einsamkeit,
ihre Visionen und ihre Grenzen,
ihren Beruf und ihre Interessen,
ihren Glauben und ihre Träume.

N.N. ist ihren Weg gegangen ist. Als alleinstehende Frau musste sie ihr Leben selber in die Hand nehmen. Wenig war ihr von außen vorgegeben. Gewissenhaft ging sie ihrem Beruf, ihrer Tätigkeit bei der nach, und hat bis zuletzt Kontakt zu den Kolleginnen gehalten. – In ihrer freien Zeit galt ihr Interesse vor allem der Ahnenforschung: Es faszinierte sie zu archivieren, zu dokumentieren, zu sammeln und zu forschen. Besonders Fotos hatten es ihr angetan. – Vielleicht war es ihre Art , ihr Weg, Familie zu leben. N.N. hat in vielerlei Hinsicht ein stilles und zurückgezogenes Leben geführt. Ich denke dennoch, dass es ein erfülltes Leben gewesen ist: Viele Kontakte pflegte N.N. nicht, doch sie lebte gerne in ihrem Elternhaus, im Kreise ihrer Familie. – Sie lebte auch ihren Glauben, nicht nach außen hin, aber wohl so, dass sie daraus Kraft und Zuversicht schöpfte. Vielleicht hat sie sich mit ihrem Lebensweg aufgehoben gefühlt in dem Weg, den Gott für uns Menschen bereitet hat, und den wir manchmal nicht verstehen können.

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“

Zwischen unseren Wünschen und Gottes Gedanken, zwischen den Wegen, die wir uns wünschen, und den Wegen, die Gott führt, besteht bisweilen ein „himmelweiter“ Unterschied! Unsere Zukunftspläne und Gottes Verheißungen sind allzu oft nicht identisch. Auch N.N. hatte, nachdem sie vor drei Wochen ins Pflegeheim musste, noch Pläne; gerne hätte sie noch weiter geforscht in der Geschichte der Ahnen, sich weiter auf die Suche begeben nach den Spuren, die Menschen der Vergangenheit hinterlassen haben und die zu entdecken und zurückzuverfolgen für sie so spannend gewesen ist. – Der Tod, der plötzlich und doch nicht erschreckend für sie am letzten Freitag kam und ihrem Schaffen ein Ende bereitet hat, hat alle Pläne zunichte gemacht. Dennoch ist sie wohl friedlich von dieser Welt in die andere gegangen. – An uns ist es, sich nun der Spuren zu erinnern, die sie in unserem Leben hinterlassen hat und zu bewahren, was N.N. uns gegeben und bedeutet hat.

Wir wissen sie nun bei Gott, ihrem und unserem Schöpfer geborgen; er bringt ihren Lebensweg zu einem guten Ende. Er bewahre auch unsere Herzen und Sinne und tröste uns durch sein lebensschaffendes Wort.

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