Seid fröhlich und getrost!

Liebe Gemeinde,

gerade in diesen Zeiten wieder aktuell: Das Regierungsprogramm. Egal wer ein solches Programm vorstellt, Sie werden davon in den Nachrichten hören und in den Zeitungen lesen. Man wird dieser Veranstaltung nicht entgehen können, denn viel wird darüber berichtet werden. Dabei spielt die inhaltliche Qualität solcher Programme kaum eine Rolle, denn Papier ist bekanntlich geduldig. Und meist wird das, was auf den bunten und großformatigen Wahlplakaten verkündet worden ist nicht oder nur sehr eingeschränkt in das Regierungsprogramm eingebaut.

Zu viele Interessengruppen stehen einschneidenden Veränderungen gegenüber und darum wählen die Vertreter und Vertreterinnen lieber einen goldenen Mittelweg der wenig Widerstand verspricht, aber unter Umständen viel Zustimmung und so die Wiederwahl sichern kann.

Wem das hilft? Wohl nur denen, die solche Programme schreiben und einen Platz an der Sonne ergattert haben. Oder solchen, die auf internationalem Parkett lieber deutsch sprechen.

Ein ganz anderes Regierungsprogramm kommt uns aber im heutigen Predigttext daher. Ein radikales Programm, unscheinbar, aber voller Zündstoff. Und für wen ist das geschrieben? Nun, sicher nicht für die Mächtigen. Aber für die Armen und Kranken. Für die Schwachen und die Sünder. Schlichtweg also für alle.

Ich will Ihnen dieses Programm nicht länger vorenthalten. Mag es auch wenig spektakulär daherkommen mit seinen Doppelungen und ohne einen erkennbaren Höhepunkt oder gar einzelnen eingestreuten spaßigen Bemerkungen. Das folgende Programm ist also entgegen jedem Rhetorik-Seminar geschrieben und so wurde es auch vielfach aufgenommen.

Wahrscheinlich fanden die Worte Jesu auch darum nicht so viel Beachtung, in unserer Zeit und in all den Zeiten davor, weil es nicht plakativ genug geschrieben war.

Sicher, in Bezug auf die damalige Öffentlichkeitsarbeit gab es kaum etwas auszusetzen. Der Ort war gut gewählt, die Werbung im Vorfeld war gut gelaufen.

Ein Stern hatte die Geburt des Kindes angekündigt und schon damals hatte der Vorgang der Niederkunft in einem Stall für Unmut unter der Bevölkerung gesorgt, ein künftiger König in einem Stall geboren? So richtig gut fand das damals niemand.

Auch das Joint-Venture mit Johannes, dem Täufer, einem Vetter Jesu, war ein voller Erfolg. Ganz im Dienste dessen, der da war, der da ist und der da kommt, hatte sich der Asket und Täufer gestellt und den Weg für den jüngeren bereitet.

Und dann das! Der Höhepunkt der bisherigen Handlungen: Der neue Messias hatte Menschen geheilt! „Er kam, sah und siegte!“ titelte damals leider keine der zahlreichen Tageszeitungen. Wohl auch deshalb, weil nicht genug Geld geflossen oder in Sicht war, das solche Anstrengungen gerechtfertigt hätte.

Die Öffentlichkeitsarbeit war bis zu diesem Punkt wirklich gut und hatte bis zu diesem einen Tag ihr Ziel erreicht. Viele, viele Menschen hatten sich versammelt um den zu hören, der bisher für soviel Verwirrung und Unverständnis gesorgt hatte.

Man wollte sich ein Bild machen von dem Mann, über den Meinungen, gelinde gesagt, doch sehr weit aus einander liefen. Manche fanden all das was er tat und sagte großartig: Mit den Menschen umgehen, die ganz unten waren. Er aß mit einem Zöllner, er saß gemeinsam am Tisch mit Sündern. Und dann diese wunderbaren Sätze: Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Schade nur, dass die viele Menschen, damals wie heute dachten, sie seien nicht angesprochen. Ich werde doch nie krank!, sagten sich manche Menschen und hatten wieder nichts verstanden. Denn wer wollte und will schon krank oder gar arm sein? Sicherlich nicht die Elite, nicht die Leistungsträger.

Wo kämen wir auch hin, wenn es eine Lobby für Arme, Kranke und Sünder gäbe? Eine Gesellschaft, die ihre klaren Regeln hat, kaum Kündigungsschutz und so wenig Mitbestimmungsrecht wie möglich für die Schwachen. Das war Programm. Schade nur, dass die Elite die Begriffe arm und reich, krank und schwach immer nur auf einem materiellem Hintergrund verstanden hat und auch heute noch versteht.

Aber diese Begriffspaare bezeichnen auch die Suche und die Frage nach einem Zustand außerhalb aller materiellen und finanziellen Sicherheit und Glückseligkeit. Diese Begriffe reden nicht nur zu den vermeintlich abgeschlagenen, sondern zu allen Menschen. Denn sicherlich ist nicht jeder immer stark oder reich. Ab und an wird man zweifeln an seinen Entscheidungen, ab und an wird man sein Gewissen hören, wenn man sieht, dass wieder tausende Menschen entlassen werden, weil die Aktionäre eine Gewinnausschüttung sehen wollen.

Nun, liebe Schwestern und Brüder, damals wie heute war man sich einig: Arm und krank, sündig und unrein, das waren Begriffe die allein den Menschen vorbehalten waren, die anders waren und aus welchen Gründen auch immer ihren Platz in der Gesellschaft verloren hatten.

Diese Menschen hatten große Hoffnungen in den Mann aus Nazareth gesetzt, behandelte er sie doch über alle Gesellschaftsgrenzen hinweg, wie normale Menschen. Er ging in ihre Häuser, er zeigte sich öffentlich mit diesen Menschen und wertete sie auf, weil er sie ernst nahm. Den Vertretern des Establishments war das natürlich nicht geheuer, denn was dieser Mann da öffentlich lehrte war nichts anderes als das Gegenteil von dem., was bis dahin gegolten hatte. Eine klare Trennung zwischen den Menschen, ganz genaue Regeln, die man einzuhalten hatte und geflissentlich übertreten konnte, wenn man sich das leisten konnte.

Auch heute gibt es Beispiele solcher Art: Manche Menschen verlieren ihren Status für wenige Cents oder für eine Frikadelle vom Firmenbuffet, andere Menschen schrieben ihre Memoiren und wollen nicht erzählen, wer das Geld dafür gespendet hat, dass einen überhaupt in die Lage versetzt hatte, seine Memoiren zu schreiben.

All diesen Menschen kam es wohl zu revolutionär vor, dass ein Mensch davon redete, dass es eigentlich keine Grenzen gibt, dass alle Menschen gleich sind. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus!“ So verbreiteten es prominente Schüler des Mannes aus Nazareth und gaben damit seine Lehre sehr genau wider. „Gleichmacherei!“, schimpften auf der einen Seite sowohl die einflussreichen Entscheider als auch die nationalistischen Dummköpfe, die daran glaubten, dass es eine höher gestellte Rasse gäbe und alle anderen Menschen minderwertig seien und alle ignorierten solche Aussagen.

Und so ignorierten sie auch diesen einen Tag, als der Rabbi auf eine Berg gestiegen war um sein Grundsatzprogramm vorzustellen. Natürlich ignorierten sie diese Veranstaltung nicht wirklich, denn es war und ist wichtig, den Feind zu kennen, um ihn besser bekämpfen zu können. Und so versammelten sich viele an diesem Tag und hörten auf die Worte des Menschensohnes. Einige voller Erwartung, andere voller Ablehnung.

Sicher war die Ablehnung von dem ein oder anderen Standpunkt aus auch begründet und verständlich. Wer derartige Handlungsmaxime unter Volk brachte konnte damit nur Schaden anrichten.

Die Leidtragenden, die Sanftmütigen, die Traurigen, die ungerecht behandelten – all diese Menschen wurden hier direkt angesprochen und gesegnet. Unglaublich! Wo blieben denn die Erfolgreichen, die Glücklichen, die Leistungsträger? All diese kamen nach eigenem empfinden nicht vor und kamen doch vor. Denn Jesus betrachtete immer den ganzheitlichen Menschen. Eine Aufteilung gab es nicht. Schließlich ist uns allen klar, dass z. B. Besitz nicht davor schützt, Traurigkeit zu empfinden. Und auch ein Börsengewinnler ist nicht gefeit vor Liebeskummer.

Traurigkeit und Leiden jeder Art, soviel wußte Jesus, waren Sachen, die alle Menschen kannten und ab und an empfinden. Und auch das Leben als Ganzes, mit allen Höhen und Tiefen, konnte keiner umgehen. Und weil der ganzheitliche Mensch ein ganzheitliches Programm braucht, machte sich Jesus auf den Weg und brachte seine Ansichten unter das Volk und räumte auf mit dem unseligen Auge um Auge, Zahn um Zahn. An Stelle der Vergeltung setzte er die Feindesliebe.

Es müssen solche Ansichten gewesen sein, die vielen Menschen nach ihm die Formulierung abverlangten, mit der Bergpredigt als Ganze könne man keinen Staat regieren.

Ist denn die Bergpredigt erfüllbar? Der großartige Theologe Heinz Zahrnt hat darauf eine ganz wunderbare Antwort gegeben: „Statt sich mit der Unerfüllbarkeit der Bergpredigt zu entschuldigen und sich dabei zu beruhigen, soll sich die Christenheit durch ihre Nichterfüllung aufstören und beunruhigen lassen und dadurch ihrerseits wieder zu einer Unruhe in der Gesellschaft werden. Die Christenheit befindet sich hier in einem Lernprozess. Die »Fahrrinne« ist im Vergleich zu früheren Zeiten sehr viel schmaler geworden.“

Liebe Freundinnen und Freunde in Christus! Wir sind also aufgefordert, das Regierungsprogramm Jesu zu tun. Nicht nur darüber zu reden, sondern es auch zu hören und dann auch zu leben. Ob das schwierig ist? Mit Sicherheit! Ob sich das lohnt? Hören wir noch einmal Heinz Zahrnt:
„Die Forderungen der Bergpredigt dürfen nicht in allgemeine ethische Maximen oder praktikable politische Handlungsanweisungen verwandelt werden. In ihnen sind der Glaube an Gott und die Liebe zum Nächsten zu einer unauflöslichen Einheit verbunden. Darum bildet die von Jesus gepredigte »Umkehr« in jedem Fall die Voraussetzung für ihre Erfüllung!“

Also: „Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden!“

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