Seht, die gute Zeit ist nah

"Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht." – liebe Gemeinde – heißt es im Evangelium. Seht, die gute Zeit ist nah … Jedem Ereignis gehen Vorboten voraus, wenn die Bäume ausschlagen naht der Sommer, so sagt Jesus.

Zu sehen gibt es in diesen Tagen wahrhaftig viel. Die ganze Stadt ist in Licht gehüllt, Sterne, Christbäume, Leuchtreklame, Lichterbogen, Leuchtketten. Überall hängen Sterne in den Fenstern, glitzernde Geschenke, Spielsachen, Stände mit Lebkuchen und Glühwein fangen unseren Blick. Das geschulte Auge konnte schon im September die Vorboten erspähen – Schokolade und Spekulatius, Weihnachtsmänner und Marzipankartoffeln – weit kann das Weihnachtsfest nicht mehr sein …

Mit all unserer Kunst und Hingabe unseren "Konditorischen" Kreationen unserem Engagement als Innenraumgestalter und als Festivalmanager bereiten wir uns auf das große Fest vor. Zu sehen gibt es wahrhaftig viel.

Worum geht es bei diesem Fest? All diese Vorbereitung macht nur Sinn, wenn sie auch in uns etwas zum Klingen bringt, uns anspricht, uns öffnet. Manchmal überflutet uns das, was wir zu sehen bekommen und wir wollen die Augen schließen. Da wird die Vorbereitung zum Stress. Die zigte Weihnachtsfeier, die Jagd nach dem richtigen Geschenk, die Übelkeit nach dem wievielten Glühwein auch immer. Weihnachtsklang in jedem Geschäft. Gehen wir zurück in die Stille. Hat dieses Fest ein Echo in unserem inneren? Horchen wir einmal.

[Seht, die gute Zeit ist nah: Flöte]

Seht, die gute Zeit ist nah … Ach ja? Vielen graust es schon vor Weihnachten. Die Verwandten kommen und für einige Tage sitzt man eng wie nie aufeinander und weiß doch nichts miteinander anzufangen. Gute Zeit? Zeit für Familienkrach, dessen Vorzeichen so gar nicht abzusehen waren … Gute Zeit? Viele haben Angst, an den Feiertagen allein zu sein. Es wird als besonders bedrückend erlebt am Rand zu stehen. Und so mancher beendet in diesen Tagen sein Leben, die Vorzeichen sind im Trubel untergegangen.

[Seht, die gute Zeit ist nah: Flöte + Orgel]

Seht, die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde, kommt und ist für alle da, kommt, dass Friede werde …

Das ist die eigentliche Botschaft. Nichts neues für uns. Und doch so schwer greifbar. Innerer und äußerer Frieden stellt sich da ein, wo Gott Platz findet. Wo er "landen" kann, wo er den Menschen erreicht, berührt, erfüllt. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe. So haben wir es in der Lesung gehört. Stärkt eure Herzen und wartet – das ist die Vorbereitung auf das Kommen Gottes. Komm o mein Heiland, Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. So lautet die letzte Strophe des wohl bekanntesten Adventliedes. Sind wir so vorbereitet? So wie wir es inbrünstig singen? Oder geht es Gott wie Maria und Joseph: sie fanden keine Herberge … Wir sehen die Vorboten – öffnen wir unsere Herzen. Gott kommt auf die Erde. Als Kind, als wahrer Mensch ist er uns einst ganz nahe gekommen. Dies vergegenwärtigen wir uns im Advent. Dies geschieht hier und jetzt: Gott kommt auf die Erde.

Singen wir die erste Strophe, damit es uns eingängig wird gleich zweimal hintereinander.

Seht, die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde … Der Predigttext, das Evangelium lässt Jesus von einem anderen Kommen Gottes sprechen: … wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. So schwierig wie es ist ein Ereignis, das 2000 Jahre zurück liegt in die Gegenwart zu holen, so schwierig ist es auch die Zukunft greifbar zu machen. Die Untergangsvisionen, die Angst, die die Menschen erfassen soll, lassen sich so schwer mit der Vorstellung einer nahenden guten Zeit verbinden.

"Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit", konnten wir in der Bachkantate zum Ewigkeitssonntag hören. Glauben wir an das Reich Gottes? Bei jeder Beerdigung geben wir unserer Hoffnung Ausdruck, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist, mehr noch, dass da etwas kommt, das unsere Vorstellung überschreitet. Wenn wir "so nimm denn unsre Hände" singen und den Wunsch "mögen Engel dich geleiten" aussprechen, geben wir der Vorstellung Raum, dass Gott uns greifbar nahe kommt, im Tod uns in sein Reich aufnimmt, dort wo wir eingeladen sind zum ewigen Mahl: "Hirt und König, Groß und Klein, Kranke und Gesunde, Arme, Reiche lädt er ein, freut euch auf die Stunde" … denn: er wird bei uns wohnen, und wir werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit uns, wird unser Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von unseren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. (Off 21,3f) Auch wenn wir es nicht sehen, die gute Zeit, das Reich Gottes ist nahe.

Singen wir nun das ganze Lied einmal durch.

Die Zukunft und die Vergangenheit vergegenwärtigen, das ist die schwierige Vorbereitungsarbeit auf das Fest. Das ist ein Schritt des Glaubens, der geschehen kann, wenn wir unser Herz für Gott öffnen. Dieser Schritt gibt uns die Möglichkeit Distanz zu unserer irdischen zeitlichen und räumlichen Begrenztheit einzunehmen und unser Leben aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Manches – um ein Lied von Reinhard Mey zu zitieren-, was uns hier groß und wichtig erscheint wird dort nichtig und klein. Den Einklang zu finden bedarf der Übung. Wir gehen einmal der einen Richtung und dann wieder der anderen intensiv nach. Wir lassen uns von der inneren Stimme leiten. Wenn wir das in der Gemeinschaft mit anderen Christen tun, gibt es zuweilen die Einstimmigkeit, zuweilen einen Chor, zuweilen, wenn jeder seinen Weg zeitversetzt geht und man sich doch berührt einen Kanon.

Das wollen wir nun mit der ersten Strophe versuchen. Einmal gemeinsam, dann in 2 Gruppen …

Manches bleibt für uns als wirklich schwierig stehen. Wem ist nicht der Satz Jesu aufgestoßen: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht …

Dieses Geschlecht ist schon lange vergangen und viele weitere auch. Alle mit zunehmender Enttäuschung darüber, den großen Knall nicht erlebt zu haben, der die Welt aus den Fugen hebt. Bei jeder Jahrhundert- und Jahrtausendwende gibt Massenpanik, dass nun die Zeit reif sein. Bei jeder Katastrophe lassen wir uns an das Ende der Zeit erinnern. Wie nah ist uns diese gute Zeit, das Reich Gottes? Die einen verlieren den Glauben, die anderen gehen von Haus zu Haus und ermahnen, das Warten nicht aufzugeben. Die Botschaft:

"Seht, die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde, kommt und ist für alle da, kommt, dass Friede werde" wird zu unglaublich, als dass man sie annehmen könnte. Niemand wird sich deshalb als unchristlich bezeichnen lassen. Ein Stück der großen Botschaft wird da greifbar, wo wir in unserem Leben Gottes Wirken erfahren und uns begleitet wissen, wo wir mit ihm ins Gespräch kommen und sein Wort hören. Wir singen dann eben nicht: "seht, die gute Zeit ist nah", dennoch haben wir Grund Gott zu loben und ihm zu singen und so auf seine Botschaft zu antworten: "Halleluja" – dazu werden uns auch verschiedene Melodien angeboten… für die, die sich in den Höhen bewegen und die, die aus der Tiefe rufen …

Wir singen Halleluja. Die Orgel spielt beide Variationen je einmal vor und unterstützt diese Stimmen, während die Flöte die Melodie des Liedes in den Raum trägt.

"Jetzt und noch nicht" heißt die geheime Formel für das Reich Gottes. Der Samen wurde vor langer Zeit gelegt, bis es sich zu seiner ganzen Fülle entfaltet, vergeht eine lange Zeit. Davon hörten wir in der Lesung aus dem Jakobusbrief: Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe. Gottes Zeit ist die gute Zeit, die allerbeste Zeit, wie Bach es ausdrückt. Gottes Zeitbegriff ist ein anderer als unserer: 1000 Jahre sind ein Tag. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht. Was ist unsere Zeit angesichts der Ewigkeit? Es berühren sich Himmel und Erde, es berühren sich Vergangenheit und Zukunft, wenn wir uns das Reich Gottes vergegenwärtigen. Dann ist Gott greifbar nahe im Leben wie im Sterben. Wenn wir uns öffnen und Gott bitten uns zu erfüllen, dann können wir das spüren. Wir können bitten mit alten oder neuen Worten, so wie sie uns von den Lippen kommen, vielleicht mit den Worten des alten Adventsliedes:

Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner
Gnade ein;
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr.

Seht, die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde, kommt und ist für alle da, kommt, dass Friede werde, – und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Singen wir zum Schluss das ganze Lied mit allen Strophen erst zusammen einstimmig im Chor mit der Orgel und dann im Kanon begleitet von den Hallelujarufen – jeder in seiner Stimme.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen