Sehnsucht nach mehr

Liebe Gemeinde,

vor kurzem habe ich sinngemäß folgende Aussage gehört, die mir sehr gut gefallen hat: „Es gab schon Gesellschaften vor dem Rad, aber keine Gesellschaft vor der Geschichte.“ Will heißen: die großen technischen Erfindungen haben unsere Gesellschaft, unsere Gemeinschaft immens voran gebracht, vieles erleichtert und verbessert. Entscheidend aber für eine Gemeinschaft sind nicht die technischen Voraussetzungen, sondern die ihr zugrunde liegenden Geschichten. Die Erzählungen also, die sie zusammen halten und ihr Sinn verleihen.

Ich nehme an, liebe Gemeinde, dass auch dieses Jahr viele schöne Geschenke unter dem Christbaum bei Ihnen liegen werden. Wahrscheinlich auch viel neuere Technik, zumindest für die etwas Jüngeren unter uns. So schnell geht hier die Entwicklung, dass man Mühe hat, dran zu bleiben. Vieles wird digital möglich in einer Geschwindigkeit und Verfügbarkeit, die man sich früher hat nicht vorstellen können. Es ist schön, dass wir uns untereinander auch in dieser Weise beschenken: Mit Dingen und Gegenständen, die uns dann hoffentlich auch gegenseitig Freude bereiten.

Und dennoch werden wir spüren, dass diese Geschenke alleine nicht ausreichen. Spüren, dass es jenseits der Geschenke noch etwas gibt, wonach wir uns sehnen, ein Bedürfnis, ein Verlangen, welches mit Dingen allein nicht gestillt werden kann. Weihnachten in seiner bei uns noch recht traditionellen Form kann uns dabei helfen, dieses Verlangen, dieses Wünschen wieder deutlicher zu spüren. Es ist freilich das ganze Jahr über da, aber in unserem Alltag bleibt doch manchmal wenig Zeit, sich darauf einzulassen und es zu bedenken. Im Alltag sind wir oft genug froh, wenn wir überhaupt hinterher kommen, wenn wir alles schaffen, was wir uns selbst und andere uns auferlegt haben: In der Schule, in der Arbeit, in der Familie. Jetzt aber ein paar Tage frei: Ein Einfallstor für dieses Fragen, dieses Sehnen. Auch zu spüren, dass allein die Dinge nicht in der Lage sind, unsere Gemeinschaft zu füllen. Es muss noch etwas anderes geben, etwas Tieferes, etwas Stärkeres.

Wie aber will man das fassen? Wie aber soll man dies benennen: Das Geheimnisvolle, welches der Mensch sucht, wenn er nicht ganz abgestumpft ist? Jenes Machtvolle, nach dem er sich sehnt, welches von außen her auf ihn zukommt, ihn anspricht und ihm so Würde und Sinn verleiht, weil der Mensch eben nicht aus sich selbst heraus in der Lage ist, sich diese Würde zu geben und den Sinn zu benennen? Filme und Bücher thematisieren dieses Suchen und dieses Benennen auf immer wieder neue und fantasievolle Weise. Und oft geht es dabei um etwas Magisches, was sich die Menschen am Ende dieser Suche vorstellen, also etwas, was auf geheimnisvolle Weise jene Macht verleiht, die Leben ändern kann. So sucht Indianer Jones nach dem Heiligen Gral und viele andere Filmkollegen mit ihm, Harry Potter dringt immer weiter ein in die Geheimnisse seiner Zauberwelt, weil er eben jene Antworten haben will nach seinem Ursprung, seiner Herkunft. Usw. usf. Doch was sie finden am Ende all ihrer Suche ist nicht ein Ding, einen Gegenstand, der nach Belieben handhabbar wäre, sondern sie finden eine Geschichte, eine Deutung – erzählt in vielen Bildern.

Wenn Sie diese Sehnsucht dieser Tage vermehrt spüren sollten, dann nehmen Sie es als Hinweis und Aufforderung ebenfalls nach dem zu suchen, was Ihr Leben gründet. Welche Geschichte also für Sie der Text ist oder die Bilder sind, die über Sie hinaus reichen: Sie also gründen und Ihnen Zukunft zuweisen!

Die Geschichten, die wir heute hier hören, wollen nichts anderes sein oder besser: Sie sind nichts anderes, als eben solche „Gründergeschichten“ für Gemeinschaft, für Leben und für Sinn. So ist es auch unser Predigtwort für den Heiligen Abend heute aus dem Propheten Jesaja im 9. Kapitel, die Verse eins bis sechs:

[TEXT]

Solche machtvollen Bilder und Worte gehören zu den Texten, die erklären, warum wir sind und wohin wir gehen. Zumindest für all jene, die ihre eigene Hoffnung und ihr Sehnen darin erkennen können und die sich ansprechen lassen von jener Botschaft. Denn das gehört freilich auch dazu: Dass unser Verstand, unser Denken unser Wirtschaftlichkeitsberechnen es eben oft nicht zulässen, dass solche Worte in unser Herz dringen. Dann heißt es etwa: „Ich kann der Bibel nicht glauben, weil sie statt der Evolutionstheorie von der Schöpfung Gottes spricht!“ Ja aber, liebe Leute, darum geht es doch gar nicht! Natürlich darf man als Christ die Grundlagen der Evolutionstheorie für das beste denkbare Modell der Entstehung der Erde annehmen, aber das verleiht doch noch keinen Sinn für mein Leben – das trifft doch noch keine Aussage über meine Beziehung zu diesem Leben und zu meiner Aufgabe darin!

Nehmen Sie das Weihnachtsfest, die besinnlichen Tage, wie es so schön heißt, auch dazu her: dieses Gefangensein im Machbarkeitsdenken zu durchbrechen und sich anrühren zu lassen von dem eigentlichen Sinn der biblischen Worte, auch jenseits von Wissenschaftlichkeit und scheinbar objektiver Betrachtung. Seien Sie mutig und hören Sie auf Ihre innere Stimme, welche Antwort haben will auf die Frage nach dem Sinn und dem Wert des Lebens!

Und so geht es für uns heute in jenem Jesaja-Wort freilich nicht um die Kämpfe in Midian und welches Volk da vor 2500 Jahren gerade welches andere Volk mit Krieg überzogen hat. Sondern es geht um die Hoffnung, die in jenem Text Gestalt gewinnt: Nämlich, dass die Gewalt nicht das letzte Wort haben wird. Nämlich, dass die Dunkelheit im Leben nicht ewig bleiben wird. Sondern, dass es eine andere Zukunft geben kann – eine Zukunft, die wir nicht anders beschreiben können als mit Fantasiewörtern: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“.

Nun haben wir – bei uns in Deutschland – Gott-sei-Dank – seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr gehabt, sondern eine lange Periode des Friedens und ja, auch des Wohlstandes. Aber dennoch sind die Fragen nicht verschwunden: Nach dem Ende von Unrecht und Ungleichheit, nach dem Woher von Leid und Tod, nach dem Ende von Gewalt und Sinnlosigkeit.

Weihnachten ist im Besonderen eine Zeit, die diesen Fragen und diesem Sehnen in solchen Worten, wie sie Jesaja formuliert, eine Antwort bereit hält. Er sagt uns heute: In der Person Jesus und in seinem Handeln findet ihr Antwort! Dass wir heute seines Geburtstages symbolisch gedenken, soll uns erinnern an jene Antwort.

Wer sich auf diesen Jesus stützen kann, vertraut eben diesen Geschichten, diesen Hoffnungsbildern für sein eigenes Leben. Dass man z.B. nicht immer zurück schlagen muss, wenn einem Gewalt begegnet. Dass Liebe und Vergebung wichtiger sind, als Rechthaberei und Aufrechnerei. Dass Gerechtigkeit nicht nur heißt, dass jeder genau gleich viel haben muss usw. usf.

Und bitte, liebe Gemeinde, wenn wir hier von Zukunft reden, dann heißt das ja gerade nicht „St. Nimmerleinstag“, sondern eine Zukunft für mich reicht ja gerade in meine Gegenwart hinein, denn Zukunft ist etwas anderes als nur die Summe der Möglichkeiten, die es vielleicht geben könnte, wenn ich noch etliche Jahre weiter lebe. Zukunft, die ich mir erhoffe, hat bereits mit mir zu tun und ist daher Teil meiner eigenen Person.

Ich verspreche Ihnen, liebe Gemeinde, wer solche Texte wirken lässt auf sich und offen ist, seiner „Sehnsucht nach mehr“ Raum zu geben, sie zuzulassen und sich ansprechen lässt, der wird erfahren in seinen eigenen Leben, wie wertvoll und hilfreich diese Geschichten und Bilder sind. Nicht immer hilfreich im Sinne der Welt der Wirtschaftlichkeit und des eigenen Vorteils, aber gewiss hilfreich in der Fragen der Sinnhaftigkeit und der Beantwortung meiner Lebensfragen.

Auch deshalb lade ich Sie ein, sich diesen Texten und diesen Fragen auch öfter zu stellen, sie zu hören und wirken zu lassen, nicht nur in der Weihnachtszeit. Nicht, weil ich mich besser fühle, wenn die Kirche voller ist und auch nicht, weil Sie sich sehen lassen müssten vor den anderen, sondern allein aus diesem einen Grund, dass Sie vermehrt und beständig Worte des Lebens hören können für sich selber.

„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.“

Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest: Segen Gottes also für Ihr Leben, Ihr Fragen und Ihr Tun.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es beschreiben könnten, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

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