Segen, eine jüdische Tradition

Welche Teile des Gottesdienstes sind den Leuten besonders wichtig, wenn sie sonntags  die Kirche besuchen? Darum ging es in einer Umfrage, über die ich vor längerer Zeit gelesen habe. Schöne Lieder, gemeinsam beten, natürlich die Predigt – diese Favoriten hatte ich erwartet. Einer hat mich jedoch überrascht: der Segen am Schluss. Für erstaunlich viele spielt der Segen eine große Rolle. Sie wollen gesegnet nach Hause gehen, im Bewusstsein, dass Gott sie begleitet und stärkt.
Im Nachhinein fand ich das sehr einleuchtend. Ab und an muss mir jemand sagen: du bist gewollt, du bist richtig, du wirst gebraucht, von dir geht etwas aus, du schaffst das. So etwas gehört zum Urvertrauen, das Kinder möglichst von klein auf mitbekommen sollen und das ihnen bei der Taufe zugesprochen wird. Nicht immer spiegelt unsere Umgebung das wider. Gerade in schwierigen Phasen haben wir besonders viel Rückenwind nötig. Manchmal stehen Menschen auch ganz allein da und haben kein Gegenüber, das sie innerlich stärkt und stützt.
Der Segen kann helfen, nicht zu verzweifeln. Er kann Mut machen zu vertrauen: das Leben trägt. Es ist uns nicht feindlich gesonnen. Es gibt eine gute Macht, die uns geschaffen hat und die das Leben will, auch in Corona-Zeiten. Diese Macht steckt auch in uns und gibt uns genügend Kraft. Auch in Krisen brauchen wir nicht zerbrechen, sondern sie können zur Chance werden. Wir können wachsen. Wir können uns wandeln, und das ist etwas Heilsames. Wir können und sollen in unserer Umgebung etwas bewirken.
Der Segen sagt uns: Du bist wertvoll. Du bist nicht nebensächlich. Es hat einen Sinn, was du denkst und fühlst. Du kannst dich verändern, und du kannst um dich herum etwas verändern. Du kannst etwas in Frage stellen, anstoßen und in Bewegung bringen. Dazu bist du da: du sollst für andere zum Segen werden, zur Bereicherung.

Der Segen am Schluss des Gottesdienstes ist ein Element jüdischer Tradition, die das Christentum übernommen hat. Er gilt ursprünglich jüdischen Menschen.  Übrigens: im jüdischen Verständnis segnen die Menschen auch Gott, nicht nur umgekehrt. Oft heißt es in der Bibel: Segnet Gott!

Um Segen gibt es immer wieder Streit. Immer wieder wurde Menschen der Segen verweigert. Paare wurden nicht gesegnet, Toten das letzte Geleit verwehrt. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, welches zeitgebundenes und beschränktes Bild von Gott dahinterstand. Glauben soll die Menschen befreien und nicht die Moralvorstellungen der Zeit reproduzieren. Die Bibel ruft uns auf zu segnen, nicht zu fluchen oder Leben zu zerstören.
Letztendlich sind nicht wir es, die segnen, sondern Gott segnet durch uns. Aber wir können Segen durch uns hindurchfließen lassen, wir können ihn weitergeben und vervielfältigen. Ich wünsche mir, dass Leute auch in unseren Gemeinden erfahren können: hier bist du richtig.

Andere Predigt über 4. Mose 6,22-27: Einander und Gott segnen
Mehr Predigten von Margot Runge: www.queerpredigen.com

Begrüßung
Heute feiern wir Trinitatis. Trinität – das ist die Dreieinigkeit von Gott. Gott ist dreifaltig, Gott ist vielfältig. Gott hat viele Seiten, erscheint in unterschiedlicher Weise, spricht mit vielen Stimmen.
Bei den Menschen ist das ganz ähnlich, und wir sind ja Gottes Ebenbilder. Wir alle haben ganz unterschiedliche Facetten.  Viele Gefühle und Gedanken wohnen in uns, manchmal müssen wir uns entscheiden, auf welche unserer Stimme wir hören wollen. Wir sind voller Widersprüche, aber sie machen eine Person auch interessant und unverwechselbar. Bei Gott finden die unterschiedlichen Stimmen und Seiten zur Einheit.   Vielfalt ist in Gott selbst angelegt. Zu Trinitatis feiern wir ihr sogar ein Fest.

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