Schwert oder Pfeil … oder …?

Liebe Gemeinde,

als Predigttext hören wir Worte aus dem Buch Jesaja, Kap 49. Dieser Text wird „Zweites Gottesknechtslied“ genannt. Lied, weil er eine poetische Form hat. Gottesknecht, weil der Text von dieser Figur handelt, und weil diese Figur in ihm zur Sprache kommt.

Wer genau dieser Gottesknecht ist, verschwimmt wie eine Gestalt, die man in flirrender Hitze am Horizont erblickt. Ist es ein einzelner Prophet? Ist es eine kollektive Gestalt, also eine Gruppe von Menschen? Ist am Ende Jesus damit gemeint?

Das bleibt offen – und das gilt es auszuhalten.

Doch hören wir den ersten Abschnitt des Liedes:

1 Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war.

2 Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt.

3 Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. (V 1-3)

Hier spricht jemand, der mehr als ein gesundes Selbstbewußtsein hat. Er weiß sich berufen, berufen von Gott und berufen von Anfang an. Er wendet sich heute Morgen an uns – und er wendet sich an die äußersten Enden der Erde und an die Menschen, die dort wohnen.

Er hat einen Auftrag erhalten, einen Auftrag von Gott – nämlich Gott zu verherrlichen. Dazu ist er im wahrsten Sinne des Wortes gerüstet – mit Schwert und Pfeil. Schwert und Pfeil – spitz und scharf geschliffen sind sie beide. Tödliche Waffen.

Das Schwert – eine Waffe, mit der man dem Gegner ganz nahe kommt. Man kann seinen Atem hören, seine Haut riechen, die Härchen auf seinen Armen sehen.

Der Pfeil – eine Distanzwaffe, die einige hundert Meter weit fliegt. Der Gegner wird zum Ziel. Details, die ihn unverwechselbar machen, erkennt der Schütze nicht. Und der Getroffene mag manchmal nicht wissen, wer da auf ihn angelegt hat, wer auf ihn gezielt hat, wer da den Pfeil aus der Sehne des Bogens hat schnellen lassen.

Die Waffe des Gottesknechts ist das Wort, das aus seinem Mund ergeht und wie ein scharfes Schwert ist.

Er selbst ist ein Pfeil im Köcher, der darauf wartet, abgeschossen zu werden, aber nicht weiß, wann und wohin.

Doch der Zweck ist klar: Gott soll verherrlicht werden – auch durch ihn.

Worte hart und geschliffen wie Schwerter– solche Worte hauen und dreschen nun schon seit einiger Zeit durch den öffentlichen Raum: „Gutmensch“ ist solch ein Schwerthieb. „Asyltourismus“, „fake news“ – das ist nicht das elegante Florett der geschliffenen Rede, nicht einmal der Säbel der Auseinandersetzung – das sind Knüppel und Baseballschläger.

Doch auch Worte, die spitz und scharf sind wie Pfeile, fliegen durch öffentliche Diskussionen. Die anonymen Kommentare, in den beleidigt, gehetzt, mit dem Tode gedroht wird – sie treffen wie Pfeile aus dem Nichts. Weil man den Schützen nicht erkennt, nicht erkennen kann, ist eine Auseinandersetzung Aug in Aug nicht möglich. So mancher hat sich schon zurückgezogen aus Diskussionen und öffentlichen Ämtern, weil er oder sie diesen Angriffen schutzlos ausgeliefert war.

Durch Schwert und Pfeil des Wortes – kann so Gott verherrlicht, Gottes Wort verkündet werden?

Dazu später mehr.

 

Der Gottesknecht weiß sich geschützt, denn der Schatten der Hand Gottes bedeckt ihn.

Kann Schatten denn ein Schutz sein, wenn man mit scharfen Waffen hantiert?

So also beginnt dieses Gottesknechtslied – mit mächtigen, großen Worten, mit starken Bildern.

Doch dann fährt der Gottesknecht fort, und die Stimmung ändert sich, verkehrt sich ins Gegenteil:

4 a Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.

Alle Mühe – umsonst. Erwählung und Ausrüstung und Schutz – sie führten nicht zum Erfolg.

Ich erinnere mich an einen Kollegen aus Magdeburg, Pfarrer G.. Ich sah ihn manchmal auf der Straße in dem Viertel, in dem wir beide wohnten. Oder ich traf ihn, wenn er aus dem Dom kam, wo er die Mittagsandacht gehalten hatte. Er ging etwas gebeugt vom Alter, hörte nicht mehr so gut, doch hielt sich ansonsten aufrecht.

Pfarrer G. war in Magdeburg in einem Pfarrhaus aufgewachsen und war nacheinander in vielen Gemeinden der Stadt Pastor gewesen. Nun war er schon einige Jahre im Ruhestand. Doch wenn man eine Vertretung brauchte, dann konnte man ihn anrufen und er übernahm gerne diesen Dienst.

Einige Gemeindeglieder sagten allerdings: „Pfarrer G.? Lieber nicht. Der ist doch schon so alt. Und er spricht so leise. Können Sie nicht jemand anderen finden?“

Ab und an erzählte mir Pfarrer G. von seinem Leben, besonders seinem Berufsleben. Wie er im Krieg und später in der stark zerstörten Stadt aufwuchs und nichts als Flausen im Kopf hatte. Daß er Pfarrer wurde, wie sein Vater, Pfarrer im Sozialismus. Und er erinnerte sich, wie groß die Konfirmandenjahrgänge zunächst gewesen waren, ganze Schulklassen. Wie voll die Kirchen damals gewesen waren, nicht nur an Heiligabend. Die Zahlen hatte er genau im Kopf. „Und nun sind wir so wenige Christen, und die Gottesdienste sind so leer. Was ich getan habe, mein ganzes Leben – es war alles umsonst.“

Ich spürte, daß er sich persönlich verantwortlich, ja schuldig fühlt, daß in Magdeburg – einst als „unseres Herrgotts Kanzlei“ eine Stadt der Reformation – heute 86% der Einwohner konfessionslos sind. Dabei haben so viele Faktoren zu dieser Entwicklung beigetragen. Daß er mit seiner Arbeit, seinem Vermögen und seiner Kraft sich dem entgegenstellen könnte – das ist doch vermessen. Doch er tat mir leid, und ich wußte nicht, was ich ihm hätte sagen können.

Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.

Doch dabei bleibt es im Gottesknechtlied nicht.

4 b Doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.

Ist das ein Trost?

Gott wird es richten, und Gott lohnt mir auch mein – scheinbares oder tatsächliches – Versagen?

Doch für den Gottesknecht bleibt es nicht dabei, denn er fährt fort:

5 Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke –,

6 er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

Es scheint wie am Anfang: Die Berufung durch Gott von Anfang an. Der große – ja, übergroße – Auftrag, zu sammeln, die zu Gott gehören.

Doch da ist mehr: „Ich bin vor dem Herrn wert geachtet“ – was zuvor überheblich geklungen haben mag, klingt nun – nach dem Eingeständnis des vergeblichen Mühens – irgendwie anders. Gott achtet den Gottesknecht wert – ich würde sagen: er liebt ihn. Er ist in Gottes Augen wertvoll – das geht über seinen Auftrag und seine Berufung hinaus – und auch über den Erfolg dessen, was er tut und womit er sich abmüht.

Mein Gott ist meine Stärke“, bekennt der Gottesknecht nun. Schwert und Pfeil sind aus der Hand gelegt.

In dem Scheitern und in der Verzweiflung darüber passiert etwas. Der Wind dreht sich, das Wetter schlägt um. Mir scheint, das Scheitern, die Verzweiflung, ja, das Aufgeben sind die Voraussetzung dafür, daß nun ein anderer Ton angeschlagen wird – und der Gottesknecht sagen kann: „Ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke.“ Nicht mehr der Gottesknecht mit seinen Waffen sind uns vor Augen gestellt, sondern Gott.

Der Gottesknecht bekommt wieder einen Auftrag, trotz seines bislang vergeblichen Mühens und Scheiterns: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen,so lautete seine Aufgabe bis jetzt. Die Aufgabe, an der er gescheitert war. Gott erweitert den Auftrag: sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

Das ist verrückt. Welcher Trainer würde sagen: „Weil du beim 1000 m Lauf schlapp gemacht hast, lasse ich dich 2000m mit Hürden laufen?“

Doch etwas ist ja anders. Es geht nicht mehr um Schwert und Pfeil. Es geht um Licht.

Es geht nicht mehr ums Mühen und Arbeiten, es geht ums Sein.

Sei Licht – lautet Gottes Auftrag und Berufung. Sei Licht, und mein Heil wird auch den letzten, hintersten Zipfel der Erde erreichen und die Menschen, die dort leben.

Licht sein – das ist der Auftrag des Gottesknechts.

Licht sein – das ist auch unser Auftrag. Gott will sein Licht leuchten lassen bis in die letzten Ecken, als Einladung in das Leben und in die Liebe.

Licht sein – das ist auch unser Auftrag. Gottes Licht scheinen zu lassen, mit dem wir beschenkt sind. Beschenkt selbst dann, wenn wir uns vergeblich mühen, wenn uns wenig gelingt.

Licht sein in einer Welt, in der der Glaube an Gott schon zu oft Menschen ausgeschlossen hat und verurteilt. In der Gottes Wort mit Schwert und Pfeil verkündet wurden und werden und es bis heute verdunkeln.

Licht sein in den Fragen, die Menschen heute bewegen, vor allem der Frage: Wie gehen wir miteinander um: Junge und Alte, Arme und Reiche, Starke und Schwache, Hiesige und Hinzugekommene?

Unser Auftrag aber ist: Seid Licht. Wie Jesus sagt: Ihr seid das Licht der Welt. Lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. Mt 5, 14.16

Amen 

Lied: EG 182, 1-5+9 Suchet zuerst Gottes Reich

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