Schwäche kann stark machen

Diese Jahreslosung erzählt etwas von Kraft und Macht in uns. Aber sie erzählt – wenn man hinter den Text schaut, auch etwas von macht und Kraft, die uns geschenkt sind. Wie so oft bei schönen Sprüchen kann es gut sein, den Zusammenhang zu hören:

[TEXT 2 Kor 12,1-9]

Erst einmal erzählt Paulus wunderliche Geschichten von geistlichen Leistungen, die wir nicht ganz nachvollziehen können. Da ist die Rede von Erscheinungen und Entrückungen, die ein Anderer hat und er nicht. Das hat ihn eifersüchtig gemacht. Da gönnt Gott einem Menschen Erlebnisse, die ich gerne hätte.

Er selber hatte stattdessen ganz andere Erfahrungen. Er litt unter Anfällen (manche meinen, es war Epilepsie), er nennt es seinen Pfahl im Fleisch. Er fühlt sich gequält und hat nichts, womit er den Menschen imponieren könnte. Er ist kein Prediger des Herrn, dem schon von Beginn an gerne zuhört. Das alles klagt er Gott und bittet inständig darum, dass er befreit wird von diesen Belastungen.

Die erste Antwort: Lass dir an meiner Gnade genügen. Das hört sich an wie Hohn – sei mal schön zufrieden, meint Aber eher: du hast etwas Besseres. Und dann kommt unsere Jahreslosung ins Spiel: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Ein Befreiungssatz, der schwach daherkommt. Er ist eher das Lob der Schwachheit als ein Ruhm der Kraft. Es klingt wie das Pfeifen im Wald.

Und da kommt unser Bild ins Spiel:

Ein kleiner Junge genießt eine Wiese, die Pusteblumen – und sich selbst. Ganz konzentriert ist er bei dem, was er vorhat: Die Pusteblume so anpusten, dass Ihr Same übers Land fliegt. Ganz entspannt und zufrieden erforscht er seine Welt, lernt sie kennen und ist zufrieden mit dem, was er macht. Es genügt ihm, was er findet, obwohl das ja eigentlich nicht ist. Er braucht – so scheint es keine wii box, kein i-pad und was sonst noch alles unterm Weihnachtsbaum liegen kann. Ihm reicht diese Wiese und seine Pusteblume.

Ich will jetzt auch gar nicht danach fragen, ob manche Sehnsüchte nach High-tech nicht die Sehnsüchte von Kindern sind, sondern vielmehr die der sie begleitenden Erwachsenen. Aber ich weiß sehr genau, dass es die Momente gibt im Leben von Kindern, aber auch von erwachsenen, da ist man mit kleinen Dingen glücklich.

Nach schweren Zeiten, nach Krankheit oder Trauer erkennt man das manchmal voller Staunen, wie man sich freuen kann an einer Sommerwiese oder einem Sonnenuntergang. Da wird Kleines ganz groß. Manchmal geht es mir so, dass ich mich an dem kleinen unbedeutenden freuen kann.
Aber natürlich ist unsere Losung nicht nur für Pusteblumen bestimmt:

Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2. Korinther 12,9)

Der Satz bildet Angriffsflächen, die uns zu Recht treffen. Da ist die Rede von den Schwachen. Das Christentum sei eine weinerliche Verliererreligion haben Nietzsche-Jünger gesagt. Und da ist auch etwas dran.

Jesus Christus bezieht klar Stellung mit seinem ganzen Leben, seiner ganzen irdischen Existenz. Er ist Mensch geworden für allem für die, die sich schwach und unbedeutend fühlen. Er ist Mensch geworden, damit unter uns die Menschlichkeit lebt. Er ist gerade denen freundlich begegnet, die von anderen verachtet wurden. Hirten waren seiner ersten Gäste, mit Zöllnern und Sündern saß er zu Tische und Frauen gab er eine Bedeutung, die ihnen nach damaligen Anstand nicht zustand.

Noch mal zu unserem Jungen auf der Wiese: Vielleicht ging es ihm eben noch schlecht, vielleicht wird er gemobbt oder ist behindert, aber in diesem Moment erfreut er sich an dieser Pusteblume und der Wiese.

Zu etwas Ähnlichem lädt Gott Paulus ein. Du musst nicht perfekt sein, du musst nicht Visionen haben und auch nicht alles glauben, was in der Bibel steht. Du darfst einfach genießen, dein Leben und die Zuwendung Gottes.

Genießen ist ja im evangelischen Deutschland in Misskredit geraten. Wenn etwas Spaß macht ist es bestimmt verboten. Dabei ist Genießen in Wirklichkeit ein Lebensziel. Es kommt nur auf den Inhalt dieses Genusses an. Schadenfreude ist kein solcher Genuss, aber die Freude am Leben, die Freude daran, dass es auch mitten in Angst und Trauer Hoffnungsmomente gibt. Diese Dinge will ich genießen, weil sie mir etwas vermitteln von einer Ahnung von der Gnade Gottes.

Erst wenn ich begreife, dass die Zuwendung Gottes das Größte ist, werde ich diese Jahreslosung in ihrer ganzen Tiefe erfassen können. Weil sich Gott den Menschen immer wieder zugewendet hat, am Stärksten in Weihnachten in dem Kind in der Krippe, darum müssen wir nicht verzagen, egal wie hilflos wir uns manchmal fühlen.

Paulus bringt seine Leiden, seine Anklagen vor Gott und wird relativ harsch abgewiesen. Eben weil es nichts bringt neidisch auf das zu blicken, was andere haben und können. Wir dürfen stolz sein auf die Zuwendung Gottes und darauf vertrauen, dass seine Kraft gerade dann besonders stark ist in uns, wenn wir uns klein und elend fühlen.

Schon das Bewusstsein der eigenen Schwäche kann stark machen. Ich weiß, dass ich hier nicht den großen Max markieren kann, ich weiß, dass ich niemandem etwas vormachen kann, aber ich weiß auch, dass die Liebe Gottes mich begleitet und dass sein Geist mir eine besondere Kraft verleiht, die mir hilft, meine eigene Schwachheit zu akzeptieren. Ich darf durchatmen und leben im Bewusstsein für die Liebe und Gnade Gottes, die mir geschenkt sind.

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