Schicksal ist nicht Fatum

Das Buch Hiob gehört in die Kategorie der alttestamentlichen Weisheit. Menschen haben ihre Vorstellung vom guten Leben vor Gott dargestellt. Dazu gehörte die Weisheit des Alltags, auch Dinge, die uns heute seltsam anmuten, wie z.B. dass zu guter Erziehung eine gute Rute gehört. Vielleicht genauso seltsam mutet uns die weisheitliche Vorstellung, dass es einem guten Menschen auch gut ergehen müsse. Zwar träumen wir davon, dass es so ist, aber wissen ganz genau, dass genau das nicht stimmt. Ursprünglich wurde spekuliert, dass wenn es dem guten Menschen schlecht geht, doch irgendwas sein müsse, was unbekannt ist. Da hat jemand eine Leiche im Keller würden wir sagen. 

Das Buch Hiob durchbricht diese unmenschliche Logik. Vorgestellt wird der durch und durch gute und fromme Mann Hiob, dem alles gelingt, er hat eine gute Familie, eine reiche Landwirtschaft und gute Freunde. Nichts kann seinen Weg stören.

Nur weil Gott und der Satan streiten, ob Hiob nur deswegen so fromm ist, weil es ihm gut geht und er sich nicht beklagen kann, verändert sich die Situation. Hiob verliert Reichtum, Gesundheit und Familie. Er bleibt mit seiner Frau allein und völlig verstört zurück. Er streut Asche auf sein Haupt.

Und seine Freunde sind ihm auch erst einmal keine große Hilfe, weil sie genau so argumentieren: wenn du so viel Unglück erlebst; dann muss da doch etwas im Hintergrund sein, dann musst du dich doch irgendwie schuldig gemacht haben. Darauf antwortet Hiob unter Anderem in unserem heutigen Predigttext. Aber nicht nur seinen Freunden, sondern er spricht auch Gott direkt an und verschont ihn nicht mit Vorwürfen:

19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. 20 Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. 21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! 22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? 23 Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, 24 mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen! 25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. 26 Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. 27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Hiob fragt nicht sachlich: Wie kann Gott das zulassen? Er wird persönlich, er ringt mit Gott: Wie kannst du das zulassen? Er hat Schlimmes erfahren, er ist verzweifelt, aber er hat seine Nähe zu Gott nicht verloren. Seine Anklage Gottes ist ein Gebet, ein Bekenntnis des Vertrauens, dass Gott es ist, der alles zum Guten wenden kann, aber eben nicht muss. Er glaubt fest an diesen Gott, der ihm viel gegeben hat in seinem Leben, aber auch fast alles wieder genommen.

Hiob ist nicht einfach der passive Dulder, als den ihn manche sehen. Er erleidet das, was auch heute unzählige Menschen leiden, die enteignet, entrechtet, gequält und vertrieben werden. Und er lehnt sich gegen das auf, was er als Unrecht empfindet. Er hat es nicht verdient, so erniedrigt und gequält zu werden. Und gleichzeitig wächst in ihm das Bewusstsein: Auch meinen Wohlstand, meine Familie vorher habe ich nicht wirklich verdient: Alles Kommt vom Herrn. Daher sein berühmtes ‚Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt. (Hiob 1,21).

Vielleicht kann die Erfahrung, die Hiob macht, auch mir in meinen Erfahrungen weiterhelfen: Was auch ist, was ich auch habe, auch, was ich erleide: es kommt von Gott, es trifft mich und andere Menschen unverdient. 

Hiob spürt sehr deutlich, wie einsam er wird, als er alles verliert. Seine Frau bleibt bei ihm. Das hilft ihm, hilft ihm auch, Gott anzuklagen. Als er das tut, wenden sich seine vorher so verständnisvollen Freunde gegen ihn. Er fühlt sich in die Enge getrieben, aber er verlässt seinen Weg nicht, klagt Gott an und bekennt: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, ein Vers, der später in Händels Messias als christlicher Vers aufgenommen wird. Hier ist er vorchristlich. Und zeigt uns den Weg: Gott ist von Anfang an der Gott der Liebe, der Gott der Zuwendung, der Gott, der es auch verträgt, wenn wir ihn anklagen, ihn anschreien. 

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Einen solchen Satz zu sprechen, wenn es mir gut geht, ist relativ einfach. Aber ihn angesichts von Leid und Elend zu sprechen, ihn zu singen, wie es Frauen in Südamerika mitunter machen, wenn sie von ihrem Salvador, ihrem Erlöser singen, obwohl sie entrechtet und in Armut leben, umgeben von vielerlei Formen von Gewalt, von denen der berühmte Machismo nur eines ist. 

Wenn wir ehrlich sind, gibt es auch unter uns noch oft Vorstellungen wie zu Hiobs Zeiten. Der Mensch erhält, was er verdient im Guten wie im Bösen. Auch wenn wir eigentlich wissen, dass das nicht stimmt, unterstellen wir es doch gerne, wenn Menschen im Pech leben oder Gewalt und Unrecht erfahren, werden sie es vielleicht ja auch irgendwie verdient haben. 

Da müssen wir wohl dazu lernen: Egal ob jemand ein Opfer ist oder arm oder behindert. Egal ob jemand reich ist, schön und erfolgreich. Es geschieht, wie es der Apostel Paulus beschreibt ohne Verdienst und Würde, allein aus Gnade.

Diese Erkenntnis widerspricht unserem Stolz auf alles, was wir geleistet und geschafft haben, auf jeden Erfolg, den wir haben. Natürlich hängen viele Dinge auch am persönlichen Einsatz. Egal ob es um Einkommen oder Gesundheit, um Wohlstand oder eine gute Familie geht. All das ist natürlich auch eine Frage des eigenen Engagements. Aber nicht nur. Genauso wie es Menschen gibt, die ihre Gesundheit ruinieren, die Chancen nicht ergreifen, weil sie zu faul sind. Schicksal ist eben nicht Fatum, nicht naturgegeben. 

Aber es gibt auch keinen gradlinigen Zusammenhang. Wie ich bin, so geht es mir.

Ich darf das Meine tun, dass Leben gelingt, dass es mir uns anderen Menschen gut geht und ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich dabei begleitet. Beides gehört zusammen. Und dieser Zusammenhang kann mich lehren, dass ich zusammengehöre mit denen, denen es schlecht geht. Solidarität ist auch darum ein wertvoller Begriff im christlichen Glauben, weil er beschreibt, was Menschen füreinander empfinden können, die wissen, dass ihr Erlöser lebt, die wissen, dass sie zwar Vieles geleistete haben, aber dass Erfolg Geschenk ist und Misserfolg keine Strafe. 

Wir stehen jede Passionszeit wieder am Kreuz Christi und denken darüber nach, was da geschehen ist und warum. Und eine wirklich gute Antwort gibt es nicht außer der des Hiob, der egal was ist, sein Leben annimmt als von Gott gewolltes und geliebtes Leben. 

Vielleicht gelingt es mir ja, dass ich dankbar bleibe für alles, was ich im Leben Schönes erlebe und dass ich demütig hinnehme, was nicht so schön ist, und dass ich vor allem die Solidarität nicht verliere mit denen, die meine Hilfe brauchen.

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