Scharnier

Liebe Gemeinde,

ich habe ihnen heute etwas aus meinem Werkkeller mitgebracht. Da liegt immer was rum, was ich mal gebrauchen könnte. Diesmal hat es sich gelohnt, denn ich kann es für diese Predigt gebrauchen.

Sehen Sie mal hier. (Ersten Teil des Scharniers hochhalten.)

Sie erkennen es sicherlich: es ist ein Teil eines Scharniers.

Was macht ein Scharnier? Es verbindet zwei eigentlich eigenständige Teile zu einem zusammenhängenden Ganzen. Z.B. die Schranktür mit dem Schrank, die Lüftungsklappe mit dem Rahmen, das Gartentor mit dem Pfosten. An diesen Beispielen erkennt man, dass es ein bewegliches Ganzes ist, das entsteht. – Aber in der Regel gibt es einen feststehenden Teil.

Und was ich hier habe – ich übertrage das gleich – auf unseren Predigttext, ist das sog. AT, alt nicht im Sinne von veraltet, sondern im Sinn von dem 1. Testament. Dies ist der feste Teil. – Da ist die Schöpfung drin und die 10 Gebote. Aber natürlich auch die Berichte von Menschen, die sich in besonderer Weise mit Gott auseinander gesetzt haben. Man nennt sie Propheten. – Die bekanntesten von ihnen sind Jesaja, Jeremia, Amos, Daniel. In unserer Bibel, im alten, im 1. Testament gibt es von ihnen ganze Bücher.

Und immer wieder gibt es in ihren Büchern Teile, die sehr nach vorne offen sind. D.h. sie erklären sich eigentlich nicht gänzlich aus der Situation, in die die Worte gesprochen sind, sondern sie scheinen auf die Zukunft hin gesprochen worden zu sein.

Besonders bekannt sind die Worte des Propheten Jesaja (1,1+5): Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. und Jer. 23,5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.

Jesus Christus sah sich als Erfüller dieser Prophezeiungen, bzw. die Gemeinden sahen durch ihn die Verheißungen erfüllt: Jesus Christus ist der Friedefürst von dem Jesaja geredet hat, Jesus Christus ist der Richter von Gut und Böse, wie ihn Daniel beschrieben hat. Jesus Christus ist der gerechte Spross aus der Linie des Königs David, von dem Jeremia geredet hat.

Daran sieht man, dass es einen Geist Gottes gibt, der sich durch die Zeit zieht – vom Alten, ersten Testament – zum neuen, zweiten.

Und deshalb gehört zu unserem Scharnier ja auch der zweite Teil. So erst macht es ein sinnvolles und bewegliches Ganzes.

(Zusammenbauen.)

So, denke ich gehören die beiden Teile unserer Bibel zusammen: sie geben miteinander ein sinnvolles Ganzes ab. Der erste Teil: fest und Geschichte, der zweite Teil: offen und beweglich – bis heute.

Und sozusagen an der Auflagefläche des Scharniers zwischen den beiden Testamenten findet sich der Prophet, der eigentlich keiner mehr ist, der aber unserem heutigen Tag seinen Namen gegeben hat: Johannes der Täufer.

Unter ähnlich wundersamen Bedingungen wie Jesus wurde er geboren. Seine Mutter und sein Vater waren eigentlich für eine Geburt zu alt, aber Gott sucht seltsame Wege zu seinen Menschen. Wege gegen den Augenschein.

Und dieser Johannes scherte sich deshalb auch Zeit seines Lebens wenig darum, was die Leute über ihn dachten. Ihm war wichtig was er war und nicht wie er war. Deshalb passt es auch gut zu ihm, dass er auf sein Äußeres keinen Wert legte. Für ihn zählten allein innere Werte. Und so lief er wie ein Landstreicher herum: er trug ein Gewand aus Kamelhaaren und aß wilden Honig und Heuschrecken.

Und er legte sich mit allen an, weil er alle mit Gottes Maßstab maß. Rigoros, ernsthaft, kompromisslos – so war er. Er war der Vorläufer des Messias, desjenigen der die Welt erlösen sollte. Er fühlte sich dafür zuständig, Jesus den Weg zu bereiten. Er wird kleiner, damit Jesus größer werden kann. Symbolisch passt das ja auch gut: Um den Johannistag werden die Tage wieder kürzer, um dann zur Weihnacht wieder länger zu werden.

Großen wie kleinen drohte er mit dem Gericht und mahnte zur Umkehr. – Dem König Herodes gar hielt er öffentlich seine ehebrecherische Beziehung mit der Frau seines Bruders vor. Herodes fand das gar nicht lustig und ließ deshalb Johannes ins Gefängnis werfen. Dort wird er – wie Jesus – eines gewaltsamen Todes sterben.

Johannes hatte Jünger, genau wie Jesus. Und auch er taufte, doch seine Taufe war eine Taufe der Buße, die die Sünden abwusch, keine Taufe der Gnade und der Liebe Gottes.

Und nach den Aussagen Jesu war er mehr als ein Prophet. Und weiter spricht Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer. So geht die Zeit der Propheten mit Johannes zu Ende, denn das, was seine Vorläufer in Visionen sahen, Johannes aber in Anfängen erlebte, ist uns in Tod und Auferstehung Jesu Christi zuteil geworden.

Deshalb kann es im 1. Petrusbrief 1 auch heißen (Übersetzung: Gute Nachricht):

[TEXT]

Noch einmal nun das Scharnier. Zwei Teile gehören zusammen, die aus dem gleichen Material sind, – wieder übertragen: dem Geist Gottes.

Seit Pfingsten reden wir dabei vom Heiligen Geist, der uns und unser Leben in Verbindung mit Gott hält, nach hinten – in der Geschichte und den Geschichten des Alten, ersten Testamentes nach vorne – in unseren Alltag.

Der Heilige Geist hält uns und unser Leben beweglich. Johannes der Täufer hält uns die Ernsthaftigkeit des Glaubens vor. Jesus Christus aber schenkt uns die Gnade und Hoffnung.

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