Schaffet euer Heil!

‚Ein feste Burg ist unser Gott’ – gilt ja als ‚protestantisches Kampflied’. Aber es wird auch immer zum Ende als unmenschlich empfunden: im 4. Vers heiß es: ‚Nehmen sie den Leib’ – lass fahren dahin ist skandalös und evangelisch zugleich. Es gibt Wichtigeres als das, was uns am Wichtigsten ist: Leib, Leben Frau und Kind. Dann wird gerne erklärt: Damals in Zeiten hoher Kindersterblichkeit, von Pest und Kriegen, hatten die Leute mehr Bewusstsein für Vergänglichkeit. Das ist sicher auch richtig – und trotzdem: Wer weiß, wie sehr Martin Luther gelitten hat unter dem Tod eines Kindes, der weiß, dass auch solche Erklärungsversuche der Weisheit letzter Schluss nicht sein können. Und dann so etwas dichten: ‚Nehmen sie den Leib’ Er meint es: Auch wenn ich mir nichts Schlimmeres vorstellen könnte als den Verlust von allem, an dem mir liegt, fühle ich mich immer noch geborgen in Gottes Hand.

Darum ging es auch in der Reformationszeit. Um ein Bewusstsein: Ich kann mir die Liebe Gottes weder verdienen noch erarbeiten. Ich kann sie mir nur schenken lassen. Sie dankbar annehmen und mich dazu verhalten. Wie das Schaf in der Herde nichts für die Fürsorge des Hirten kann. Menschen, die sich beschenkt fühlen, schreibt auch der Apostel Paulus an:

[TEXT]

Der Beginn des Textes ‚Also, meine Lieben’ deutet darauf hin, dass es um einen Beziehungstext geht. Paulus und die Gemeinde in Philippi hatten zwar auch einmal Streit miteinander, aber diese Gemeinde stand ihm besonders nahe. Darum kann er sie so liebevoll ansprechen.

Gleichzeitig redet er von Zittern und Zagen, von Furcht und Zittern. Er möchte die Menschen, die Schwestern und Brüder gerne davor bewahren, aber er weiß auch, dass Furcht und Zittern zum christlichen Leben dazu gehört. Gerade dort, wo Zuneigung herrscht, muss man manchmal auch deutlich werden und weh tun. So wie wir in einer guten Beziehung oder als Eltern nicht immer nur Ja sagen können, so müssen wir auch in anderen Lebensfragen Deutlichkeiten aussprechen und ertragen. Das macht eigentlich den erwachsenen Menschen aus, dass er auch mit schwierigen Dingen wie Kritik umgehen kann. Es geht um Dinge die wir durchhalten können und müssen, damit Leben gelingen kann. Vielleicht hat diese Aussage mit ‚Furcht und Zittern’ eine ähnliche Qualität wie das ‚bis dass der Tod euch scheidet’ in der Trauung: aus eigener Kraft wird es nicht gehen, aber mit Gottes Hilfe und der Hilfe von Menschen kann es klappen.

Kümmert Euch um euer Heil: das bedeutet: Es gibt Dinge, die kann euch keiner abnehmen. Die Grundentscheidungen müsst ihr selber treffen. Zu der Freiheit eines Christenmenschen gehört auch die Freiheit, Ziel und Sinn des Lebens zu verfehlen. Angst muss man nicht nur dann haben, wenn man wissentlich etwas falsch gemacht habe. Angst kann auch dann mich begleiten, wenn ich im besten Wissen alles richtig gemacht habe und trotzdem in Gefahr komme. Die Angst kann immer meine Begleiterin sein, weil ich mir nie sicher sein kann. Das Einzige, was die Angst vertreiben kann, ist das Zutrauen, dass Gott auch meine Fehler mit seinem Segen bedenken wird. Das meint Paulus auch damit dass Gott in uns beides wirkt: Wollen und Vollbringen. Er traut uns zu, dass wir in seiner Gemeinde leben und sie gestalten, immer wieder neu. Er traut uns zu, dass wir Glauben leben in der Gemeinde von Schwestern und Brüdern und seinen Willen und sein Wort immer wieder neu auslegen in unsere Zeit hinein.

Wir leben in einer Zeit, in der der Glaube am meisten gefährdet wird durch die, die ihn bewahren wollen. Sie halten Reform für die Zerstörung bewährter Elemente und haben Angst vor jeder Veränderung. Im Grunde wie zu Zeiten von Martin Luther. Das Bestehende hat so etwas Sicheres. Alles andere verunsichert Menschen. Da ist schon ein Umstellen von Stühlen, eine Grundrenovierung von Kirchen eine Revolution. Da werden Kirchen restauriert, die seit Jahrzehnten nicht gebraucht wurden wie die Frauenkirche in Dresden, aber für Kirchen die gebraucht würden, ist kein Geld da. Da ist so vieles auf angstvolles Bewahren gerichtete und so wenig auf Entwicklung. Und was mich immer wieder erschreckt: Ich bin ein Teil davon. Ich selber traue mich oft nicht, neue Pfade zu begehen.

Da gilt auch für das geschwisterlichen Miteinander: da werden immer wieder alte Pfade gegangen, die alten Verhaltensmuster gepflegt. Da wird wenig nach neuen Ideen, neuen Formen, neuen Umgangsformen gefragt. Vielleicht brauchen wir eine neue Reformation, mit der jeder / jede von uns bei sich selbst anfängt.

Die Aufforderung zur Freude ist Grundakkord dieser beiden Verse. Zur Freude daran, wie viel Gott uns zutraut, wie sehr er uns zutraut auch in schlechtem Gelände immer neu die Pfade zu finden, die zu seiner Liebe und seiner Güte führen.

Gerade am Reformationstag leiden wir unter der Spannung, die uns ChristInnen trennt – immer noch. Das sind heute weniger die Konfessionen als vielmehr Spannungen, die quer durch die Christenheit gehen, egal ob im Streit um Gewalt oder Partnerschaften von Homosexuellen. Die Frage nach der Verantwortung in der Welt zerreißt den Leib Christi immer aufs Neue – und da hilft es wenig, sich immer an vergangene Zeiten zu erinnern.

Da müssen wir immer wieder neu lernen Position zu beziehen. ‚Was würde Jesus heute sagen?’ – das ist die Leitfrage, von der wir aber zuallererst bekennen müssen, dass wir sie nie vollständig beantworten können, weil wir wahrscheinlich auch Jesus nie ganz verstehen werden, der die Sünder mit Liebe anblickte und die Händler aus dem Tempel prügelte. Aber wir dürfen uns seinem Willen annähern, versuchen, ihn zu verstehen und seine Willen zu tun.

Semper reformanda ist die Kirche nicht nur im Blick auf das, was Gott noch mit ihr vorhat durch sein Heilsgeschehen, sondern auch daraufhin, dass sich immer wieder neu Menschen finden, die Gemeindeleben voranbringen, erneuern, Menschen, die sich berufen lassen, den Willen Jesu zu erkennen und zu tun.

Die Verheißung haben wir, dass Gott in uns wirkt, dass er uns Wollen und Vollbringen schenken will, die dazu führen, dass sein Wille lebt mitten unter uns.

Dazu gehört die Ermutigung: Schaffet euer Heil – Ihr könnt das! Aber Ihr müsst selber aktiv werden. Das kann euch keiner abnehmen. Es geht hier um die Freiheit eines Christenmenschen gerade im Alltag. Was tue ich aus der Freiheit der Kinder Gottes, oder wo lasse ich mich zu leicht aufhalten, wo bremse ich, weil ich gefangen bin in der Angst vor den neuen Wegen, auf die ich gesetzt bin?

Dieses ‚Schaffet’ scheint gerade im Gegensatz zum Reformationsgedanken zu stehen, sich beschenken zu lassen. Aber so, wie wir tätig um Entgegenkommen uns fremder Menschen bitten, so auch tätig um Gottes Entgegenkommen – in dem Bewusstsein: Weil er uns liebt, ist er uns schon entgegengekommen und wird uns immer weiter entgegenkommen.

Im Kern geht es um die Demut, die das Leben dankbar aus Gottes Hand empfängt. Dankbar heißt. Ich tue, weil Gott mir etwas tut. Weil ich Liebe empfangen habe und täglich nu empfange, kann ich lieben, weil ich Gnade empfangen habe, kann ich gnädig sein.

Wenn ich das begreife, dass mir alles nur geschenkt ist, dann werde ich auch begreifen, dass Gottes Güte und die Liebe seines Sohnes mehr ist als alles, was ich auf Erden haben kann, auch mehr als Ehepartner oder Kinder. Das heißt j nicht, dass ich deren Existenz gefährden darf.

Wozu ist Kirche da? Welche Bedeutung hat sie in dieser Welt aus Terror und Angst? Die Frage muss am Reformationstag gestellt werden. Mit einer eindeutigen Antwort werden wir uns allerdings weiter herumschlagen. Ein Ansatz könnte sein: Kirche ist da um von diesem Gott zu erzählen, dem wir soviel wert sind – in immer neuen Formen und Äußerungen den Inhalt zu bezeugen: Der Herr ist unsere feste Burg.

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