Schaffet, dass ihr selig werdet …

Reformationstag ist immer auch ein Tag der Leiden. Wir leiden darunter, dass ChristInnen getrennt sind. Die eine Kirche in den verschiedenen Konfessionen ist Ergebnis nicht einfach innerkirchlicher Diskussionen, sondern auch politischer Entscheidungen des 16. Jahrhunderts, von denen auch die heute katholische Kirche sagt, dass sie eigentlich falsch waren. Aber die Folgen gehen quer durch Familien und Freundschaften. Das macht uns Kummer.

Wir leiden aber nicht nur unter dieser Spannung, sondern auch unter den Spannungen, die uns ChristInnen heute trennen. Das sind heute weniger die Konfessionen als vielmehr Spannungen, die quer durch die Christenheit gehen, egal ob im Streit um Gewalt oder Partnerschaften von Homosexuellen. Die Frage nach der Verantwortung in der Welt zerreißt den Leib Christi immer wieder aufs Neue.

‚Ecclesia semper reformanda‘, heißt der Anspruch unter derm Kirche, auch katholische, seit den Zeiten eines Martin Luther immer steht. Immer wieder zu erneuern ist die Kirche nicht nur, weil Gott sie erneuern will, sondern auch weil sie sich selbst immer wieder erneuern muss. Die wesentliche Erneuerung kommt von Gott her, aber die, die auf sein Wort hören, müssen diese Erneuerungen umsetzen und leben. Sie müssen als erneuerte Menschen leben in dieser Welt. Sie müssen sich immer neu den unbequemen Fragen stellen: Wozu ist Kirche da? Welche Bedeutung hat sie in dieser Welt aus Terror und Angst? Dazu schreibt schon Paulus:

[TEXT]

"Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern": wenn das nicht missverständlich ist, gerade zum Reformationsgedenken! Hat Luther nicht gerade aus diesem Grauen christlicher Existenz einen Ausweg gesucht und gefunden? Sein ganzes Ringen war doch dies gewesen, dass er versuchte aus eigener Kraft mit eigener Leistung Gottes Willen vollständig zu tun und feststellte, dass er genau das nicht konnte. Mit Furcht und Zittern quälte er sich durch immer neue Beichten und immer neue Selbstpeinigungen. Bis er entdeckte, dass Gott ihn so liebt wie er ist. Dass er vor Gott nicht erst perfekt werden muss, sondern Gott ihn schon in der Taufe sein geliebtes Kind genannt hat.

Nicht nur die Gemeinde in Philippi, sondern auch die Gemeinden bis auf den heutigen Tag verbrauchen einen großen Teil ihrer Kraft für Streitereien innerhalb der Gemeinde. Darum geht nichts mehr aus von ihr für die Menschen in ihrer Umgebung. Aber erst wenn eine Gemeinde ihre Gemeinschaft bewusst lebt als Gemeinde von Schwestern und Brüder, die unterschiedlicher Meinung sein können, aber darüber das Wesentlichere nicht vergessen, kann glaubwürdig den Menschen erzählen von der Liebe und der Vergebung, die in Jesus Christus ist.

Furcht und Zittern meint nicht so sehr den Respekt vor Gott oder die Angst voreinander, sondern die Angst doch wieder zurückzufallen vor die Rechtfertigung in die Zeit des Hochmuts, der Selbstgerechtigkeit.

Furcht und Zittern erinnern mich an die Geschichte vom brennenden Dornbusch, die unsere KonfirmandInnen für unsere Kirche bildlich dargestellt haben. In Gottes Nähe ist Respekt angesagt, Schuhe werden ausgezogen, wo Gott sich dem Menschen nähert. Das ist noch heute in Moscheen so. Ein schönes Zeichen der Ehrfurcht vor Gott.

Wir leben in einer Zeit, in der der Glaube am meisten gefährdet wird, durch die, die ihn besorgt bewahren wollen. Sie haben Angst vor zuviel Anpassung und verpassen dadurch neue Antworten auf neue Fragen zu finden. Es gibt einen Konservatismus, der aus lauter Angst vor Veränderung versagen muss. Die reine Lehre allein macht auch unrein.

Der Taufspruch von Amelie Puhl: 2.Timotheus 1,7: ‚Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Verzagtheit, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.‘ hilft mir weiter: Ich habe diesen Geist. Er beflügelt mich und gibt mir Kraft,

Dies ist übrigens auch der Sinn der 1. Seligpreisung (Matthäus 5,3 aus dem Evangelium für das Reformationsfest): „Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich.“ „Geistlich arm“ ist der Mensch, der mit Furcht und Zittern weiß, dass er mit leeren Händen vor Gott steht und dass er darauf angewiesen ist, dass Gott diese leeren Hände füllt. Er hat die Verheißung, dass Gott ihn mit Gerechtigkeit erfüllt.

Die Verheißung aber haben wir, dass Gott in uns wirkt, dass er uns Wollen und Vollbringen schenken will, die dazu führen, dass sein Wille lebt mitten unter uns.

Dazu gehört die Ermutigung des zweiten Verses: Schaffet euer Heil – Ihr könnt das! Aber Ihr müsst selber aktiv werden. Das kann euch keiner abnehmen. Es geht hier um die Freiheit eines Christenmenschen gerade im Alltag. Was tue ich aus der Freiheit der Kinder Gottes, oder wo lasse ich mich zu leicht aufhalten, wo bremse ich, weil ich gefangen bin in der Angst vor den neuen Wegen, auf die ich gesetzt bin?

Dieses „Schaffet“ scheint gerade im Gegensatz zum Reformationsgedanken zu stehen, sich beschenken zu lassen. Aber so wie wir tätig um Entgegenkommen uns fremder Menschen bitten, so auch tätig um Gottes Entgegenkommen – in dem Bewusstsein: Weil er uns liebt, ist er uns schon entgegengekommen und wird uns immer weiter entgegenkommen.

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