Sage mir, woher du kommst und ich sage dir, wer du bist (Erprobung Matthäus 1,1-17)

Lange Zeit dachte er, dass es ihm überhaupt nichts ausmachen würde, über seine Herkunft eigentlich nichts zu wissen.
Seine Eltern hatten ihm früh erzählt, dass sie sich immer Kinder gewünscht, aber keine bekommen hätten. Sich um eine Adoption zu bemühen war von daher ihr einziger Weg, dieses Glück Eltern zu werden und Eltern sein, erleben zu können.
Sie liebten ihn und sie waren selbstverständlich Mama und Papa,Mutter und Vater, unglaublich wichtige Bezugspunkte, in seinem Leben. Sie waren seine Familie, er war ihr Sohn, daran gab es keinen Zweifel.
Und dennoch war da eine Leere, die ihn schmerzte, je älter er wurde.
Die Liebe seiner Adoptiveltern hatte ihn geprägt, hatte ihm Vertrauen in das Leben und in seine eigenen Möglichkeiten gelehrt, sie hatten ihm eine gute Schulausbildung ermöglicht, ihn früh mit Kunst, Kultur, besonders mit Literatur in Berührung gebracht. Aber da gab es noch mehr…. nicht nur sein Aussehen, sein Gesicht, seine Augen, seine Haarfarbe, die verrieten, dass er nicht das leibliche Kind seiner Eltern war. Und er fragte sich, ob er nicht etwas von seinen leiblichen Eltern wissen, ja sie treffen müsste, nicht nur, um zu verstehen, warum sie ihn zur Adoption frei gegeben haben, sondern auch um sich selbst wirklich verstehen zu können.
Wie oft hatte er sagen hören: ganz der Vater, ganz der Großvater…. aber was wussten sie es? Sage mir von wem du abstammst und ich sage dir, wer du bist…
Jeder hat eine Geschichte, jeder hat seine Geschichte, die lange bevor er oder sie das Licht der Welt erblickt hat, schon ihren Anfang genommen hat. Womöglich beginnen deshalb die beiden Evangelien, die von Jesus auch als Kind, als Kind seiner Zeit und seiner Eltern erzählen, mit seinen bekannten und unbekannten Vorfahren. Und wer selbst das Glück hat, seine Familiengeschichte über mehr als zwei oder drei Generationen zurückverfolgen zu können, der ahnt zumindest, was das bedeutet, mit der eigenen Geschichte einen Blick weit zurück in die Vergangenheit vieler, womöglich sogar aller werfen zu können.
Am Anfang mag es nur Neugierde sein, die eigene Vergangenheit kennenlernen zu können, irgendwann kann es leicht dem Zwecke dienen, damit auch etwas beweisen zu wollen oder zu müssen.
„Schau, welche berühmten Vorfahren es in meinem Leben gibt,…. ich trage einen berühmten Namen, ich bin ja doch wer…“ – eine Auszeichnung allerdings, die sich keiner verdient hat, die einem eher zufällig in den Schoß oder auf die Füße fällt.
Neugierig macht es natürlich, wenn jemand plötzlich aus dem Nichts auftaucht und im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht oder Zeit und Welt nachhaltig durch sein Leben verändert. Unbemerkt hinterlässt jeder seine Spuren und hat die Chance, die Welt ein bisschen besser zu machen, aber einen Platz in den Geschichtsbüchern wird wohl kaum einer von uns erlangen. Aber woher einer kommt, der plötzlich aufsteigt, was seine Vorfahren getan haben, was ihn vor allen anderen auszeichnet, das erregt schon das Interesse vieler. Da hat es einer wie du und ich geschafft. Vielleicht können wir es ja auch schaffen!
Jetzt schlagen wir also zum Fest der Geburt dieses Jesus, Sohn der Maria und, so sieht es äußerlich ja aus, des Josephs, sein Geschichtsbuch auf und werden sofort mit seiner Geschichte, seiner Vergangenheit konfrontiert. Und die macht vom ersten Augenblick an klar, dass egal wie klein und und bedeutend und am Rande des Weltgeschehens sich alles ereignet, hier Großes zu erwarten ist: wir lesen das Buch von der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.
Liebe Gemeinde, das ist schon das ganze Evangelium: die Namen, die Vorfahren und der Ehrentitel reichen aus, um eigentlich alles zu sagen: woher er kommt und wer er ist und was er für uns und für alle Zeit bleibt. Matthäus beginnt nicht mit einer wundersamen und engelhaften Geschichte wie Lukas, die muss noch warten. Er beginnt mit einem Stammbaum: zwei Mal vierzehn Generationen von Vorfahren, unzähligen Lebensgeschichten, die anklingen und zu erzählen wären, ein Rückblick in die Familiengeschichte, die alle Vorstellungen übersteigt und doch zunächst nicht mehr und nicht weniger vermitteln will als: hier geht es um einen wie dich und mich, seine Familie hat eine Vergangenheit, sein Leben ist noch Zukunft, es ist gefährdet und noch unerzählt, wie jedes Leben im Augenblick der Geburt, auch wenn es schon ganz und gar bei Gott aufgehoben.
Hier begegnet uns keine Gottheit als Mensch verkleidet, um die dummen einfältigen Geschöpfe zu täuschen oder nicht zu überfordern. Hier nimmt Gott ganz und gar den Platz, das Leben und das Schicksal eines Menschen an und ein. Die Weihnachtswahrheit „Gott wird Mensch“ mag schrecklich banal klingen, ist doch aber eigentlich viel mehr, als wir je zu hoffen wagen. Wenn wir schon nicht aus unsere Haut können, auch wenn wir es gerne wollen, dann schlüpft Gott in unsere Haut, in unsere Rolle, in unser Leben:mit Martin Luther: ein fröhlicher Wechsel .
Der unendliche Abstand und Unterschied zwischen Gott und Mensch spielt keine Rolle mehr, weil es ihn nicht gibt. Kann ich mich nicht zu Gott emporheben, kann er sich doch ganz zu mir herabbeugen und neben mir Platz nehmen.
Dass die Geschichte mit königlichem Geblüt beginnt, muss uns nicht abschrecken, man bedenke, dass Abraham als Nomade und Viehzüchter und David als Hirtenjunge begannen und ihnen ihre Karriere nicht gleich ins Stammbuch geschrieben war. Ganz im Gegenteil, es zieht sich wie ein roter Faden durch die nur angedeutete Familiengeschichte, dass Licht und Schatten auch bei ihnen immer ganz nah beieinander lagen. Abraham und Lot standen in Konkurrenz zu einander,dafür werden zwar nicht die Verwandten, sondern die Umstände verantwortlich gemacht, aber ohne persönlich Anteile gibt es keinen Streit. Abraham konnte auch zu (Not)Lügen greifen , um seine Frau Sarah vor den Begehrlichkeiten des Pharaos zu schützen. Und auch David ist nicht nur der sieghafte Held aus dem Kampf mit Goliath, sondern auch aus Leidenschaft zu Bathseba verantwortlich am Tod des Hauptmanns Uris. Auch diese Geschichten wollen ebenso wie die der Hure Rahab, die sich auch unter den Ahnfrauen findet, erzählt werden.
Es sind die Geschichten von Personen mit Licht und Schattenseiten, mit Höhen und Tiefen, mit Stärken und Schwächen, mit denen Gott seinen Weg für sein Volk und für Menschen geht.
Viehhirten, Huren, Hirtenjungen, Fremde und Obdachlose – bei ihnen liegen die Wurzeln des Königshauses, damit sich keiner auf seine Abstammung, seine Verwandtschaft, seine Nationalität, seine Herkunft auch nur irgendetwas einbildet. Das christliche Abendland wird so noch lange nicht gerettet, sondern hat an seinem Anfang Fremde, Arme, Flüchtlinge und vom Leben gezeichnete. Das wird leider nur zu gerne von den selbsternannten Rettern vergessen oder verschwiegen.
Aber natürlich hören die Kundigen auch gleich mit: Abraham ist der Stammvater des Segens, alle umhüllen soll.
David ist das Urbild des Friedenskönigs, mit seinem Namen verbinden sich die zeitlosen Hoffnungen auf einen gerechten König und Frieden überall in der bewohnten Welt und in der Gestalt des Kindes aus Bethlehem verbinden sich diese Hoffnungen:
Spuren und Zeichen des Segens für alle, überall und zu allen Zeiten, dass Gottes Hand keinen fallen lässt, dass Gott gute Gedanken für jeden und jede hat und ausspricht.
Der Wunsch nach Frieden unter Menschen, die so oft ausgrenzen, ausschließen, auf Kosten anderer, Schwächerer und Hilfloser leben.
Die Hoffnung auf Aussöhnung, wo Schuld nachgetragen und eben nicht vergeben wird.
Das Versprechen Gottes, dem Leben freundlich zugewandt zu sein, wo wir die Todverfallenheit nur so schwer aushalten…
Es stimmt also: sag mir, woher du kommst, von wem du abstammst und ich sage dir, wer du bist: du Sohn Davids, du Sohn Abrahams und eben deshalb Jesus, nicht nur der Sohn Josephs und Marias, sondern der Christus, der Gesalbte, der Verheißene, der Messias Gottes .
Mensch für uns geboren.
Gott, der sich an uns verschenkt.
Leben, das uns blüht.
Geheimnis und Wunder dieser Zeit: Weihnachten.

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