Rotkäppchen lässt grüßen

Interessant mit welcher Vollmacht und Selbstverständlichkeit Christus hier spricht! „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir.“

Wo sind denn all die, die Christi Stimme sofort erkennen und ihm folgen? In meinen Schulklassen sind sie scheinbar nicht. Die können nämlich Jesus nicht von Mose, Paulus nicht von Luther oder Josua unterscheiden. Und ich muss sie sanft darauf verweisen, dass nicht jeder, der in irgendwelchen Filmen längere Haare, Bart und Sandalen trägt, gleich Jesus ist; und nicht einmal in der Bibel nur von Jesus die Rede ist.

Wo also sind all die, die Christi Stimme erkennen und ihr folgen? In Bayern schrumpft die Zahl der Evangelischen um 1% pro Jahr. In anderen Landeskirchen und bei der katholischen Kirche sieht es nicht viel anders aus. Und Gespräche unter Freunden zwischen Pfarrer und freikirchlichem Prediger offenbaren die gleichen Probleme wie in allen Kirchen. Wo also sind all die, Christi Stimme hören, erkennen und ihr folgen? Ist das nicht eine sehr kleine Herde?

Wo sind all die, die Christi Stimme erkennen und ihr folgen? Vielleicht ja außerhalb der verfassten Kirchen und Gemeinden? All die vielleicht, die sagen, sie seien zwar aus der Kirche ausgetreten und wollten sich in keiner Gemeinschaft mehr binden, aber Christen seien sie geblieben und an Gott würden sie glauben?
Christus spricht doch: „Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.“ Eine Herde. Aber sie wollen doch scheinbar nicht eintreten in eine Herde sondern austreten! Sie wollen doch scheinbar Haus- und Schoßschafe sein, Einzelschafe sozusagen, denen die Herde schnurz ist? Der Christus lässt sein Leben für seine Herde. Aber will überhaupt jemand zur Herde gehören?

Es war ungeheuerlich, als Paulus in der damals noch jungen Christenheit begann, Menschen die nicht zum Volk Gottes gehörten, also keine Juden waren, zur Herde Gottes hinzuzuführen,. Bis dahin war selbstverständlich, dass jeder Christ Jude war und jüdisch lebte. Man beschnitt die Jungen an der Vorhaut wie es die Bibel vorgibt. Man lebte koscher, wie es die Bibel vorgibt. Jeder Christ war ein Jude wie alle anderen, nur eben einer, der daran glaubte, dass Jesus Christus der verheißene Messias war und ist. Der Messias, den Gott selbst von den Toten auferweckt hatte, damit alle, die an ihn glauben auch von den Toten auferweckt würden.
Paulus tat nun etwas Ungeheuerliches. Er fühlte sich vom auferstandenen Christus berufen, Menschen zu ihm zu führen, ob sie nun Juden waren und deshalb zum Volk Gottes gehörten oder nicht. Er warf Manches schlicht über den Haufen, indem er sagte: Wer getauft ist und an Christus glaubt, der gehört zu seinem Volk, ob er nun koscher lebt oder nicht, ob er beschnitten ist oder nicht. Man kann es nicht anders sagen: Er behauptete, er hätte Christi Stimme gehört; und Christus habe ihm aufgetragen, manche Gebote der Bibel schlicht als nebensächlich zu betrachten: Das koschere Leben zum Beispiel und die Beschneidung. So sollte er viele Menschen, möglichst alle, zur Herde Christi hinzuzufügen.

Schau an, da hört einer die Stimme Christi, erkennt sie und folgt ihr – und verändert das Leben und den Glauben grundlegend. Darüber zerbrach die Herde Gottes: in Juden und Christen. Und darüber wäre die junge Christenheit beinahe selbst zerbrochen: Die Jünger Jesu auf der einen Seite, Paulus auf der anderen. Kein Wunder: Wenn da jemand wie Paulus kommt und scheinbar zentrale Gebote für nebensächlich erklärt.
Mit Paulus brechen die Dämme oder besser gesagt die Hürden. Die Weide der Schafe Gottes ist plötzlich nicht mehr eingezäunt. Die Weide ist nicht mehr das Land Israel sondern die ganze Welt: Überall grasen die Schafe Gottes- und sie sind nicht mehr an der beschnittenen Vorhaut zu erkennen oder daran wie und was sie essen. Die einen essen Schweinegeschnetzeltes in Sahnesoße, was für die anderen der Inbegriff unkoscheren Essens und die blanke Beleidigung Gottes ist. Die nächsten essen frittiere Heuschrecken, da fällt es wieder anderen schwer, noch am Tisch sitzen zu bleiben. Wieder andere leben vegetarisch oder vegan und gegenseitig wirft man sich vor, nicht korrekt zu leben.

Nur eines verbindet die Herde: Der eine Hirte. Wirklich?
Die Schafe, die sich Christen nennen, neigen heute immer noch dazu, die jüdischen Schafe nicht als Schafe ihrer Herde zu sehen. Dabei beten sie doch das gleiche Gebet: „Der Herr ist mein Hirte.“ Auch jüdische Schafe neigen bis heute dazu, die christlichen als Schafe einer anderen Herde zu sehen, obwohl sie doch das gleiche Gebet sprechen: „Der Herr ist mein Hirte.“ Selbst zwischen den christlichen Kirchen grenzt man sich gerne von anderen ab. Da sind die Evangelischen Kirchen aus Sicht Herrn Ratzingers gar keine Kirchen. Da taucht im Religionsunterricht die Frage auf, ob Katholische eigentlich auch Christen seien, und gerade unter Frommen neigt man dazu, sich gegenseitig den Glauben abzusprechen. Und dabei beten doch alle: „Der Herr ist mein Hirte.“

Könnte es sein, dass die Schafe bissiger sind als die Wölfe? Sicher scheint zumindest, dass sie untereinander deutlich bissiger sind als der Hirte. ER scheint sie doch irgendwie alle anzuerkennen als seine Schafe.

Wenn es stimmt, dass Gott seine Schafe alle anerkennt, obwohl sie sich gegenseitig nicht anerkennen, dann hat Paulus nur den ersten Schritt getan, als er sich sicher war, Christus habe ihm aufgetragen, die engen Weidezäune um das Volk Israel herum abzubrechen, weil Gott die ganze Welt als Weide nutzen möchte.
Paulus hat dem Christus weitgehend Folge geleistet. Aber ganz hat er nicht auf Zäune verzichtet, die die Herde Gottes von anderen abgrenzen: Der Glaube an den einen Hirten sollte die bunte Herde zusammenhalten.

Aber was ist denn der Glaube an den einen Hirten? Die einen sehen Gott, den Vater wenn sie beten: Der HERR ist mein Hirte. Die anderen sehen Jesus, den Christus, wenn sie beten: Der Herr ist mein Hirte. Wieder andere sehen Gott den Vater, nennen ihn aber Allah. Wieder andere sehen Gott aus vielen Gestalten zusammengesetzt, Gottes Wesen als Zusammenwirken vieler Wesen. Manche sehen das ganze Universum durchseelt von etwas, das sie Gott nennen. Wieder andere verzichten auf das Wort Gott. Und dennoch sehen sie sich an etwas gebunden, etwas, vielleicht einen Sinn der Welt, ein Leben, das für alle lebensnotwenig ist.

Dürfen wir, darf man dort weitermachen, wo Paulus angefangen hat: Die Hürden und Zäune einzureißen, die die Herde Gottes von anderen abgrenzen? Darf man nicht nur die ganze Welt zur Weide Gottes erklären, sondern weitermachen und im Auftrag Christi alle Menschen zur Herde Gottes erklären: Menschen aller christlichen Konfessionen, Juden, Muslime, Buddhisten, Sikhs, Hindus, Agnostiker, ja sogar Atheisten?

Was ist denn dann noch als Wort des einen Hirten zu erkennen? Was ist denn dann überhaupt noch zu erkennen außer das dann schon fast lächerliche „Gott liebt alle – wie auch immer.“ Gehört da wirklich jeder zur Herde Gottes? Der Vater, der seine Töchter im Keller einsperrt, sich regelmäßig an ihnen vergeht, Kinder mit ihnen zeugt, die, wenn es nach ihm ginge, niemals das Tageslicht sehen? Die Terroristen, die versuchen, Staaten zu destabilisieren, gesetzesfreie Zonen zu schaffen, Menschenrechte mit Füßen treten, um eigener Interessen willen? Sie können die Liste gerne selbst weiter ergänzen. Gehören die alle zur Herden Gottes? Sind das alles Gottes Leute?
Wo ist denn da die Grenze? Was ist denn dann das Christsein noch wert? Was ist denn das Bemühen noch wert, um Gottes Willen gut zu leben? Wie können wir dann noch wissen, was die Stimme des einen Hirten ist? Wie können wir dann seine Stimme erkennen und ihm folgen? Wie können wir die Stimme des guten Hirten, die Stimme des schlechten Mietlings und die Stimme der Wölfe unterscheiden? Rotkäppchen lässt grüßen.

Wir sind Christen. Dürfen wir also tun, was Paulus tat, der scheinbar zentrale Regeln der Bibel außer Kraft setzte – im Auftrag Christi, wie er sagte? Wir tun es ja: Wir beschneiden unsere Jungen nicht. Wir leben nicht koscher, obwohl die Bibel sagt, wir sollten es tun. Aber wo ist die Grenze? Was geht und was geht nicht?

Lesen wir die Bibel, vielleicht gibt sie ja selbst Auskunft. Lesen wir die Bibel, ganz zu Beginn: „Gott der HERR schuf den Menschen nach seinem Bild, zum Bilde Gottes schuf er ihn“, steht da im allerersten und grundlegenden Kapitel der Bibel. Ebenbild Gottes ist der Mensch und soll es sein. Alles andere soll also nur diesem Zweck dienen, dass der Mensch Ebenbild Gottes sei und bleibe. Und dass wir nicht vergessen, wer der Mensch ist – jeder Mensch: Ebenbild Gottes. Das ist Würde und Aufgabe zugleich. Daran ist alles zu messen.
Wer nun mit den Augen dieser Menschlichkeit in jedem Menschen das Ebenbild Gottes entdeckt, der sieht plötzlich eine große Herde, nicht nur aus sechs Milliarden Menschen, die derzeit auf Erden leben, besteht sondern aus vielen, vielen mehr: Den Menschen aller Zeiten von Beginn der Welt bis zu ihrem Ende. Und er hört die Stimme des Hirten: „Mein Vater, der mir diese Herde gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.“

Wer als Ebenbild Gottes lebt, ganz Mensch ist, der sieht sie: die große Herde Gottes aus allen Menschen aller Zeiten. Wer einem solchen Menschen begegnet, der vielleicht nur für einen Augenblick ganz Mensch ist, der sieht in jenem kurzen Augenblick, wenn er dazu bereit ist, in diesem Menschen Gott selbst.

Und dann liegen meine Schüler gar nicht so falsch. Denn dann ist es wirklich Einerlei, ob wir Jesus, Moses, Josua, Paulus, Luther oder unserem Nachbar begegnen: Wenn uns in ihren Worten, in dem was sie tun, oder in ihrem Wesen wahre Menschlichkeit begegnet, dann sind wir dem begegnet, der eins mit dem Vater ist. Dann sind wir Gott begegnet, der uns ruft, selbst als Ebenbilder Gottes zu leben als die er uns erschuf. Nicht an unserer Religionszugehörigkeit entscheidet sich, ob wir seinem Ruf folgen sondern an unserer Menschlichkeit.

Wenn wir mit den Augen der Menschlichkeit über die große Weide Gottes blicken, sehen wir seine Herde grasen so zahlreich wie die Sterne am Himmel und staunen: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier nicht Knecht noch Herr, hier nicht Mann noch Frau; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus. (Gal 3:28)

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen