Rettet die Welt!

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend, liebe Schwestern und Brüder in Christus Jesus,

machen Sie mit. Heute Abend wird die Welt gerettet! Tragen Sie ihren Teil dazu bei. Wie? Können Sie nicht? – Glaub ich nicht! Zwei Werkzeuge der Welterrettung wollen wir uns heute zusprechen und das dritte uns verheißen lassen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass mindestens fünfzig Menschen hier in der Kirche sitzen, die sehr darauf hoffen und inständig darum beten, dass heute Abend ihre Welt gerettet wird. Kinder sind hier, deren heimlichster und innigster Wunsch es ist, dass Mama und Papa wenigstens am Heiligen Abend nicht streiten und dass sie zusammen bleiben; zusammen bleiben dürfen als Familie auch im nächsten Jahr.

Retten Sie diese Welt!

Manche Frau wird hier sein, die vielleicht gestern noch vom Arzt ein Mittel bekommen hat, um heute ruhig bleiben zu können, weil die Schwiegerkinder im Haus sind und man nicht weiß, wann wer auf welche Mine tritt, weil er unbedacht einem der vielen familiären Tabu-Themen zu nahe gekommen ist. Retten Sie die Welt für ihre Mutter!

Manch Vater wird hier sitzen und im Stillen Bilanz ziehen und mir am liebsten laut widersprechen wollen: Firma pleite, Job weg – von wegen „Rettet die Welt“. Wie kann man das, wenn einen der Strudel der Zeit in die Tiefe reißt? Wer rettet seine Welt?

Und da wären dann noch die jungen Leute mit ihrer feinen Begabung, Ungerechtigkeit mit Wut zu registrieren. Und sie bräuchten nur aus den Tagesthemen zu zitieren um … ja, um die Vergeblichkeit aller Rettung zu behaupten? …oder um die Dringlichkeit dieses Vorhabens zu unterstreichen: Ist die Welt noch zu retten?

Für gewöhnlich ist „die Welt“ nicht unser Thema, weil sie uns unsere Bühne bildet, auf der wir laufen, unsere Geschäfte betreiben und auf der wir das Spiel unseres Lebens eitel fröhlich begehen. Zum Thema, mit dem wir uns befassen müssen, wird unsere Welt nur dann, wenn ihr Bestand ins Wanken geraten ist. Wenn uns die Maske aus der Hand gleitet und jemand unser wahres Gesicht hat sehen können oder müssen. Und manchmal bin ich das nur selbst: Ich selbst sehe auf einmal die Angst in mir um meine Lieben, die Sorgen in mir um unsere Zukunft und wie ich das alles noch schaffen soll. Wer rettet meine Welt wenn meine Kräfte sich dem Ende neigen?

Von mir aus gesehen rechts oben auf der Empore sitzt einer, der genau mit solchen Fragen zu Jesus gekommen ist. Ich verrate Ihnen sogar seinen Namen. Er heißt Nikodemus. Die Begegnung zwischen ihm und Jesus hat ein Künstler – na ja. sagen wir, ein Maler – anno 1635 festgehalten und das Bild hängt seit vielen Jahrzehnten dort oben auf der Empore in unserer Petri-Kirche. „Wer rettet meine Welt“, diese Frage brachte den alternden Pharisäer Nikodemus heimlich und nachts ins Gespräch mit Jesus. Er stellte diese Frage in frommer Weise: „Wie kann ich das Reich Gottes sehen“, will heißen …

Wann gibt es Frieden auf Erden? Wann gibt es Gerechtigkeit? Wann wird die Wahrheit siegen? Wann gibt es genug zu essen und zu trinken für alle Menschen? Wann gibt es Geborgenheit für jede Seele? Und gibt es auch für mich, der so alt ist, noch Zukunft? Gibt es einen Neubau meines Lebens, wenn die gestrigen Hütten meiner Tage zerfallen sind?

Meine Sekretärin hat mir das erzählt. Es war vor vier Tagen genau hier in der Petri-Kirche. Ein junger Mann stürmt herein. Läuft an ihr vorbei zum Altar. Kniet dort nieder im Gebet. Danach geht er zu unserem Thomasmessen-Altar, und füllt einen Zettel aus. „Wird das auch gelesen und gebetet“, vergewissert er sich und läuft wieder davon. „Plündere unsere Sünden“, hat er auf den Zettel geschrieben, den ich mir zum Fürbittgebet geholt habe. Und das ist das erste Werkzeug, womit die Welt zu retten möglich ist. Sehnsucht und Verlangen nach Zukunft. Was uns Menschen adelt, was uns Menschen die Türen zur Zukunft aufschließt ist unsere Sehnsucht nach einem reinen, friedvollen Dasein und das unstillbare Verlangen nach Liebe und gutem Leben. Diese Sehnsucht nach Ganzheit ist es, was die so tiefe und emotionale Verbindung zur Weihnacht, zum Heiligen Abend ausmacht.

Wir missverstehen Weihnachten allerdings, wenn wir es als Feier unserer eigenen Gefühle deuten wollten. Wir feiern heute nicht unsere Emotionalität, feiern nicht unsere Gefühlsduseligkeit, feiern nicht uns selbst. Heute feiern wir Gott. Heute feiern wir die Menschwerdung des Lebens. Heute feiern wir die Rettung der Welt durch Jesus Christus, der unsere Fähigkeit, zu fühlen, zu hoffen, zu lieben, zu geben, zu vergeben, stärken und kräftig machen will. „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Das ist ein globales, rundes, alle Welt mit Liebe umfassendes Wort.

Hier in meinem Händen halte ich den Nachdruck einer russischen Ikone. Sie zeigt das Antlitz Christi. Das ist der Spiegel, in dem ich mich erkennen darf, in dem ich mich erkennen will, ich dem ich mich wieder finden kann, wenn ich denn verloren bin. Das ist die Gabe Gottes, dass ich mich in Christus von ihm gesehen, angenommen und geheiligt wissen darf unabhängig von alledem, was ich tue oder treibe, tun oder treiben muss. Zu unserer Rettung hat Gott seinen Sohn in unsere Welt gesandt, auf das wir in seinem Bild Gottes Kinder werden können.

Bislang haben Sie eventuell mit ein bisschen Anstrengung der Predigt folgen können. Das wird sich jetzt ändern, falls es denn wahr ist, was die Bibel sagt: „… und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der haßt das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.“ Rechnen Sie also ab jetzt damit, dass irgend etwas es Ihnen schwer machen wird, weiterhin zu folgen. Denn nun sprechen wir von der Vergebung. Und wer von Vergebung spricht, weiß um Sünde. Und wer um Sünde weiß, hat oft wenig mit Vergebung im Sinn, sofern es sich um die Verfehlungen der anderen handelt, gemäß dem unausgesprochenem Grundsatz vieler Menschen: Für mich ist Gnade und Vergebung angemessen, dir aber gehört das strengste Gericht. Mir die Freiheit, dir der Galgen.

„… dass er die Welt nicht richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“ Sagt die Bibel. Das wäre das zweite Werkzeug zur Rettung ihrer Welt daheim. Ein Werkzeug, das zu handhaben innere Kraft und keinerlei technische Fähigkeiten bedarf. Dass sie sich in die Arme fallen und einander das vergeben, was an Schuld und Versäumnis zwischen Ihnen bestand.

Zwei einfache Werkzeuge, die Welt zu retten: Sehnsucht nach guter Zukunft, nach Ganzheit, nach Frieden, nach Tilgung der Sünden, nach Ende von Schuld und tiefe Hoffnung auf bleibende Liebe. Wir müssen es vielfach ganz neu lernen, das Gute zu wollen und Wahrheit zu lieben. Zu sehr haben wir uns an Dreck und Sünde gewöhnt, zu gerne erfreuen wir uns an Gewalt und Hass und Niedertracht. Zu sehr hängen wir am alten Staub der Vergangenheit, nur weil er so nach uns selbst riecht. Das ist unsere deutsche Krankheit, dass wir Zukunft eigentlich gar nicht haben wollen. Und das zweite Werkzeug: Bereitschaft zur Vergebung., die Fähigkeit, Ja zueinander zu sagen, und „dennoch liebe ich dich“ sich zuzusprechen. Wie mächtig diese einfachen Werkzeuge sind, das können Sie gleich heute Abend ausprobieren. Retten Sie ihre Welt daheim. Das ist ihr Beitrag zum Frieden dieser Erde. Mehr wird heute von Ihnen nicht verlangt. Über alles weitere verständigen wir uns bei Ihrem nächsten Besuch im Gottesdienst.

Weit über die Hälfte der bundesdeutschen Bürger schaut dem kommenden Jahr missgelaunt entgegen und ängstlich gestimmt. Als Pfarrer, als Mann der Kirche ist mir das auch klar. Ein Volk, dass sich seiner Religion gegenüber gleichgültig verhält und sich ihrer eher schämt, als das es stolz darauf wäre, kann nur missmutig sein. Zukunft ist ein durch und durch religiöses Thema, weil Zukunft nur dem als Verheißung leuchtet, der Hoffnung in sich trägt. Und Hoffnung wächst aus Gottes Hand.

Zum Schluss unserer Predigt verweise ich auf das dritte Werkzeug der Rettung, den Glauben. Damit tun wir uns oft so unendlich schwer. Das fängt banal an: Wir sind zu träge, in die Kirche zu gehen. Tausend Vorbehalte haben wir als Schutzwall um uns aufgebaut; haben jederzeit gute Gründe für die unterlassene Pflege der Seele im Kontakt mit Gottes Wort. Freilich, nicht jeder Gottesdienst ist super und toll. Doch die langweiligste Predigt ist allemal besser als der Schwachsinn, den sie sich per Fernseher ins Haus lassen. Aber ich will nicht klagen, wo wir doch das gute Beispiel vor Augen haben. Der Nikodemus, der rechts oben auf dem Bild noch fragend vor Christus sitzt kommt noch ein zweites Mal in unserer Kirche vor. Dort sehen Sie ihn nun fast alle. Schauen Sie auf unseren Altar. Sie sehen in der Darstellung der Kreuzesabnahme oberhalb des Kreuzes einen Menschen. Auch das ist Nikodemus.

Wenn es Ihnen aus tausend Gründen nicht möglich ist, wirklich zu glauben, so nehmen Sie doch diese Hoffnung oder einfach nur diese Bilder mit. Nikodemus hat die Sehnsucht nach Ganzheit in sich zugelassen. In der Begegnung mit Christus ist er trotz seines Alters innerlich neu geworden und er hat sich hinein nehmen lassen in das Leben Jesu. Und auch im Leid kann er im Glauben bleiben, weil er stark ist an Hoffnung. Sie sehen aber auch, dass ein Weg zwischen beiden Bildern liegt und manche Stufe. Wer den Hirten gleich aufbricht zu Christus, der ist gerettet.

Retten sie die Welt und lassen auch sie sich retten! Frohe Weihnachten, Kulmbach!

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen