Reformation jetzt!

1. Das wahre Zeitalter der Reformation ist jetzt

Liebe Schwestern und Brüder,
wir leben in einer großartigen Zeit in diesem Land. Fast 70 Jahre kein Krieg auf unserem Boden, fast ein Vierteljahrhundert Deutschland geeint. Die Wirtschaft brummt. Die Lebensqualität befindet sich auf einem unglaublich hohem Niveau.

Ein Land, in dem heute eine Religionsfreiheit herrscht wie niemals zuvor. Ein Land, in dem die wahre Reformation im Religiösen jetzt gerade stattfindet. Das echte Zeitalter der Reformation war nicht zur Zeit Martin Luthers und seiner Nachfolger. Das Zeitalter echter Reformation hat jetzt, in den letzten 50 Jahren, begonnen.

Als Luther und seine Mitstreiter berechtigte Kritik an den Zuständen der Kirche übten, waren die Bedingungen für die Durchsetzung dieses Gedankengutes lange nicht reif:

Keine Freiheit in Glaubensdingen. Keine Freiheit der Religion, sondern nach längerem Ringen das damals als Fortschritt empfundene cuius regio, eius religio. Wem das Land gehört, dessen Religion wird in diesem Land praktiziert – wer anderes glaubt, wer der anderen Konfession angehört, dem wird gerade einmal das Recht eingeräumt auszuwandern.

Unvorstellbar heute.

Oder noch vor hundert Jahren die Schüler und Soldaten, die zum Gottesdienst beordert wurden, ob sie wollten oder nicht.

Wir leben im wahren Zeitalter der Reformation, weil wir heute tatsächlich die Freiheit des Gewissens haben, die die damaligen bloß postulierten, ohne wissen zu können, wie es ist, wirklich frei in Glaubensdingen zu sein.

Wir leben im wahren Zeitalter der Reformation, weil endlich der äußere Druck genommen ist, sich überhaupt einer oder der anderen Religion anzuschließen.

Religion ist etwas rein Freiwilliges geworden, etwas, das tatsächlich nur den Einzelnen und sein Gewissen betrifft. Etwas, das nicht vorgeschrieben wird.

Manche mögen nun unken, dass dieses mein gerade so gepriesenes wahres Zeitalter der Reformation nichts weiter ist als das Zeitalter des Relativismus, in der alles dem postmodernen Belieben und der Option unterworfen wird –

ich halte dagegen, dass dies genau der Boden ist, auf dem echter Glaube, wahres Christentum gedeihen kann., ohne dass sich irgendjemand beugen oder verbiegen muss.

Die Aufforderung des Schreibers des Jesajabuches, aus unserem Predigttext, durch die Tore hineinzugehen, durch die Tore Jerusalems und des neu erbauten Tempels:

Diese Aufforderung schließt zumindest heute die Freiheit mit ein, sich auch dagegen zu entscheiden. Nicht die Tore hoch zu machen, wie es im berühmtesten aller Adventslieder heißt.

Und dann auch das Angebot, das Gott bereit hält, beiseite zu wischen und für sich zu entscheiden: Das ist nicht mein Weg, den der Prophet vorschlägt.

Ich behaupte: Dies ist die Chance für die evangelische Kirche. Dies ist die Chance für die weltweite Kirche Jesu Christi, ihr Angebot von der Rechtfertigung des Gottlosen in die Welt hinein zu rufen.

Keine Vorteilsnahme durch einen Landesherrn, der bestimmt, dass die Kirchen voll zu sein haben.

Kein – oder zumindest kaum noch; hier in Fulda höre ich aus den Familien manchmal noch anderes – Kein Druck innerhalb der Familien, etwa mindestens eine Person pro Sonntag abzustellen, der in den Gottesdienst zu gehen hat.

Diese Zeiten sind gottlob vorbei:

Jetzt hat sich das Wort Gottes selber durchzusetzen, das von denen, die mit ihm leben, kommuniziert werden muss.

Und es ist die Chance so groß wie nie, weil wir allesamt davon ausgehen können, dass diejenigen, die dabei sind, die sich haben taufen lassen und konfirmieren und Kirchenmitglieder sind und bleiben, dass die das wollen und die Botschaft von Jesus für alle Welt gern und aus freien Stücken hören,

in Zeiten, wo einem am Arbeitsplatz, wie mir kürzlich berichtet wurde, um die Ohren gehauen wird: „Bist Du noch nicht ausgetreten?“

Das Wort Gottes selber ist es, das sich jetzt durchsetzen muss. Und es sind wir Christinnen und Christen, die es immer wieder und wieder auszurichten haben.

Als Kommunikatoren des Evangeliums.

Als diejenigen, die durch die Tore eingehen, die Tore, die Gott uns geöffnet hat.

Die Prophezeiung des Propheten Jesaja liest sich dabei wie ein Reformprogramm für unser jetziges, m.E. so reformatorisch durchsetztes Zeitalter:

2. Primäre und sekundäre Religionserfahrungen: „Bereitet dem Volk den Weg!“

„Bereitet dem Volk den Weg“, ruft Jesaja uns zu. Dass damals die israelitischen Heimkehrer aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem gemeint waren, hält uns heutige nicht davon ab, darauf zu schauen, was für uns,

und damit meine ich in reformatorischer Absicht uns Christinnen und Christen,

was also für uns die richtige Wegbereitung für das „Volk“ ist:

für unsere Kirche, für unser Land, und für die Welt.

Ja sicher, die Kirchen der Reformation haben es schwer. Es sind nicht die sogenannten „primären religiösen Erfahrungen“, mit denen wir punkten können. Die Unmittelbarkeit des Religiösen im Gottesdienst und im Glaubensvollzug haben wir mit intellektueller Redlichkeit mehr und mehr verbannt:

Keine Heiligenverehrung, keine Erfahrung mit allen Sinnen, wie etwa mit Weihrauch, bunter Kleidung, Prozessionen und Wallfahrten. Nicht einmal herausgehobene Ämter mit verschiedenen Weihegraden und bestimmenden Lebensregeln. Stattdessen allein das Wort und die Vernunft, der Intellekt und die an Jesus Christus orientierte Auslegung der Bibel.

„Sekundäre Religionserfahrung“ nennen das die Theologen und Religionswissenschaftler, wenn eine Religion so kühl und verkopft daherkommt, wie der Protestantismus.

In den letzten Jahrzehnten hat zum Glück ja wieder eine Hinwendung zum Menschen und zum Gefühlsleben stattgefunden.

Es ist die Erkenntnis dabei leitend, dass es vor allem „primäre“, also unmittelbare Religionserfahrungen sind, die distanzierte Menschen ansprechen, ja brauchen, um überhaupt zu verstehen, was Glauben sein kann.

Und so erlebt die Kirche zurzeit etwa eine Renaissance von Segnungsgottesdiensten, eine Zunahme der Abendmahlsfrömmigkeit, einen recht guten Zulauf bei Gottesdiensten, die persönlichen Bezug haben, also etwa Taufen, Konfirmationen oder den großen kirchlichen Events, man denke etwa an den Kirchentag.

Glaube und Religion wird von vielen nur noch wahrgenommen im Erleben – oder es wird gar nicht mehr wahrgenommen.

Was Martin Luther meinte mit seinem derben „Dem Volk aufs Maul schauen“, das gilt für uns heutige genauso wie 1525 in Wittenberg.

Und es gilt mitnichten nur für Pfarrer: Kommunikatoren des Evangeliums sind alle Christinnen und Christen.

Jeder ist dem Nächsten Priester, hat Luther in Anlehnung an den Hebräerbrief immer wieder und zurecht betont.

„Bereitet dem Volk den Weg“ heißt dann für uns: Wenn wir als evangelische Kirche überhaupt relevant in unserer säkularen Gesellschaft sein wollen, wenn man uns überhaupt noch verstehen soll, sollten wir auf diejenigen, die das Christentum noch nicht für sich entdecken konnten, offener, freundlicher, aber auch viel kräftiger werbend zugehen als wir es bislang getan haben.

Denn tun wir das nicht, dann merkt das sogenannte Volk auch nicht, dass wir eine Botschaft haben, die für sie von höchsten Interesse sein könnte:

Immerhin die Verheißung von Ewigem Leben, Gemeinschaft mit Gott, Befreiung aus der Selbstverfangenheit, Gottvergessenheit und Angst.

3. Bedingungen schaffen für die Kirche von heute

„Macht Bahn, macht Bahn“, ruft Jesaja uns zu.

Sehr viel hübscher – und etwas dichter am hebräischen Wortlaut dran – ist eine englische Übersetzung dieser Stelle:

„Build up the highway“, heißt es in einer englischen Übersetzung.

„Schüttet den Highway, die Schnellstraße, auf.”

Bei uns Deutschen kommen noch einmal ganz andere Assoziationen bei dem Wort Highway als bei der lutherischen „Bahn“ oder schlichten „Straße“.

Gemeint ist dann auch in der Tat bei Jesaja das persische (Schnell-)Straßennetz, das erste wirklich funktionierende und durchdachte Straßennetz in der Geschichte der Menschheit, lange vor den Römern.

Ohne Bereitstellung von Highways ist kein Handel und kein Austausch möglich. Ohne das planmäßige Anlegen dieser vielleicht wichtigsten Infrastruktur für größere Länder fallen diese irgendwann einfach in sich zusammen oder auseinander, da keine Zentralgewalt Einfluss auf die entlegeneren Gebiete hat.

Für uns reformatorische Christinnen und Christen bedeutet das: Baut weiter an der Infrastruktur, lasst sie nicht verkommen! Baut weiter an einer Infrastruktur, die der Kommunikation des Evangeliums dient.

Oder wenn schon nicht überall die Zahlen und Mittel es hergeben, Kirchen und Gemeindezentren weiter zu entwickeln, wie hier in Fulda auf dem Neuenberg in sensationeller Weise der Fall, so baut doch weiter an der vorhandenen Infrastruktur, dass unsere Räumlichkeiten nicht als Museum, sondern als lebendiger Ort der Gottesbegegnung wahrgenommen werden können.

Es sind die vielen Kirchen und es sind die Gemeinderäume, die unsere Kirche dringend braucht und erhalten sollte – im Gegensatz übrigens zum Pfarrhaus, das seinen Zenit als Mittelpunkt evangelischen Frömmigkeitslebens längst überschritten hat.

Für uns reformatorische Christinnen und Christen bedeutet diese Aufforderung zur „Aufschüttung des Highways“ genauso, dass unsere innere, spirituelle und religiöse Infrastruktur stets der Überprüfung bedarf.

Bin ich selbst überhaupt ausgerüstet, um den Anforderungen der Zeit mit meinem Glauben begegnen zu können?

Oder ist mein Gottesbild, was ich in meinem Herzen trage, dermaßen in die Jahre gekommen, dass ich eigentlich keine Kraft mehr daraus ziehe, sondern mehr Kraft hineinlegen muss, um dieses irgendwie – götzendienerisch – am Leben zu erhalten.

Die Vorstellung, wie Gott sein könnte, ändert sich doch über ein Menschenleben.

Den Gott aus Kindheitstagen festhalten zu wollen ist mindestens genauso verfehlt wie nicht zugeben zu können, dass die Haltung zur Politik über die Jahre eine andere geworden ist.
Um es auf den Punkt zu bringen:

Die religiöse Infrastruktur des Herzens ist nicht damit angegangen, indem man sich Kirchensteuern einziehen lässt.

Sie lebt davon, be- und genutzt zu werden. Und sie lebt vom Weitersagen: An Kinder und Enkel, dem Lebens- oder Ehepartner.

4. Ballast entrümpeln

„Räumt die Steine weg!“ mahnt Jesaja seine Israeliten.

„Entrümpelt endlich den ganzen Ballast, den ihr mitschleppt, ohne wirklich der Kommunikation des Evangeliums zu dienen.“

Und wenn ich das so plakativ sage, dann weiß ich freilich, dass dies kein generalstabsmäßiges Kommando sein kann.

Denn was die Kommunikation des Evangeliums verhindert statt fördert, das muss jede Gemeinde freilich für sich entscheiden!

Eine solche Entrümpelung muss von Gemeinde zu Gemeinde, von Ort zu Ort, ganz unterschiedlich ausfallen, da die Gepflogenheiten und Notwendigkeiten einfach unterschiedlich sind.

Lutherkirche ist nicht Versöhnungskirche ist nicht Trätzhof ist nicht Christuskirche!

Die Zersplitterung und Pluralisierung der Gesellschaft macht vor den Gemeinden nicht halt, und dann ist es gut, in der Fläche, wie hier in Fulda, verschiedene Angebote für unterschiedliche Interessen vorhalten zu können.

Was wollen und können die Christinnen und Christen vor Ort zur Kommunikation des Evangeliums beitragen? Und was lassen sie bleiben?

Solcher Art werden mehr und mehr die Fragen sein, nach der Kirchengemeinden sich ausrichten werden müssen. Ich stelle mir gemeinsam mit dem Münsteraner Theologen Prof. Grethlein die Frage, ob das Vereinschristentum, wie wir es meist in der Fläche noch pflegen, nicht bald ausgedient haben wird zugunsten vieler anderer, durchaus reformatorischer Formen der Kommunikation des Evangeliums,

die von den Gläubigen fürdie Gläubigen je sehr unterschiedlich ausgestaltet werden.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass dieser Prozess längst begonnen hat und wir Christinnen und Christen uns dabei nicht selbst im Weg stehen sollten.

Lasst uns die Steine wegräumen und den Highway hochziehen, ihn breit machen, dass die Kommunikation des Evangeliums gelinge!

Das Zeichen dafür, das wir aufrichten sollen, wie es Jesaja damals seinen Israeliten mit auf den Weg gab, ist für die Christenheit freilich das Kreuz. Indem wir darauf schauen und glauben, können wir mühelos die Infrastruktur unserer Kirchen – sowohl der Gebäude wie auch im Herzen – immer neu reformieren.

5. Christen: Erlöste des Herrn. Heiliges Volk

Jesaja spart nicht mit schönen Worten zum Ende seiner Verheißung in unserem Predigttext. Diejenigen, die das erleben, werden „Heiliges Volk“ genannt, „Erlöste des Herrn“.

Sei es nun, dass die frühe Christenheit diese Begrifflichkeiten einfach auf sich selbst bezogen hat oder aber die Prophezeiung Jesajas in Jesus Christus aufgegangen ist.

Es sei wie es will: Wir Christinnen und Christen sind mit den Juden das Heilige Volk, die Erlösten des Herrn.

Manchmal, da merkt man davon bei uns wenig. Zu wenig!

Schau ich mir etwa die Gesichter beim Heiligen Abendmahl an, dann frage ich mich manchmal, was Gott uns denn eigentlich noch anbieten muss, damit wir weniger sauertöpfisch drein schauen.

Reicht uns denn die Gemeinschaft mit Jesus, Ewiges Leben, die Liebe Gottes und seine unbedingte Anerkennung nicht aus, um frohen Mutes am Heiligen Mahl teilzunehmen?

Wir Gläubigen dürfen wesentlich fröhlicher in den Tag hineingehen, denn wir haben als „Erlöste des Herrn“ allen Grund, stets positiv in die Zukunft zu blicken: Es ist schließlich Gottes Zukunft mit uns, in die wir gehen.

Und am Ende, liebe Schwestern und Brüder, am Ende ist auch die Reformation unsere Kirche, die heute so greifbar ist wie nie zuvor, eine Sache unseres guten und gnädigen Gottes, der das Haupt der Kirche ist und bleibt in alle Ewigkeit.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.

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